Katharina Knab als Antigone, Paul Grill als Kreon: „Antigone“ im Kammertheater Stuttgart Foto: Fantitsch

Der Franzose Laurent Chétouane macht aus Friedrich Hölderlins „Antigone“-Bearbeitung ein existenzialistisches Kammerspiel von dreieinhalb langen Stunden. Schauspielerische Glücksmomente zerfallen in der Mühle des Immergleichen zu Staub.

Stuttgart - Um es gleich zu sagen: Die dreieinhalb Stunden „Antigone“ im Kammertheater, von dem französischen Regisseur und Choreografen Laurent Chétouane nach Friedrich Hölderlins ebenso sprachgewaltiger wie sperriger Version der antiken Sophokles-Tragödie inszeniert, sind die reine Zumutung. Da hilft es auch nichts, dass neun Protagonisten ein feines Gespinst aus Körpersprache, musikalischer Klangwelt und Dichtung entstehen lassen. Wer als Zuschauer keine enorme Leidensfähigkeit mitbringt, wird es wie ein Teil des Premierenpublikums am Samstagabend machen und das zur Grabkammer mutierte Kammertheater vorzeitig verlassen.

Für die Titelfigur allerdings – ungreifbar, da wie bei allen anderen Rollen auch ihr Text diversen Figuren in den Mund gelegt wird und dadurch haltlos zersplittert – gibt es kein Entrinnen. Und weil Chétouane, der erstmals für das Stuttgarter Schauspiel arbeitet, diese Ausweglosigkeit offenbar bis in den letzten Winkel des Zuschauerraums tragen will, kennt seine „Antigone“ kein Pardon.

Zwei lange Stunden schleppen sich die zerhackstückten Dialoge, Monologe und Chorgesänge dahin, akustisch verständlich und durchaus einnehmend, aber ihren Sinn durch die ankerlose Vielstimmigkeit oft einbüßend, bevor man begreift: Die Strafe für die Tochter des Ödipus, die bei lebendigem Leibe begraben werden soll, weil sie den gesetzesbrüchigen Bruder Polyneikes unerlaubt beerdigte, hat hier längst begonnen.

Dieses unentrinnbare Schicksal einer Todessüchtigen vorwegnehmend, raubt das Ensemble der klassischen Tragödie ihren Höhe- und Wendepunkt und macht daraus ein existenzialistisches Kammerspiel. Die Auswegs- und Sinnlosigkeit sind das Thema, nicht der Konflikt zwischen göttlichem und weltlichem Gesetz, nicht die Hybris eines Machthabers und die Opferbereitschaft einer Widerständigen. Wie Thebens Herrscher Kreon Antigone nicht genug zum Leben und nicht genug zum Sterben lässt, so wird auch das Publikum hingehalten: mit Szenen, die dem Theaterabend mit einem Mal Nahrung zu geben scheinen, die aber schon bald wie Trugbilder in der Mühle des Immergleichen zermahlen werden. Und so quittiert ein Teil des Publikums Kreons Frage „Was ist denn schlimmer noch als das, was schlimm ist?“ mit fassungslos-wissendem Gelächter. Das ist Antwort genug.

Dabei gelingen den Darstellern, allen voran der leuchtäugigen Katharina Knab und zunehmend auch Paul Grill, viele anrührende Momente. Und für die lohnt es sich, Antigones Martyrium für 210 Minuten zu teilen.

Stockend, wie einen schwer verständlichen Gesetzestext, der für Akten, aber nicht für menschliche Zungen gemacht ist, liest Paul Grill seine Kreon-Passagen anfangs wie ein Anfänger vom Blatt. Die Textfahnen liegen auf dem in der Raummitte platzierten Konferenztisch ebenso wie auf den darum herum verteilten Notenpulten.

Später, als Kreon durch des Sehers Prophezeiung verunsichert ist, macht er mit nervösem Hand- und Armflattern und tränenvollen Augen die innere Erschütterung und Hilflosigkeit deutlich. Katharina Knab, die Antigone nicht nur häufig ihre leicht brüchige, schön transparente Stimme leiht, sondern die ihrem Körper zeitweise auch ein griechisches Frauengewand überzieht, gestaltet ihren Part mit blutvoller Energie und blickt den Zuschauern dabei so ungeschützt ins Gesicht, dass es fast schmerzt.

Während die an Cello, Klavier, auf Flöte und E-Gitarre (Musik: Leo Schmidthals) erzeugten Kakofonien, Kadenzen, Akkorde und lang gezogenen Einzeltöne das bei aller Erstarrung höchst bewegte Bühnengeschehen wirkungsvoll, aber unaufdringlich einbetten und akzentuieren, wirkt der freie Ausdruckstanz von der auch klar und kraftvoll sprechenden Berit Jentzsch zuweilen allzu girlandenhaft. Treffender, wenn auch kaum übers Illustrative hinausgehend, sind da schon die Gesten, mit denen die Akteure das Gesagte bebildern. So sehr die Darsteller auch gehalten sind, jede Theatralik zugunsten eines schattenhaften Minimalismus zu vermeiden – manchmal dürfen sie dennoch zeigen, was ihre Figuren fühlen. So steigert Caroline Junghanns ihren monoton beginnenden Monolog in eine Wutrede, so zeigt Manja Kuhl mit einem Mal Biss und Johann Jürgens in einer Laufrunde aufgestaute Körperenergie. Und Nathalie Thiede spricht Hölderlin mit melodischem Klang, der den Worten den Sinn gleich mitgibt.

Aber wie gesagt: Solche Momente des Erlebens und Miterlebens sind mit einer gnadenlosen Zeit des bloßen Ausharrens zu bezahlen. Eine Pause und damit eine Gelegenheit zur unbemerkten Flucht gibt es übrigens nicht. Das nur, damit am Ende keiner sagen kann, man habe ihn nicht gewarnt.

Nochmals an diesem Montag sowie am 14., 17., 19. und 20. 1.; Karten: 07 11 / 20 20 90.

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