Die Free-Palästina-Demo am Freitag in Stuttgart blieb friedlich. Foto: www.7aktuell.de | Jonas Oswald

2000 Demonstranten protestieren am Freitag in Stuttgart gegen den Krieg in Gaza, gegen die israelischen Militäraktionen. Die Stimmung ist aufgeheizt und zeitweise höchst explosiv – doch schlimme Tumulte bleiben aus.

Stuttgart - „Lasst euch nicht provozieren, lauft weiter!“ Der Versammlungsleiter braucht seine ganze Energie, um per Lautsprecher die Menge im Demonstrationszug im Zaum zu halten. In einer zeitweise äußerst aufgeheizten Stimmung sind am Freitagnachmittag in Stuttgart die Proteste gegen die israelischen Militäraktionen im Gazastreifen über die Bühne gegangen.

Etwa 2000 Demonstranten sind zwischen Schlossplatz und Hauptbahnhof in Stuttgart unterwegs – der Veranstalter, die Palästinensische Gemeinschaft in Deutschland mit fünf weiteren Vereinen, hatte 2500 Teilnehmer erwartet. Damit ist der Trend ähnlich wie in Berlin, wo statt der angekündigten 1500 Teilnehmer letztlich 1200 am antiisraelischen Al-Kuds-Tag protestierend auf dem Kurfürstendamm unterwegs sind.

In Stuttgart beginnt alles zunächst friedlich: Knapp 900 Protestierer, so die erste Schätzung der Polizei, hat sich zum Auftakt auf dem Schlossplatz eingefunden – und alles ist um Deeskalation bemüht: Mehrfach weisen Redner darauf hin, dass der Protest ausschließlich gegen die Besetzung und Bombardierung Gazas gerichtet sei. Sie beschwören die Menge, sich „von antijüdischen, von antisemitischen Äußerungen zu distanzieren“. Das findet den Applaus der Streiter für die Sache Palästinas.

Doch da ist auch die Rede davon, dass die Israelis „die Palästinenser nicht behandeln sollen, wie die Nazis die Juden behandelt haben“. Es wird kritisiert, dass man sich in diesen Tagen „in Deutschland Sorgen macht um die anti-israelische Stimmung“, während in Gaza täglich „Hunderte sterben“. Ein Imam stimmt das al-Janaaza, das muslimische Totengebet, an. Eine Gruppe skandiert „Allaha akbar“, „Gott ist größer“. Und die Ordner schwitzen, als Redner die Menge auffordern, sie möge doch „Deutsch rufen, Arabisch könnt ihr zu Hause!“

Vor dem Abmarsch des Demonstrationszugs, die Menge ist nun auf 2000 angewachsen, spitzt sich die Lage zu. Alarm für die Einsatzkräfte, die mit mehreren Hundert Beamten im Einsatz sind. „Eine sehr aufgeheizte Stimmung“, sagt Polizeisprecher Stefan Keilbach. Buhen, Grölen. Der Grund: Eine Frau an der Treppe des Kunstmuseums am Rand des Schlossplatzes. Weißes Haar. Geblümte Bluse. Schwarze Hose. Den meisten der Demonstranten reicht sie bis zur Brust. Wenn überhaupt. Um die 70 muss die Frau sein, die als „Hure“, als „Schlampe“ beschimpft wird. Ihr Vergehen: Sie hält eine Israelfahne aus Papier hoch, eine, wie sie Kinder zu Staatsbesuchen schwenken. „Geh’ nach Hause, hier hast du nix zu suchen“, pflaumt sie einer an. Der andere entreißt ihr das Fähnchen, um in der Menge zu verschwinden. Polizisten marschieren auf.

Nun doch eine explosive Mischung mitten in Stuttgart: Jugendliche Palästinenser, Islamisten aus Pforzheim und Zuffenhausen, die in jenen Moscheen verkehren, in denen auch die gebetet haben, die aus Baden-Württemberg in den heiligen Krieg nach Syrien zogen. Und Linke, die sich den Kampf gegen den Antifaschismus auf die Fahnen und T-Shirts schreiben.Friedlichen Protest gegen den Konflikt in Israel hat die Gemeinde der Palästinenser in Stuttgart angekündigt. Das alles scheint vergessen, als die Demonstranten losmarschieren wollen und an der Frau mit der Israel-Fahne vorbei müssen. Sie bekommt Verstärkung von 20 Gleichdenkenden. Zwei, drei weitere Israelfähnchen werden geschwenkt. Das bringt die Stimmung unter den Demonstranten zum Kochen. 50 Bereitschaftspolizisten bilden eine Kette, trennen die Lager. Derbe Schimpfwörter. Der Polizeisprecher spricht davon, man sei „verbal, emotionalisiert aufeinander losgegangen“. Aber niemand wird handgreiflich.

Welches Konfliktpotenzial in den Demonstrationen gegen den Krieg um Gaza steckt, musste die Stuttgarter Polizei bereits am 12. Juli in der Innenstadt erfahren – an jenem Samstagnachmittag war sie von Ausschreitungen völlig überrascht worden. Denn abseits des palästinensisch-israelischen Konflikts bilden sich die erstaunlichsten Koalitionen – etwa nach dem Motto: Islamisten und Muslime gegen Christen und Juden. Tatsächlich waren bei der Randale in Stuttgart vor zwei Wochen nationalistische Türken mit offenbar kurdischen Gegnern aneinander geraten.

„Eine Gruppe nationalistisch geprägter Türken hatte sich in die Demonstrationsmenge gemischt“, sagt Polizeisprecher Stefan Keilbach über den Fall 12. Juli. Diese Teilnehmergruppe war an Türkeifahnen deutlich erkennbar – offenbar auch für eine Gruppe von 20 jungen Männern, die eher der linken und kurdischen Fraktion zuzurechnen waren. Diese griffen von außen die Nationaltürken mit Plastikflaschen und anderen Gegenständen an. Der Polizei, mit etwa 100 Beamten im Einsatz, gelang es zwar, die Angreifer in Richtung Bankgebäude abzudrängen. „Doch anschließend konnten sich die Beteiligten einer Personenkontrolle entziehen“, so Keilbach. Mit anderen Worten: Den Randalierern gelang die Flucht. „Wir haben keine Identitäten feststellen können“, so Keilbach.

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