Fensterbauer bei der Arbeit: Das Handwerk ächzt unter einer Regelungsflut – das raubt Zeit für die eigentliche Tätigkeit Foto: Zoller

Der Böblinger Kreishandwerksmeister Wolfgang Gastel sieht die Grünen bei der Protestaktion eines Kollegen zu Unrecht am Pranger, versteht aber seinen Grant: Das Handwerk ächze unter zu viel Bürokratie. Zum Beispiel: die Vorschrift, einem Leiternbuch zu folgen.

In Althengstett (Kreis Calw) hat ein Handwerker per Schild verkündet, dass Grünen-Wähler nicht mehr willkommen seien. Diese Aktion hat heftige Gegenreaktionen ausgelöst, naturgemäß von den Grünen. Aber der Fensterbauer Jourdan bekommt auch Beifall. Wie sieht der Kreishandwerksmeister das Vorgehen?

 

Herr Gastel, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von der Aktion des Fensterbauers Jourdan gelesen haben, der keine Grünen-Wähler mehr bedienen will?

Ich dachte mir, das ist heftig und ob sich der Kollegen nicht damit ein Ei legt. Ich glaube, er hat einfach mal seinen Frust über vieles abgelassen. Allerdings betreibt er damit eine unglückliche Polarisierung auf die Grünen. Keine politische Gruppierung hat es zum Beispiel bisher geschafft, bürokratische Regeln zu erlassen, die uns Handwerkern die Arbeit erleichtern. Manche der Gesetze sind schon 30 Jahre alt. Es ist nicht alles auf dem politischen Boden der Grünen gewachsen.

Also ging der Schuss nach hinten los?

Es wäre sicher günstiger, wenn man nicht einfach etwas raushaut, sondern sich als Handwerker um einen vernünftigen Dialog mit der Politik bemüht. Dabei ist es meines Erachtens egal, um welche Partei es geht: Grüne, SPD, FPD oder CDU. Sie sollten alle für uns da sein.

Die Grünen regieren in Bund und Land, ganz ohne Verantwortung sind sie nicht.

Was ich ihnen ankreide, ist eine schlechte Kommunikation. Politik darf auch anders herum funktionieren: Kein Handwerker ist sich zu schade, einen Politiker zu empfangen, um ihm zu zeigen, wo der Schuh drückt. Das hat in letzter Zeit gelitten.

Sie können den Frust nachvollziehen?

Nehmen wir doch mal den Bürokratieabbau. Den haben wir schon seit 30 Jahren auf dem Tisch. Bisher ist es keiner Regierung gelungen, nennenswerte Fortschritte zu erzielen. Offiziell gibt es zwar die Regel, dass für jede neue Verordnung eine andere abgeschafft werden muss. Doch das ist de facto nicht so. Im Gegenteil: Wenn zwei neue Vorschriften kommen, bleibt eine alte bestehen.

Was bedeutet das für die Betriebe?

Wir sind Handwerker, wir wollen raus und arbeiten. Wir wollen nicht im Büro sitzen und für Finanzamt oder Berufsgenossenschaft Akten ausfüllen, die hinterher in irgendwelchen Ordnern verschwinden. Das ist es, glaube ich, was Markus Jourdan anfrisst. Wir müssen wieder zurück zur Arbeit finden und nicht zur Bürokratie.

Können Sie ein Beispiel geben?

In meinem Fensterbau-Betrieb muss ich zum Beispiel ein Leiternbuch führen, in dem jede Leiter eingetragen ist. Da gibt es etwa Podestleitern, Stehleitern oder Anlegeleitern. Nun muss ich laut Vorschrift meinen Mitarbeitern regelmäßig erklären, wozu die jeweiligen Leitern da sind und worauf zu achten ist. Zum Beispiel darf man auf einer Anlegeleiter nur Höhenunterschiede überwinden, aber nicht drauf arbeiten. Nach der Einweisung muss ein Formular unterschrieben und abgeheftet werden.

Wie oft muss so eine Unterweisung sein?

Definitiv einmal pro Jahr. Teilweise aber auch auf jeder Baustelle erneut. Außerdem müssen wir für jede Baustelle mittlerweile eine Gefährdungsbeurteilung schreiben und gefährliche und nicht gefährliche Arbeitsmittel auflisten. Da eine Leiter als gefährliches Arbeitsmittel eingestuft wird, muss ich den Mitarbeitern je Baustelle die Leitern wieder neu erklären. Ehrlich gesagt, da hört mein Verständnis auf. Solche Dinge überlässt man doch dem gesunden Menschenverstand.

Finden Sie damit Gehör?

Das sind schon Punkte, so kleinteilig sie auch sein mögen, die man im Gespräch mit Politikern anspricht. Schließlich könnten wir uns damit viel Zeit sparen, die man anderweitig verwenden kann. Denn ganz ehrlich: Wenn ein Mitarbeiter die Einweisung ein paar Mal gehört hat, hört er irgendwann nicht mehr hin. Das kann man sich genauso gut sparen.

Zumal das Handwerk ohnehin über Personalprobleme klagt.

Diese Themen betreffen vor allem unsere Nachfolger in der Leitung von Betrieben, die wir dringend brauchen. Es gibt viele junge Menschen, die bereit sind und Lust haben, handwerklich zu arbeiten. Und darin sind sie hoch motiviert und gut. Doch sobald sie an die Büroarbeit kommen, legt sich ein Schalter um und sie sagen: So habe ich mir das nicht vorgestellt. Das ist ein gewaltiger Hemmschuh! Wir müssen die Bürokratie eindämmen. Dann macht es uns wieder mehr Spaß, die Firmen zu führen.