Das Wort Depression Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa/Jan Woitas

Im April forderte Psychologin und Kriminologin Tatjana Etzel-Fuchs, bei Maßnahmen im Kampf gegen Corona auch an deren Opfer zu denken. Die suchen jetzt vermehrt ihre Hilfe in der Praxis.

Stuttgart - Vor großem Druck bei Familienfeiern unterm Weihnachtsbaum warnt Tatjana Etzel-Fuchs. Früher half sie als Polizistin Menschen, heute als Psychologin und Kriminologin in Niederstrotzingen bei Günzburg.

Frau Etzel-Fuchs, als wir im April über die Pandemie sprachen, mahnten Sie, bei allen Maßnahmen zur Eindämmung an die so genannten Kollateralschäden zu denken. Wenn Sie sich die am Mittwoch getroffenen Maßnahmen anschauen, was geht Ihnen durch den Kopf?

Als erstes bekomme ich dieses Schaudern, wenn ich an Weihnachten denke. Uns wird eine ganz wichtige Zeit genommen, die Vorweihnachtszeit. Das darf man nicht unterschätzen: Wir genießen ja so unheimlich diese Vorfreude. Und ich möchte da nicht polemisch klingen oder wirken: Aber ich weiß nicht, ob Weihnachten per se nur zwischen dem 24. und 26. unterm Baum Entspannung bringt. Tatsächlich glaube ich eher, dass wenn sich dann Familien treffen, sich erst einmal dieser Druck entlädt, der auf uns lastet.

Warum?

Da ist sehr viel Frust und Angst bei und in den Menschen. Viele habe sich jetzt seit vielen Wochen vielleicht nicht sehen können und werden wieder voneinander gehen, ohne zu wissen, wann sie sich wiedersehen. Wir wissen einfach nicht, was auf uns zukommt. Das verunsichert in einem ungeahnten Ausmaß.

Wie erleben Sie das in Ihrer Praxis?

Die Pandemie hat Macht über viele Menschen, macht ihnen Angst. Ich habe vermehrt Patienten mit Angststörungen, die durch Corona und den Umgang damit ausgelöst wurden. Eine Patientin hat eine derartige Angst vor Corona, dass sie ihren Alltag lebensbedrohlich wahrnimmt. Auch Depressionen können einen schweren Verlauf haben; viele Patienten, die unter Ängsten leiden, fürchten sich jetzt noch mehr und was fatal ist, sie ziehen sich aus dem sozialen Leben noch mehr zurück. Außer Vereinsamung schafft das auch eine Chronifizierung ihrer bereits bestehenden Erkrankung durch entsprechendes Vermeidungsverhalten. Aus einem vorübergehenden Symptom oder einer Krankheit wird also eine dauerhafte.

Aber das hätten diese Menschen doch auch ohne Vorweihnachtszeit und Heiligen Abend …

… natürlich. Aber es gibt eben auch die Menschen, die gerade zu Weihnachten vermehrt spüren, dass sie traurig und einsam sind. Eine Zeit, in der ohnehin eine Gefahr für erhöhten Suizid besteht für depressive alleinstehende Menschen – und dieses Jahr umso mehr. Wir Menschen sind soziale Wesen, ohne Beziehungen gehen wir kaputt. Das beginnt im Mutterleib und hört erst mit dem Tod auf.

Stellen Sie in Ihrer Arbeit, in Ihrer Praxis, fest, dass es aus der Pandemie und den Schutzmaßnahmen wie dem Lockdown, Schäden gibt, die nicht auf das Virus zurückzuführen sind?

Nach vielen Gesprächen mit Kollegen ist für mich sicher: Corona ist auch eine soziale Pandemie. Menschen leiden unter verschiedenen psychischen Störungen, manche Patienten erleben durch die Abkoppelung vom dem körperlich spürbaren sozialen System durch menschliche Nähe einen zusätzlichen Schub für weitere Verschlechterung, andere Patienten haben durch die Maßnahmen der Regierung eine Legitimation erhalten, Zwänge wie dem Waschzwang nachzukommen. Das kann sich in klinischer Hinsicht auf maladaptive Weise chronifizieren, sich also mit wenig Aussicht auf Besserung deutlich verschlechtern.

Das sind düstere Aussichten …

Wenn Corona mal irgendwann nicht mehr so viel Raum einnimmt, weil wir einen Impfstoff haben, weil wir sicherer damit umgehen können, weil wir Strategien entwickelt haben, dann glaube ich, dass wir eine noch größere Zahl depressiver Menschen haben werden, als ohnehin schon. Ich nenne jetzt schon diese Zeit: „After-Corona-Depression“. Immer dann, wenn der Stress sich legt, hat der Körper die Chance für Regeneration; und psychisch Krankwerden kann eine - zwar ungünstige - Bewältigungsform sein, weil dann die Kräfteressourcen einfach erschöpft sind. Die Hilflosigkeit, die wir in diesem Jahr erleben, widerspricht so sehr unserem Erlernten, etwas zu machen und zu erreichen und zu verändern. Und trotzdem gehen die Zahlen hoch. Das müssen wir erst einmal verdauen.

Manche der Maßnahmen erschließen sich nicht: Morgens haben Schülerinnen und Schüler in der Schule Sport, zum Fußball im Verein dürfen sie am Nachmittag nicht.

Das ist genau der Punkt. Sarkastisch könnte ich jetzt sagen: Gut, dass es wenigstens noch in der Schule Sport gibt. Mir fehlt ein Konzept, wie wir mit der Pandemie langfristig umgehen wollen und sollen. Ich höre immer nur Impfstoff, aber was ist mit dem psychischen Folgen? Ich wünsche mir ein Konzept, das den Menschen ihre Vernunft zugesteht, ihre Verantwortung. Nehmen Sie Restaurantbesuche: Ich habe mich im Sommer in keinem Restaurant unwohl gefühlt. Im Gegenteil. Wir hatten Abstand, es wurden Hygiene- Standards eingehalten. Und jetzt gehen nicht nur die Existenzen von Restaurantbesitzern und Beschäftigten den Bach runter, sondern auch unser aller kleiner Wohlfühlmomente.

Im April forderten Sie, die Menschen müssten eine Vorstellung davon haben, wann und wie sie die vollen Grundrechte zurückbekommen, die das Grundgesetz garantiert.

Das starre System von Regeln und Verboten sollte aufgeweicht werden. Da wünsche ich mehr Empathie und Transparenz bei den Entscheidern, die über Menschen, ihre Lebenswirklichkeit und ihre individuelle Lebenssituation momentan hinweg und pauschal entscheiden müssen. Das führt in ein Dilemma: Denn dann, wenn uns der Staat durchaus legitime Grenzen setzt, haben wir zunächst reflexartig Schuldgefühle. Habe ich etwas falsch gemacht?, fragen wir uns. Dann kommt das Gefühl der Unsicherheit. Der Staat nimmt uns Handlungsspielräume mit dem ursprünglich übergeordneten Schutzgedanken der Gesundheit. Das kann Widerstand in Form von Rebellion hervorrufen, weil Angst und Wut über die Macht des Staates uns hilflos spüren lässt. Das ist eine schwierige Güterabwägung zwischen menschlichen, sozialen und gesundheitlichen Aspekten für die Politik. Um diesen Konflikt zu lösen braucht es eine große Portion Empathie und Verständnis von staatlicher Seite für alle Leidtragenden der Pandemie und der politischen Entscheidungen.

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