Veranstaltungen wie das Vegane Hoffest in Remseck erleben derzeit einen regelrechten Hype. Woran das liegt, erklärt eine Ernährungsberaterin aus Ludwigsburg.
Das Vegan Fine Dining im Scala-Restaurant in Ludwigsburg – an drei Abenden in Folge ausverkauft. Das Vegane Hoffest in Remseck am Neckar – am ersten Tag so überrannt, dass das Essen für den zweiten Tag nicht mehr ausreichte. Veranstaltungen rund um das Thema vegane Ernährung im Kreis Ludwigsburg lösen derzeit einen regelrechten Hype aus. Erlebt Veganismus gerade einen neuen Aufschwung?
Die vegane Ernährungsberaterin Shari Intili aus Ludwigsburg sieht das nicht so. „Das hat in den vergangenen Jahren regelmäßig zugenommen. Jetzt fällt es nur extrem auf, weil nach der Coronapandemie die Möglichkeiten wieder da sind, solche Feste zu feiern.“ Doch es gibt durchaus Gründe, warum Angebote wie jene im Scala oder in Remseck auf so große Resonanz stoßen.
Veganismus fördert die Gemeinschaft
Es existieren keine genauen Angaben darüber, wie viele Menschen in Deutschland sich vegan ernähren. Die Werte bewegen sich im Bereich zwischen ein und drei Prozent – Tendenz steigend. Gleichzeitig nimmt der Fleischkonsum kontinuierlich ab. Für Ernährungsberaterin Intili hat diese Entwicklung mehrere Gründe.
Ganz allgemein habe das Bewusstsein der Menschen für ihre Ernährung zugenommen – nicht nur bei den Veganern. Dazu kommen Influencer und Social Media, die ebenfalls eine große Rolle spielten. „Da kann man die Food-Trends sehen und man sieht auch, wie toll das Essen hergerichtet ist. Gerade pflanzliches Essen ist kunterbunt und sieht immer schön aus.“
Auch Klimaschutz und Nachhaltigkeit spielten für immer mehr Menschen eine Rolle. „Die vegane Ernährung ist sehr umweltfreundlich“, sagt Intili. Dazu biete Veganismus die Möglichkeit, eine Gemeinschaft zu bilden. Dieser gemeinschaftsbildende Faktor trifft auch auf das Vegan Fine Dining oder das Vegane Hoffest zu.
Jeder kann von pflanzlicher Ernährung profitieren
Intili erwartet, dass die Zahl der Menschen, die sich vegan ernähren, weiter zunehmen wird – und zwar nicht nur aus der jungen Generation. Zu ihren individuellen Ernährungsberatungen kommen auch ältere Menschen, die zum Beispiel Gewichtsprobleme haben und abnehmen möchten oder die von ihrem Arzt eine pflanzliche Ernährung empfohlen bekommen haben.
Zu den Kunden zählen auch Familien, die Nachwuchs erwarten und Bedenken haben, dass ihr Kind unterversorgt sein könnte, wenn sich die Mutter während der Schwangerschaft vegan ernährt. Die Bedenken kann Intili ihnen aber nehmen – sie selbst hat zwei Schwangerschaften auf diese Weise erfolgreich hinter sich gebracht. Ihre Kinder sind wohlauf und ernähren sich nun selbst vegan. Aus Sicht von Intili gibt es also kaum Bevölkerungsgruppen, die nicht von einer pflanzlichen Ernährung profitieren könnten: „Ich denke, dass eine gut geplante pflanzliche Ernährung für einen gesunden Menschen absolut machbar ist – in jedem Lebensalter.“
Gut geplant sollte sie aber wirklich sein, denn die Gefahr für Mangelerscheinungen ist nicht zu unterschätzen. „Da muss man sich schon überlegen, wie man bestimmte Produkte ersetzt. Man kann nicht nur sagen: Ich lasse jetzt alle tierischen Produkte weg und bin trotzdem noch gleich gut versorgt.“ Deshalb empfiehlt sie eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse; dazu Hülsenfrüchte, um genügend Mineralien aufzunehmen. Einzig die Gefahr eines B12-Mangels lässt sich nicht durch die Ernährung bannen – in pflanzlichen Lebensmitteln kommt dieses Vitamin nicht vor. Deshalb rät Intili dazu, Vitamin-B12-Präparate einzunehmen.
„Kleiner Chemiebaukasten“ – auch nachhaltig?
Doch sind vegane Lebensmittel auch nachhaltig? Fest steht: Wenn man die Grundernährung nimmt, ist Veganismus sehr umweltfreundlich. Das Problem liegt eher bei den verarbeiteten Lebensmitteln, wie den Fleischersatzprodukten. Eine Studie des Umweltbundesamts hat ergeben, dass für die Produktion von Fleischersatzprodukten auf Pflanzenbasis immer noch weniger Treibhausgase ausgestoßen werden als für echte Fleischprodukte. Doch es bedarf meistens weiter Transportwege, dazu entsteht viel Verpackungsmüll. „Das ist auch ein kleiner Chemiebaukasten mit verschiedenen Enzymen, Zusatzstoffen, Emulgatoren und Stabilisatoren“, sagt Intili.
Eng mit dem Nachhaltigkeitsthema hängt auch die Preisproblematik bei verarbeiteten Lebensmitteln zusammen. Denn diese sind immer noch vergleichsweise teuer. „Das hat auch einen Grund: Wenn zum Beispiel eine Rügenwalder Mühle einen kleinen Teil der Fabrik umstellt und nur eine geringe Menge dieser Produkte herstellt, dann sind die Produktionskosten dafür natürlich viel höher, als wenn ich ein Vielfaches an tierischen Produkten herstelle.“ Andererseits wüssten die Hersteller aber auch, dass vegan lebende Menschen durchaus bereit seien, etwas mehr für ihre Lebensmittel zu bezahlen – was sich im Preis bemerkbar macht.
Das baue immer noch eine Hürde auf, auf vegane Lebensmittel umzusteigen, erklärt Intili. „Deswegen glaube ich, dass gerade solche Feste total gefragt sind, weil die Leute da sehr niederschwellig etwas ausprobieren können.“ Sie hofft darauf, dass die Politik die Rahmenbedingungen noch anpasst, indem beispielsweise die Mehrwertsteuer auf pflanzliche Milchalternativen von 19 auf 7 Prozent gesenkt wird. „Das könnte dazu beitragen, dass die Menschen auch mal eine pflanzliche Milch ausprobieren.“