Nach dem Brandanschlag auf eine türkische Bäckerei in Wernau (Kreis Esslingen) wagen die Inhaber einen Neuanfang. Wie weit sind die Ermittlungen?
„Der Brandanschlag hätte viel zerstören können. Stattdessen hat er uns Kraft gegeben und uns herausgefordert, weiterzugehen, Neues zu wagen und unseren Mut nicht zu verlieren“, schreiben Murat und Selda Akalin auf ihrem Instagram-Kanal.
Sie sind die Inhaber der türkischen Bäckerei Simit Dünyasi in Wernau. Im Mai vor einem Jahr wurde ihr Geschäft in der Kirchheimer Straße durch einen Brandanschlag zerstört – sie standen vor einem Scherbenhaufen. An diesem Samstag eröffnen die Akalins ihr Geschäft, das für seinen Cafébetrieb und sein großes Frühstücksangebot bekannt ist, wieder in Wernau. Zeitweise haben sie ihre Bäckerei in Wendlingen weiterbetrieben, wo ihnen ein Freund einen Laden zur Verfügung stellte. Vor allem über die sozialen Medien hat das Ehepaar ihre Kundschaft daran teilhaben lassen, wie sie sich nach dem schlimmen Vorfall wieder aufrappeln.
„Anfangs haben wir uns gefragt, ob wir einen kompletten Neuanfang überhaupt wagen sollten“, verrät Murat Akalin. Doch sie haben von allen Seiten Zuspruch erfahren. Viele haben nicht nur ihre Hilfe angeboten, sondern richtig angepackt. „Ein Kunde hat für uns den kompletten Boden neu verlegt und nichts dafür verlangt. Weder für seine Arbeit noch für das Material“, erzählt er. Auch die neue Vermieterin sei ihnen großzügig entgegengekommen und habe vieles ermöglicht. „Die Resonanz war so groß, wir mussten einfach weitermachen“, sagt der 57-Jährige und lacht. Mit dem Umzug an den neuen Standort am Wernauer Stadtplatz konnten sie sich zudem deutlich vergrößern. Rund 50 Plätze hat das Café.
Wenn am Samstag der Betrieb wieder startet, kann es sein, dass noch nicht alles perfekt funktioniert. „Wir sehen das als Soft-Opening“, sagt Murat Akalin. Die offizielle Eröffnung soll Mitte Februar stattfinden. Dann wollen auch die Wernauer Bürgermeisterin und die türkische Generalkonsulin kommen. Sie war bereits kurz nach dem Brand in Wernau vor Ort.
Fremdenfeindliches Motiv? Ermittlungen sind nicht abgeschlossen
Die Polizei ging damals früh von Brandstiftung aus. Den Ermittlungen zufolge wurde am Morgen von Christi Himmelfahrt ein vor dem Schaufenster des Gebäudes abgestellter und mit einer brennbaren Flüssigkeit gefüllter Kraftstoffkanister vorsätzlich in Brand gesteckt und zur Explosion gebracht.
Die Anwohner waren wegen des lauten Knalls hochgeschreckt und reagierten beherzt, als sie sahen, dass die Fassade des Gebäudes in der Kirchheimer Straße zu brennen begonnen hatte. Sie konnten die Flammen schließlich löschen, noch bevor die alarmierte Feuerwehr eintraf. Die Bäckerei, die zu dem Zeitpunkt noch geschlossen war, wurde schwer beschädigt. Die Frontscheibe war zerborsten, die Decke und die Deckenlampen waren angesengt und das Mobiliar war ruiniert. Die Polizei schätzte den Schaden auf mindestens 10 000 Euro. Zum Glück wurde niemand verletzt. Zeugen hatten angegeben, dass sie nach dem Brand eine Person beobachtet hatten, die einen Kapuzenpullover trug und in Richtung Adlerstraße geflüchtet war.
Die Ermittlungen sind jedoch auch Monate später nicht abgeschlossen. Dies sei ihm vor Weihnachten von der Staatsanwaltschaft mitgeteilt worden, berichtet Murat Akalin. Das Verfahren gegen eine verdächtige Person sei unterdessen eingestellt. Unklar ist offenbar auch noch, ob hinter der Attacke ein fremdenfeindliches Motiv steckt. „Es ist alles denkbar“, sagt Murat Akalin. Die Türkische Gemeinde in Baden-Württemberg zeigte sich nach dem Vorfall im vergangenen Jahr sehr besorgt. Der Verein forderte damals in den sozialen Medien umfassende und unvoreingenommene Ermittlungen und verwies auf Versäumnisse bei den Ermittlungen gegen die rechtsterroristische Gruppe NSU.