Ein Polizeiauto steht nach dem Brandanschlag am 5. Juni vor der Ulmer Synagoge. Foto: dpa/Stefan Puchner

Der mutmaßliche Brandstifter hielt im Netz Kontakt zu Antisemiten. Die Polizei fahndete öffentlich mit Fotos aus einer Überwachungskamera nach ihm. Zuvor hatte sich der Tatverdächtige aber bereits wahrscheinlich in die Türkei abgesetzt.

Stuttgart - Der mutmaßliche Täter, der am 5. Juni einen Brandanschlag auf die Ulmer Synagoge verübte, unterhielt nach Recherchen unserer Zeitung über soziale Medien Kontakte zu mindestens zwei Männern aus dem Raum Ulm, die – teilweise radikale – anti-israelische und antisemitische Inhalte verbreiten. So stimmte der Tatverdächtige Serkan P. am 11. Mai einem Post zu, in dem ein anderer Ulmer unter dem Bild des mittelalterlichen Herrschers Salah-ad-Din verbreitete: „Wie kann ein Muslim lachen, während Jerusalem besetzt ist? Wie kann ein Muslim ruhig schlafen, während Jerusalem besetzt ist?“ An anderer Stelle werden Beiträge über die Eroberung Konstantinopels 1453 durch den osmanischen Sultan Mehmet II. veröffentlicht. Der Sieg gilt als Beginn des Aufsteigs des bis 1922 existierenden Osmanischen Reichs und wird von türkischen Nationalisten gefeiert.

Über dieselben Benutzerkonten werden ebenfalls Inhalte des Bloggers Bilgilis Üretmens verbreitet. Der aus Soest in Nordrhein-Westfalen stammende Mann gilt als Sprachrohr der türkischen Regierungspartei AKP und des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan in Deutschland, deren Botschaften er verbreitet. Wahlweise wettert er gegen Deutschland, die deutsche Regierung, Kurden oder Israel. P. besuchte über seine Benutzerkonten auch die Seiten Üretmens.

Öffentlichkeitsfahndung beendet

Aber: P. zählt auch Menschen zu seinen digitalen Freunden, die während der palästinensisch-israelischen Konflikts im Mai ausdrücklich Partei für Israel ergriffen. Allerdings stimmte der Ulmer solchen Posts im Gegenteil zu anti-israelischen und anti-semitischen nicht zu. Serkan P. scheint sich aus Ulm in die Türkei abgesetzt zu haben, wo seine Familie lebt. Ein ebenfalls in den sozialen Medien veröffentlichtes Foto zeigt ihn am 16. Juni mit seinen Verwandten in der Stadt Gemlik südlich von Istanbul beim Europameisterschaftsspiel Türkei gegen Wales vor dem Fernsehen. Der Tatverdächtige ist durch eine auffällige Tätowierung am linken Unterarm besonders zu erkennen. Ermittler hatten vergangene Woche Fotos des Mannes veröffentlicht, die mit der Überwachungskamera eines Linienbusses aufgezeichnet worden waren.

Die Ulmer Polizei und die zuständige Staatsanwaltschaft Stuttgart hatten am vergangenen Dienstag in einer Pressemitteilung bekannt gemacht, sie hätten den Mann zwischenzeitlich identifiziert. Das Hinweistelefon für die Bevölkerung werde nicht mehr betrieben.

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