In der Straßburger Altstadt schoss der Täter auf Gäste des Weihnachtsmarkts. Foto: dpa

Der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt fällt in Frankreich in eine politisch turbulente Zeit. Politiker fordern von der Bewegung der Gelbwesten eine Pause des Protests. Die Straßburger stellen indes die Sicherheitsvorkehrungen infrage.

Straßburg/Paris - An normalen Tagen im Advent ist die Straßburger Luft getränkt von Glühweingeruch. Die Gassen sind voller Menschen. Zwei Millionen Touristen zieht der berühmte Weihnachtsmarkt jedes Jahr an. Doch der 12. Dezember 2018 ist kein normaler Tag in der Adventszeit. Die Buden des Markts in der Altstadt haben die Läden geschlossen. Die Stadt ist still. An vielen Schulen ist kein Unterricht.

Ein Abschnitt der Rue des Orfèvres wenige Schritte vom Münster entfernt ist abgesperrt. Polizisten mit schusssicheren Westen bewachen die beiden Enden. Am Abend zuvor hat ein 29-Jähriger mit einer Waffe auf Menschen geschossen und mit einem Messer auf etliche eingestochen. Bislang sind zwei Menschen gestorben. Laut Oberbürgermeister Roland Ries handelt es sich um einen thailändischen Touristen und einen ehemaligen Banker. Ein weiteres Opfer gilt als hirntot. Von zwölf Verletzten befinden sich sechs in einem lebensbedrohlichen Zustand.

Wie kam der Mann auf den Markt?

In der Nähe der Fromagerie Lorho, eines bekannten Käsegeschäftes in der Rue des Orfèvres, habe der aus Straßburg stammende Chérif C. begonnen, auf Menschen zu schießen, rekonstruiert der Pariser Staatsanwalt Rémy Heitz am Mittwoch bei einer Pressekonferenz den Hergang. Danach flüchtete er über eine Seitengasse in Richtung des Fachwerkviertels Petite France.

Nach dem Anschlag hieß es zunächst, der Schütze sei über die Pont du Corbeau auf die Ill-Insel eingedrungen. In der Stellungnahme des Staatsanwalts ist davon keine Rede mehr. Auf die wichtige Frage, wie der 1989 in Straßburg geborene Mann mit nordafrikanischen Wurzeln auf die Insel eingedrungen ist, gibt er vorerst keine Antwort.

Sollte C. tatsächlich gegen 20 Uhr bewaffnet ins Zentrum der Stadt gelangt sein, würde das bedeuten, dass er die seit den Anschlägen von Paris im Januar und November 2015 drastischen Straßburger Sicherheitsmaßnahmen umgehen konnte. An den Brücken zur Altstadt werden die Besucher kontrolliert, Taschen werden durchsucht, Radfahrer müssen absteigen.

Anschläge können Nachahmer finden

Sobald der Weihnachtsmarkt geschlossen hat, unter der Woche ist um 20 Uhr Schluss, öffnen sich aber wieder die Zugänge zur Altstadt. Oder hat Chérif C. sich womöglich bereits zuvor, bereits am Vormittag in der Stadt aufgehalten und war so in der Lage, seine Waffen in die Altstadt zu bringen, um dann am Abend seinen Plan umsetzen zu können?

Die Stimmung in der Stadt ist am Mittwoch gedrückt. Wegen der Fahndung nach C. ist das öffentliche Leben weitgehend zum Erliegen gekommen. Die meisten Geschäfte bleiben geschlossen. Bürgermeister Ries annullierte einige Kulturveranstaltungen, erklärte aber, seine Stadt wolle so rasch wie möglich zur Normalität zurückfinden, um sich solcher Ereignisse nicht auch noch zu beugen. Innenminister Christophe Costner warnte allerdings, dass solche Anschläge auch Nachahmer auf den Plan rufen könnten.

Landesweit fällt die Schießerei in die aufgeladene Atmosphäre der Gelbwesten-Proteste. Der Anschlag erfolgte nur einen Tag nachdem Präsident Emmanuel Maron unter Druck der Proteste neue Zugeständnisse angekündigt hatte. Seine Hoffnung, die Protestbewegung mit einem Fernsehauftritt zu beenden, haben sich jedoch zerschlagen. Mehrere Minister und andere Politiker forderten die Gelbwesten auf, ihre Proteste einzustellen oder zumindest auszusetzen.

Macron ruft zur Mäßigung auf

Macron ließ über seinen Sprecher mitteilen, die aktuellen Geschehnisse verlangten von jedem verantwortungsvollen politischen Führer Ruhe und Mäßigung. „Die terroristische Bedrohung ist immer noch im Herzen des Lebens unserer Nation“, erklärte Macron. Das Europaparlament in Straßburg begann seine Sitzung am Mittwochmorgen im Gedenken an die Opfer. „Das war ein krimineller Anschlag auf den Frieden“, sagte EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani.

In dieser aufgeladenen Stimmung könnte der Anschlag in Straßburg also durchaus auch Folgen an der sozialpolitischen Front haben. Politische Beobachter glauben, dass das Attentat – wie auch immer es motiviert war – der Aufbruchstimmung der Gelbwesten einen Dämpfer versetzen könnte. Ob es sich auf die Gewaltbereitschaft der Pariser Demonstranten am kommenden Samstag auswirken wird, muss sich weisen.

Die Polizei sucht nach dem Täter

Bei einer Pressekonferenz bekräftigte Bürgermeister Roland Ries sein Mitgefühl mit den Familien der Getöteten und den Verletzten. Er lobte die Stärke der Straßburger angesichts der schrecklichen Tat. Als die Altstadt am Dienstagabend abgeriegelt wurde, beherbergten etliche Bewohner spontan Besucher des Weihnachtsmarkts, die bis zum frühen Morgen den Sperrbereich nicht verlassen konnten. „Alle Straßburger kommen im Schmerz zusammen“, sagte Ries. Aber es müsse ein Morgen geben und das Leben wieder die Oberhand gewinnen.

Gleich am Morgen nach dem Anschlag richtete die Stadt ein Kriseninterventionszentrum und eine Betreuung für Familien der Opfer ein. Für das Stadtgebiet wurde die höchste Sicherheitsstufe ausgerufen. Die Zahl der Spezialkommandos wurde über Nacht mit in Ostfrankreich verfügbaren Einheiten aufgestockt. Mehr als 600 Beamte seien demnach im Einsatz gewesen, die Suche nach dem Flüchtigen steht nach wie vor im Zentrum.

„Es war doch nur eine Frage der Zeit, dass so etwas geschieht“, sagt Fabielle Angel, eine Bewohnerin der Straßburger Innenstadt, die am Mittwochmorgen in der Stadt unterwegs ist. Man müsse den Tätern solcher Anschläge dennoch die Stirn bieten. Außerdem fragt sich die Straßburgerin wie viele in der Stadt, ob die Maßnahmen für die Sicherheit des Weihnachtsmarkts ausgereicht haben.

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