Ein Senior ist auf Trickbetrüger reingefallen, weil er die Nummer 110 im Display gesehen hat. Foto: Caroline Holowiecki

Die Welle von Abzockversuchen reißt nicht ab. Nun wäre fast ein Senior aus Stuttgart-Sillenbuch zum Opfer von falschen Polizisten geworden. Er erzählt, wie die Ganoven versucht haben ihn einzuwickeln. Er will andere warnen.

Sillenbuch - Es ist 8.30 Uhr, als das Telefon klingelt. Das Ehepaar, beide über 90, liegt noch im Bett. Er springt auf, nimmt ab – und kriegt einen Schreck. Die Kriminalpolizei ist dran. Der Anrufer sagt, es habe einen Überfall in der direkten Nachbarschaft gegeben. Drei Täter habe man erwischt, und einer habe die Kontaktdaten der beiden Senioren aus dem Bezirk Sillenbuch dabeigehabt.

Der alte Mann ist überrumpelt, als der „überfreundliche“ Kriminalbeamte ihn bittet, bei verdeckten Ermittlungen zu helfen, aber er dürfe ja niemanden einweihen. Dann kommt der nächste Hammer für den Rentner: Ein Mitarbeiter der eigenen Hausbank soll mit den Kriminellen unter einer Decke stecken. Um die geheimen Ermittlungen zu unterstützen, soll der alte Mann daher in der Bank Geld abheben und Wertgegenstände aus dem Schließfach holen, um zu schauen, wie Mitarbeiter reagieren.

Dann ruft er doch lieber die richtige Polizei

Der Kripo-Beamte ruft an diesem Morgen mehrmals bei den Eheleuten an, nennt Namen von Kollegen, reicht den Hörer rum. Von einem Martin Klein ist die Rede, von Christian Lange und Frank Schröder. Die Fragen nach dem Vermögen werden detaillierter. Wie viel haben Sie auf dem Konto? Besitzen Sie Gold? „Da hat es gefunkt“, sagt der Senior. Er legt auf. Und ruft die richtige Polizei an.

„Es ist immer die gleiche Räubergeschichte“, sagt die echte Polizistin Monika Ackermann seufzend. Die Betrüger gaukeln am Telefon vor, dass das Hab und Gut in Gefahr sei. Und dass es zur Sicherheit abgeholt werde – auf Nimmerwiedersehen. Die Eheleute aus dem Bezirk Sillenbuch sind nicht die Einzigen, die man übers Ohr hauen wollte.

Allein an besagtem Dienstag vergangene Woche wurden rund 40 Anzeigen aus dem gesamten Stadtgebiet aufgenommen. Seit Christi Himmelfahrt gebe es eine Welle von täglich bis zu 50, 60 Anzeigen, „man kann nicht mehr von einer Welle reden, es ist ein Tsunami“, sagt Monika Ackermann. 2018 sind der Stuttgarter Polizei 872 solcher Betrugsversuche bekannt geworden, neunmal hatten die Gauner Erfolg – und nahmen ihren Opfern mehr als 546 000 Euro ab. Monika Acker vermutet, dass die Dunkelziffer weitaus höher ist. Viele Angerufene legten wohl schnell auf und meldeten die Zwischenfälle gar nicht, und auch bei den vollendeten Taten gebe es sicher Opfer, die sich aus Scham niemandem offenbarten.

Sie suchen gezielt nach altertümlichen Namen

In der Regel agieren die Banden aus Callcentern in der Türkei, seltener in Polen, erklärt Monika Ackermann. Sie suchen gezielt Personen mit altertümlichen Vornamen wie Adelheid oder Erich aus, da sie hier naive, vielleicht senile Leute vermuten. Sobald ein Opfer anbeiße, liefen die Maßnahmen und die Logistik im Hintergrund an, „nach zwei, drei Stunden heißt es: Wir schicken jemanden, um die Wertgegenstände abzuholen“, sagt sie.

Die sogenannten Keiler, also die Anrufer, sprächen akzentfrei Deutsch, seien redegewandt und manipulativ, „es ist wie eine Art Hypnose“. Das Perfide: Die Banden sind technisch so versiert, dass im Display des Angerufenen die 110 erscheint – plus Ortsnetzvorwahl. „Wenn man dann die Rückruftaste drückt, wird man automatisch wieder mit dieser gefälschten Nummer verbunden“, mahnt Monika Ackermann.

Er dachte, das passiere ihm nie

Auch der Sillenbucher Senior ist auf den fingierten Rückruf reingefallen. „Ich habe das zunächst geglaubt, durch die 110“, bekennt er. Heute weiß er, dass er von Betrügern aufs Kreuz gelegt wurde. „Raffiniert ist noch milde ausgedrückt.“ Er ärgert sich. „Ich habe immer gedacht, mir passiert nichts.“ Deswegen will er andere warnen.

Wenn die Abzocke gelingt, ist der Schaden in der Regel immens. Jüngst haben Telefonbetrüger ein Stuttgarter Ehepaar, beide Ende 70, um Bargeld, Münzen und Briefmarken im Wert von 200 000 Euro gebracht. Die Polizistin Monika Ackermann spricht von einem Kampf gegen Windmühlen und einem großen Imageschaden für die echte Polizei. „Die Opfer sind stark verunsichert, wem sie noch glauben können“, weiß sie. „Es tut mir als Uniformträgerin in der Seele weh. Der soziale Schaden ist genauso hoch wie der finanzielle Schaden.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: