Zoff im Drogeriemarkt: Annette Frier (rechts) mit Kristin Suckow in „Frau Mutter Tier“ Foto: Verleih

Als Leiterin eines Drogeriemarktes drückt Annette Frier der Spielfilmkomödie „Frau Mutter Tier“ ihren Stempel auf.

Stuttgart - Bekanntlich gibt es keine kleinen Rollen, nur kleine Schauspieler. Die beliebte deutsche Komikerin und Darstellerin Annette Frier (45, „Danni ­Lowinski“) spielt eine Drogeriemarktleiterin, die auf überforderte und übermotivierte Mütter verschiedener Prägung trifft.

Frau Frier, ist es schwierig, einen Charakter mit wenigen Pinselstrichen zu zeichnen?

Ach, das ist toll! Ich freue ich mich sehr, wenn ich in einer Szene mal so richtig auf die Tube drücken darf. Gitti hat es mir einfach angetan. Sie soll dieser gesamten Mütter-Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Und das hat wahnsinnig Spaß gemacht.

Wie Sie die von Julia Jentsch verkörperte Drogeriekundin und Übermutter nach allen Regeln der Kunst rundmachen – üben Sie das vor dem Spiegel?

Nein, ich hatte ich mir schon zwei oder drei Wendepunkte vorgenommen, aber was dann tatsächlich passiert ist, entstand komplett im Zusammenspiel mit Julia. Ich bin kein Vorbereiter und weiß im Vorfeld eigentlich selten, wie ich etwas spielen werde. Aber ich will sehr genau wissen, aus welcher Situation heraus ich agiere.

Spricht Ihnen Gitti aus der Seele?

100 Prozent! Das ist eine ganz laute Stimme in mir. Sie möchte bei Dinkelkeks-, Fahrradhelm- oder Sprudelwasser-Gesprächen immer sofort losbrüllen. Als Gitti konnte ich dieser Wutbürgerin freien Lauf lassen. Ausrasten kann herrlich sein, echt!

Wie Bio lebt Annette Frier?

Sehr inkonsequent, aber irgendwie doch. Alles leider schön in Plastik verpackt, wie das in Supermärkten heute Usus ist. Und dann sitzt man nach einer vegetarischen Woche plötzlich vor einer Currywurst und denkt darüber nach, wie das jetzt wieder passieren konnte. Ich finde achtsame Ernährung grundsätzlich natürlich richtig, aber die niederen Gelüste kommen mir da immer wieder in die Quere.

Frauen sollen möglichst tolle Mütter, beruflich erfolgreich und Sexgöttinnen sein. Wie gehen Sie damit um?

Zunächst einmal: Ich BIN eine Sexgöttin! So. Wie war die Frage? Ach ja, sich von diesen Vorstellungen freizumachen, gelingt nie ganz. Was einem erzählt wird, wie man zu sein hat, hat ja mit dem ganz realen Alltag oft gar nichts zu tun. Zum Beispiel: Die Küche sieht aus wie Sau, man hatte schon zwei Wochen keinen Sex und das Casting war auch nix! Tja. Wenn man sich die Sache dann mit ein bisschen Humor anschaut, geht das schon wieder. Eventuell ist es bei den Anderen ja auch nicht besser? Raus aus den Schablonen, Ladies, das ist alles Quark und stiehlt wertvolle Zeit!

Mussten Sie schmerzhafte Entscheidungen zwischen Kindern und Karriere treffen?

Immer wieder. Manchmal ist es ganz fürchterlich, wenn man unterwegs ist und mit seinem Kind telefoniert, das gerade krank ist. Das bricht einem das Herz. Man muss das einfach aushalten. Es wäre falsch so zu tun, als wäre Job und Familie immer easy. Ich habe auch irgendwann gelernt, die Chuzpe zu haben, zu sagen: Ich habe das selbst gewählt und will das so.

Verstehen Sie Frauen, die sich für die Karriere entscheiden?

Dazu möchte ich mich eigentlich gar nicht äußern. Geht mich auch nix an. Jeder hat vor seiner eigenen Tür gut zu tun. Manche Leute gehen nur arbeiten, weil sie ihre Miete bezahlen müssen. Das ist völlig in Ordnung. Es gibt Leute, die möchten permanent zu Hause für ihre Kinder da sein – völlig in Ordnung. Ich finde es auch okay, wenn Leute sagen, dass sie eigentlich zu Hause sein könnten, aber trotzdem gern arbeiten. Wir würden alle ganz gut daran tun, wenn wir erstmal zu den eigenen Entscheidungen stehen anstatt die der anderen permanent zu bewerten.

Glauben Sie, dass im Zuge der Metoo-Debatte für Frauen etwas ändern wird?

Für dieses Gespräch brauchen wir eine Stunde. Ich finde es gut, dass die Diskussion da ist. Aber ich sehe auch die Gefahr der Hysterisierung. Dass es offiziell als großes Thema in die Gesellschaft aufgenommen wurde, war überfällig. Es wiegt schwerer als die Hysterisierung.

Waren Sie ein glückliches Kind?

Ja. Glücklicherweise wurde ich in Herzensdingen ganz gut ausgestattet. Das habe ich wahrscheinlich meinen Eltern zu verdanken. Obwohl sie beide berufstätig waren... Es geht trotzdem!

Welche Irrwege Ihrer Eltern wollten Sie selbst unbedingt vermeiden?

Man will ja auf keinen Fall so sein wie seine Eltern – und erwischt sich permanent in Momenten, in denen man sagt: Das hätte jetzt O-Ton meine Mutter sagen können.

Haben Sie als Mutter Anzeichen von Helikopteritis an sich entdeckt?

Meistens dann, wenn ich selbst nicht richtig bei mir bin. Wenn ich total entspannt bin, habe ich diese Anfälle gar nicht. Aber je hektischer mein Grundzustand ist, umso mehr überträgt sich das auf meine Kinder. Dann sage ich mir: „Stopp. Ruhig. Zwei Schritte zurück. Was ist eigentlich los? Wir müssen jetzt noch Klavier üben und Lernwörter testen? Und die Zeichentrickserie gucken wir heute mal auf Englisch? Völlig bescheuert! Oder wie mein Sohn sagen würde: „Chill mal, Mama!“

Ihre junge Angestellte im Film hat einen Beauty-Blog und hängt ständig am Smartphone. Wie nah sind Ihnen Selbstvermarktung und virtuelle Freunde?

Marketingstrategien gab es immer schon. Vor fünfzig Jahren haben sie sich nur anders getarnt. Was die Digitalisierung angeht, müssen wir wohl erstmal so etwas wie einen Knigge erfinden. Wir haben oft nicht das Gefühl dafür, wie wir damit umgehen sollen. Das wird sich aber mit Sicherheit in den nächsten zwanzig Jahren verändern.

Auf der Bühne waren Sie zuletzt „Gott der Allmächtige“. Was würden Sie in dieser Position als Erstes bewirken?

Immer nur den Weltfrieden. Deshalb mache ich das ja. Weltfrieden und Liebe für alle.

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