Von Gardening bis „stiff upper lip“: Annette Dittert, ARD-Ikone , verrät, welche Eigenheiten sie auf der Insel gelernt hat. Auch über die berühmte Gelassenheit.
Am anderen Bildschirm sitzt Annette Dittert auf ihrem Boot, der Emilia. Dittert hat über Jahre hinweg unser Bild von Großbritannien geprägt. Als langjährige ARD-Korrespondentin und mittlerweile britische Staatsbürgerin kennt sie die Insel wie kaum eine andere. Im Gespräch teilt sie ihre sehr persönlichen Eindrücke: von der anhaltenden Brexit-Debatte über die Zukunft der Monarchie bis hin zur besonderen Gelassenheit der Briten, die sie selbst angenommen hat.
Ach, es geht so. Großbritannien und London sind natürlich von der globalen Krise genauso betroffen wie alle anderen europäischen Länder, und das spürt man hier sehr. Premierminister Starmer ist besonders in der Zwickmühle, weil die Briten nach dem Brexit ohne den Schutzschirm der EU besonders abhängig von den USA und deshalb besonders diplomatisch und vorsichtig sein müssen. Starmer hat aber beim Iran-Krieg deutlich gemacht, dass die Briten diesen Krieg nicht mittragen. Dennoch spürt man die Verunsicherung durch das, was im Moment auf der Welt so los ist, hier ganz besonders. Das Land ist durch den Brexit noch einmal verletzlicher geworden, weil es außenpolitisch isolierter ist. Starmer hat kürzlich eine interessante Rede gehalten, dass er sich Europa und der EU wieder stärker annähern will, auch wenn er da immer noch ein wenig halbherzig wirkt. Aber er weiß, der Brexit war noch nie eine so schlechte Idee wie heute.
Wir vermissen Sie schmerzlich in der ARD. Warum haben Sie gekündigt?
Es war einfach an der Zeit. Ich war fast 18 Jahre mit einer Unterbrechung hier im ARD-Studio London. Irgendwann hatte ich das Gefühl, ich muss noch einmal etwas Neues machen. Aber ich bleibe ja weiter hier und werde mich auch von hier weiter melden und berichten, was auf der Insel passiert, nur eben in anderer Form.
Sie haben uns 17 Jahre lang informiert, und die historische Nachricht vom Tod der Queen überbracht. Ein Moment, der auch Sie erschüttert hat. Wie erinnern Sie diese Nachricht?
Das war schon ein seltsamer Moment, obwohl wir uns als Studio darauf ja schon seit Monaten oder Jahren vorbereitet hatten. Aber in dem Moment, als es dann wirklich passierte, wollte auch ich das erst gar nicht glauben. Es war ein surrealer Moment und ja, das Ende einer Ära.
Was bedeutet die Monarchie heute noch für die Briten?
König Charles hat den Übergang von seiner Mutter zu seiner Regentschaft ziemlich bruchlos hinbekommen. Es war fast so, als ob der Schatten von Elisabeth II. noch eine Weile über ihm geschwebt hat. Ich glaube, der eigentliche Bruch wird kommen, wenn Prinz William übernimmt, weil das einfach eine andere Generation ist. Dem man möglicherweise auch nicht mehr diesen gottähnlichen Status des britischen Königshauses abnimmt. Insgesamt nimmt die Popularität des Königshauses gerade bei der jüngeren Generation kontinuierlich ab. Und der ganze Skandal um Prinz Andrew hat natürlich sehr dazu beigetragen. Das ist die größte Krise, die die Monarchie in ihrer jüngeren Geschichte erlebt hat.
Sie sind ja inzwischen auch britische Staatsbürgerin. Und Sie sind jetzt so britisch, dass Sie Gardening betreiben, dass Sie gärtnern.
Das kam durch mein kleines Boot, auf dem ich wohne. Da ist ein Weg, der sogenannte Treidelpfad, über den man zu unseren Booten kommt. Und an der Seite war ein Streifen Erde, den ich irgendwann angefangen habe, zu bepflanzen. Mittlerweile ist daraus ein ziemlich bunter kleiner Garten geworden, der mir sehr ans Herz gewachsen ist.
Haben Sie noch mehr britische Sonderlichkeiten angenommen?
Ich glaube, was ich hier gelernt habe, ist, dass man unangenehme Situationen und Krisen einfach besser aushält, ohne gleich zu meckern. Das ist natürlich ein Klischee, die berühmte ‚stiff upper lip‘, aber das ist schon auch was dran. Mir fällt das immer wieder auf, wenn ich in Deutschland bin, dass das da doch etwas anders ist. Die Briten nehmen einfach viele Dinge gelassener hin und sind dadurch auch resilienter in gewisser Weise. Ich will das nicht verallgemeinern, aber diese Gelassenheit habe ich, glaube ich, mit der Zeit auch selbst übernommen.
Seit dem 23. Juni 2016 ist alles anders, als für den Brexit gestimmt wurde. Für Sie war das kein Trennungsgrund von Ihrer großen Liebe London.
Eigentlich ja, das war schon ein Schock, aber dann bin ich doch geblieben. Ich sage jetzt immer, London und ich, das ist jetzt wie eine alte Ehe, man kennt und mag sich, trotz allem. Diese Stadt ist schon so etwas wie mein zu Hause geworden.
Doch inwiefern hat der Brexit die politische Kultur Großbritanniens beeinflusst?
Sehr stark. Der Brexit war ja im Grunde der erste große Ausbruch des Rechtspopulismus in Europa. Der hat nicht nur de facto hier viel zerstört, was die Verbindung zu Europa, was die eigene Wirtschaft, was die Handelsbeziehungen zur EU angeht. Sondern die eigentliche Folge war die Zerstörung der zuvor doch sehr viel zivilisierteren britischen politischen Kultur. Die ganze Brexit-Kampagne wurde ja damals mit Lügen und Fake News betrieben. Und diese Art einer polarisierten, toxischen Auseinandersetzung in der Politik ist seitdem auch nicht mehr verschwunden. Das war eigentlich der schwerste Schaden, den der Brexit dem Land zugefügt hat. Und deshalb ist es auch schwer, das wieder rückgängig zu machen. Die große Mehrheit der Briten, über 60 Prozent, sagt mittlerweile, der Brexit war ein Fehler, aber keiner weiß richtig, wie man das reparieren soll. Und es gibt eben immer noch ca. 30-40 Prozent die kein zweites Referendum wollen würden.
Was macht Ihnen am meisten Sorgen in dieser Situation?
Der Aufstieg von Reform und Nigel Farage, dieser rechtspopulistischen Partei, die eben sehr eng mit der Maga-Bewegung verbunden ist, die ja überall in Europa versucht, die liberalen Demokratien zu unterminieren. Hier ist der US-amerikanische Einfluss aber noch intensiver, weil das eben auch durch die Sprache viel einfacher ist. Wenn Elon Musk hier auf X oder auf einer Demonstration auf einer Videoleinwand erscheint, dann verstehen die Leute ihn direkt. Und die Versuche, hier einzugreifen und die Labour-Regierungen aus dem Tritt zu bringen, sind massiv.
Was braucht Großbritannien?
Ruhe, Stabilität und eine Regierung, die mit Kraft diese Art von liberaler Demokratie verteidigen kann. Stamer bemüht sich sehr, aber er ist so ein schlechter Kommunikator, ihm fehlt jede politische Vision, und seine Popularitätswerte sind deshalb so tief wie noch bei keinem Premierminister in der Geschichte Großbritanniens. Innenpolitisch macht er einen Fehler nach dem nächsten. Ob er die nächsten Monate als Regierungschef überlebt, ist deshalb völlig unklar.
Ist London noch so eine Insel auf der Insel?
Ja, London ist ein Universum für sich. Reicher und bunter als der Rest des Landes. Dennoch trügt der erste Eindruck leicht: Denn es war auch immer schon so, dass es hier eine große Armut gibt. Man spürt und sieht das nur in der Innenstadt nicht so, weil das natürlich mehr an den Rändern und in den Außenbezirken stattfindet. Aber diese sehr krass auseinandergegangene soziale Schere, die ist hier generell extremer als in Deutschland. Und gerade London hat unter den wirtschaftlichen Folgen des Brexits besonders gelitten.
Ihr Boot mit den 19 Quadratmetern, auf dem Sie leben, liegt ja in Little Venice, also in einer direkten Nachbarschaft mit den Superreichen.
Ja, diese Häuser über unserem Kanal, die sind eine Kapitalanlage der Superreichen, die meist gar nicht in ihnen wohnen. Die Menschen, die ich dort am häufigsten ein- und ausgehen sehe, das sind die Reinigungskräfte, die zum putzen kommen oder die privaten Sicherheitsfirmen, die nachts davor in ihren Autos sitzen: Das kann schon mal spooky sein.
Warum ist London trotzdem noch immer Ihre Herzensstadt?
Weil London einfach immer noch London ist. Es gibt schon viele Dinge, die einem hier auf die Nerven gehen können, genau wie in anderen Großstädten Europas. Aber es ist eben auch eine wahnsinnig schöne Stadt, die für eine so große Metropole noch immer eine ungewöhnlich herzlich und warme Atmosphäre hat. Die Menschen hier sind eben deutlich freundlicher als in anderen großen Städten der Welt. Es ist eine sehr grüne Stadt, nicht nur hier unten am Kanal. Und man kann hier immer noch für so eine große Stadt einfach sehr angenehm leben, solange man die Wohnungsfrage gelöst hat. Für mich bleibt London damit noch immer die schönste Stadt der Welt.
Annette Dittert
Zur Person
Annette Dittert war von 1999 bis 2025 Auslandskorrespondentin der ARD. Sie hat nun ihr Buch „Dear Britain“ (Dumont) veröffentlicht. Sie lebt in London auf ihrem Hausboot „Emilia“.
Lesereise
Mit ihrem Buch „Dear Britain“ ist Dittert bald auf Lesereise und macht am 9. Juni in Stuttgart in der Thalia Buchhandlung Station.