Anne Will AKK gibt sich kämpferisch

Von Christian Gottschalk 

Gäste bei Anne Will (mitte): Christiane Hoffmann, Martin Schulz, Annegret Kramp-Karrenbauer, Wolfgang Kubicki und Gabor Steinberg (von links). Foto: NDR
Gäste bei Anne Will (mitte): Christiane Hoffmann, Martin Schulz, Annegret Kramp-Karrenbauer, Wolfgang Kubicki und Gabor Steinberg (von links). Foto: NDR

Die neue CDU-Frontfrau Annegret Kramp-Karrenbauer gibt sich kämpferisch, FDP-Mann Wolfgang Kubicki gibt den Chauvi und die ehemalige SPD-Größe Martin Schulz den Verständigen. Erst als sie provoziert wird, schlägt AKK zurück.

Stuttgart - Wahrscheinlich sind tausende von Fernsehzuschauern Christiane Hoffmann zutiefst dankbar gewesen. Wir schreiben Sonntag Abend, beste Talkshowsendezeit, Anne Will. Zu Gast ist die frisch gekürte Parteivorsitzende der CDU, es geht um das große Ganze, und darum, wie es mit Annegret Kramp-Karrenbauer und ihrer Partei so weitergeht – da verlieren sich die Beteiligten in einer Klein-Klein-Diskussion über die Frage, was mit Paragraf 219a des Strafgesetzbuches nun zu geschehen habe. Dass ist der Paragraf der es Ärzten verbietet, Werbung für legale Schwangerschaftsabbrüche zu machen. Ein breites Fernsehpublikum denkt sich gerade „gehts noch?“ - und Christiane Hoffmann, die bei der Zeitschrift „Spiegel“ arbeitet, fragt genau das.

Wer so nah am Zuschauer ist, der verdient es, dass die Redebeiträge besonders beleuchtet werden. In der Abteilung Redemasse ist Christiane Hoffmann ganz hinten, in der Abteilung Klasse ziemlich weit vorn. Die Diskussion über den umstrittenen Strafrechtsparagrafen sage einiges über den Zustand der Koalition, so die Reporterin. Stimmt. Und sie sagt, was viele sagen, die den Parteitag der CDU am vergangenen Freitag erlebt haben. Die Rede von Friedrich Merz sei schlecht gewesen, abgehoben und verkopft. Nicht Dolchstoßlegenden, wie falsch eingestellte Mikrofone, hätten Merz um den Posten des Vorsitzenden gebracht, sondern er sich selbst, ganz alleine. Die immer wieder formulierte Zerstrittenheit in der Union will sie nicht überbewerten - eine Volkspartei müsse mehrere Strömungen aushalten, das könne überwunden werden. Klingt nachvollziehbar.

AKK spricht von Lagern in der Partei

Einzig Annegret Kramp-Karrenbauer selbst ist nahe dran, die Journalistin Lügen zu strafen. Natürlich preist die neue Chefin den Zusammenhalt und das Einstehen füreinander. Doch dann geschieht da doch ein sprachlicher Lapsus. Ihrem Generalsekretär Paul Ziemiak sei von manch einem vorgehalten worden, in ein Lager zu gehen, welches er zuvor nicht unterstützt habe. Lager? AKK verbessert sich rasch, spricht von Team - und verspricht eine gute Zukunft, ohne sich aufs Glatteis jagen zu lassen. Eine Gewissensentscheidung für ihre Abgeordneten in Sachen §219a verspricht Kramp-Karrenbauer nicht. Wir erinnern uns: Vorgängerin Angela Merkel hatte just das beim Thema Ehe für alle in einem Live-Interview getan, und mächtig Wirbel ausgelöst, vor allem in den eigenen Reihen.

So wird denn geplaudert ob AKK mit oder ohne Kanzlerbonus in den nächsten Bundestagswahlkampf ziehen werde, der stellvertretende FDP-Chef Wolfgang Kubicki und der Journalist Gabor Steingart geben ihre Meinung dazu ab, ehe der ehemalige SPD-Chef Martin Schulz sehr fulminant dazwischen geht. Die Leute seien solche Taktikspielchen doch leid, es gehe darum Probleme zu lösen, für Dieselfahrer, die von der Autoindustrie betrogen worden seien, für Doppelverdiener, die nicht genug Geld haben, die Miete zu bezahlen, für all jene, die bei ganz praktischen Fragen ganz praktische Antworten erwarten. Das ist wohl das zweite mal, dass die Zuschauer an diesem Abend denken: gut, dass dies mal gesagt wird. Wobei der Konter von Wolfgang Kubicki durchaus sitzt: „Sie beschreiben Situationen, zu deren Beseitigung Sie selbst viele Jahre lang Zeit hatten“.

Kubicki gibt den Chauvi

Und sonst? Da hat Kubicki die Lacher auf seiner Seite, als er auf die Frage, ob er sich zutraue Kanzler zu werden, sagt, „ich traue mir alles zu“. Und er verspielt sofort einen Großteil vorhandener Sympathien, als er der neuen CDU-Vorsitzenden eine „rhetorisch beachtliche Rede, emotional gut vorgetragen“ bescheinigt - und mit dem Satz garniert: „Das hätte ich ihnen so nicht zugetraut“. Das war ein wenig daneben, das hat auch Kubicki gemerkt. Sein Rettungsversuch geht freilich völlig in die Hosen. „Ich habe sie schon im Karneval erlebt, da war sie auch schon sensationell“.

AKK macht das Beste, was sie machen kann, sie lässt das weitestgehend unkommentiert. Als dann aber Gabor Steingart versucht, ihre Regierungsarbeit im Saarland madig zu machen, da wird die neue Parteichefin und ehemalige Ministerpräsidentin zu einer kämpfenden Löwin. „Toll“, sagt Martin Schulz, der ehemalige SPD-Chef zur aktuellen CDU-Frontfrau. Und Anne Will übergibt zu den Tagesthemen.

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