Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter in New York Foto: dpa

An diesem Sonntag spielt Anne-Sophie Mutter mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra in der Liederhalle Stuttgart. Im Interview mit den „Stuttgarter Nachrichten“ spricht die Star-Geigerin  auch über ihre Rolle als alleinerziehende Mutter.

Anne-Sophie Mutter stand mit 13 Jahren mit den Berliner Philharmonikern unter Herbert von Karajan auf der Bühne. Bei den Osterfestspielen Baden-Baden ist die Geigerin mit dem Violinkonzert von Johannes Brahms zu hören. An diesem Sonntag spielt sie es bereits mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra in der Liederhalle Stuttgart. Im Interview mit den „Stuttgarter Nachrichten“ spricht die Star-Geigerin auch über ihre Rolle als alleinerziehende Mutter.

Stuttgart - Frau Mutter, Mischa Maisky spielt auf dem Cello jeden Morgen einen Satz aus einer Bach-Suite. Pablo Casals hat ihn dazu inspiriert. Haben Sie ein musikalisches Morgenritual?
Na ja, wir sind ja bei Herrn Maisky nicht immer dabei. Musiker sind, was Rituale angeht, nicht immer sehr konsequent, weil wir viel reisen und viele Morgen im Flugzeug, Zug oder einem anderen Transportmittel verbringen. Ich habe deshalb wie die meisten Kollegen keinen regelmäßigen Tagesablauf. Die Idee, morgens aufzuwachen und mit der Musik von Johann Sebastian Bach eine Art Reinigung zu durchleben, ist eine wunderbare – aber jeden Tag schaffe ich das nicht.
Sie treten bei den Osterfestspielen Baden-Baden gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern auf – nach einer längeren Pause. Wie war das für Sie, zu diesem Orchester zurückzukommen?
Nach einer 13-jährigen Pause nach Karajans Tod habe ich immer wieder mit den Berliner Philharmonikern gespielt. Diesen Abstand nach Karajan brauchte ich aber, weil die letzten Berliner Jahre des Maestros mit dem Orchester doch sehr problembeladen waren. Ich habe schwer daran gearbeitet, Karajans Prozess des Schwächer-Werdens in seinen letzten Lebensjahren zu verarbeiten. Heute musiziert natürlich eine neue Generation bei den Berliner Philharmonikern. Nur noch ein oder zwei Orchestermitglieder haben noch unter Karajan gespielt. Das Orchester ist nach wie vor unverwechselbar in seiner tiefen Spielfreude, Leidenschaft und auch seinem Stolz auf die Tradition. Das Erbe Karajans wird ja nach wie vor in der Orchesterakademie weitergegeben. Nichts ist verloren. Alles wird gespeichert – natürlich auch die Arbeit von Claudio Abbado und Simon Rattle.
Sind die Orchestermitglieder selbstständiger als zu Karajans Zeiten?
Es ist einfach anders. Natürlich war die Ära der 1950er/60er/70er Jahre von einem starken Machtgefälle zwischen Dirigent und Orchestermusiker geprägt, was sich allerdings nicht unbedingt negativ auf das musikalische Ergebnis auswirkte. Karajan verstand es wie sonst niemand, das gegenseitige Zuhören zu vermitteln. Er hat uns wirklich zu einem Klangkörper verschmolzen. Das hatte auch damit zu tun, dass in jenen Jahren lang und exzessiv geprobt wurde. So waren ganz organische musikalische Prozesse möglich. Heutzutage ist es häufig mit ein oder zwei Proben getan. So gesehen hatten die Musiker früher sogar mehr Möglichkeiten nachzufragen und sich einzubringen. Musikalisch leben wir in einer Zeit, die auf Messers Schneide steht. Es funktioniert zwar reibungslos, weil alle sehr gut vorbereitet sind – aber der letzte musikalische Ausdrucksfunken kann sich oft nicht Raum schaffen.
Herbert von Karajan hat Sie im Alter von 13 Jahren entdeckt und massiv gefördert. Was haben Sie von ihm gelernt?
Wir haben 13 Jahre lang zusammengearbeitet – bis zu seinem Tod. Da ich auch seine Symphoniekonzerte und Opernaufführungen und -proben erlebt habe, weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll bei meiner Antwort. Die wichtigsten Aspekte sind: Demut vor dem Werk. Und das Wissen, dass es nicht nur einen interpretatorischen Zugang geben darf, auch wenn das Ergebnis nahezu perfekt war. Der nächste Morgen geht immer mit der nächsten Probe weiter.
Karajan suchte immer die perfekte Balance und den warmen, schönen Ton. War das auch für Sie persönlich wichtig?
Karajan war ein Meister des lang gesponnenen musikalischen Gedankens, der ja auch der deutschen Sprache eigen ist. Wenn man Karajans singuläre Bruckner-Deutungen betrachtet, muss man auch an Thomas Mann denken. Das mit dem Schönklang ist eher ein Klischee. Natürlich klangen die Berliner Philharmoniker unter Karajan auch satt und samtig, aber nur in einem bestimmten Repertoire.
Die Berliner haben sich durch Claudio Abbado, Simon Rattle und viele Gastdirigenten stilistisch verändert. Nehmen Sie das auch so wahr?
Die Repertoiregewichtung hat sich natürlich durch jeden neuen Chef verändert. Durch Abbado kam sehr viel mehr zeitgenössische Musik hinzu. Rattle hat auch seine Lieblingskomponisten. Karajans Schwerpunkt lag im deutsch-österreichischen Repertoire. Man kann aber nicht sagen, dass unter Karajan etwas gefehlt hat, was Abbado oder Rattle nun hinzugefügt hätten.
Ich meinte hier weniger das konkrete Repertoire, sondern etwa das Interesse an der historischen Aufführungspraxis, was bei Claudio Abbado und vor allem Simon Rattle sicherlich eine viel stärkere Rolle spielte.
Diese Bewegung kam erst in den 1980er Jahren auf. Das hatte bei Karajan also nichts mit Desinteresse zu tun. Nun haben wir alle keine Klangbeispiele aus der Barockzeit. Wir können es einfach nicht zu 100 Prozent wissen, welchen Klang und welche Phrasierung man zu dieser Zeit bevorzugte. Wir können es nur vermuten. Hier zu dogmatisch heranzugehen ist meiner Meinung nach gefährlich. Fest steht, dass die Werke sehr unterschiedlich aufgeführt wurden. Die Dreidimensionalität, die man beispielsweise durch differenzierte Vibratogestaltung gewinnen kann, hat sicher auch in der affektgeladenen Barockmusik ihre Berechtigung. Man muss dies nur sehr gezielt und bewusst einsetzen. Abends um acht einfach das ­Vibrato anzustellen, ist tödliches Gift.
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