Lilo Sigloch öffnet für einige interessierte Schülerinnen ihr Fotoalbum. Foto: Sabrina Höbel

Lilo Sigloch erzählt an der Anne-Frank-Schule vom Krieg und von ihrem Vater, der als Nazi-Gegner verhaftet und hingerichtet wurde. Nicht nur für die Zeitzeugin ist es ein emotionales Thema.

Möhringen - Lilo Sigloch will keinen Vortrag halten. „Ich bin hergekommen, um aus meinem Leben zu erzählen“, sagt sie. Am gestrigen Dienstag sprach sie vor einer zehnten Klasse der Anne-Frank-Real- und Gemeinschaftsschule von ihrer bewegten Vergangenheit. Davon, wie sie als kleines Mädchen den Zweiten Weltkrieg miterlebte und von ihrem Vater Anton Hummler, der als Regimekritiker und Kommunist im Nationalsozialismus umgebracht wurde. Sigloch war damals gerade sechs Jahre alt.

„Sie müssen entschuldigen, wenn ich zu sehr schwäbisch schwätze“, beginnt Sigloch ihre Rede. Die Augen der Schüler der 10c sind auf die zierliche Frau gerichtet. Bunte Plakate, vollgeschrieben mit Mathematikformeln und französischer Grammatik, hängen an den Wänden des Klassenzimmers. Sie sitzt dort, wo sonst die Lehrer stehen und den Schülern Themen wie den Nationalsozialismus vermitteln. Sigloch kann von der NS-Zeit aber nicht nur berichten, sie war hautnah mit dabei.

Der Vater wurde bei Verhören gefoltert

Die 79-Jährige wurde ein Jahr vor Kriegsbeginn im Stuttgarter Westen geboren. Ihr Vater Anton Hummler arbeitete bei Bosch als Maschineneinsteller. Gemeinsam mit seinen Genossen kämpfte er gegen Adolf Hitler und das Nazi-Regime. „Es waren nicht viele Widerstandskämpfer, aber sie waren vorhanden“, sagt Sigloch. Der Vater wurde regelmäßig von der Gestapo verhört und gefoltert. „Von den Terminen kam er oft blutig zurück“, erinnert sich die Zeitzeugin. Siglochs Vater hatte Probleme mit dem Gehör und wurde deshalb im Krieg nicht eingezogen. Er musste zum Arbeiten nach Hildesheim und ließ Sigloch mit ihrer Mutter und ihren zwei älteren Geschwistern zurück.

„1941 fielen die ersten Bomben. Wir hatten permanent Angst“, sagt Sigloch. Die Familie wohnte in der heutigen Bebelstraße. Eines Nachts traf es das Haus der Hummlers, die sich im Keller versteckten. „Alles stand in Flammen“, so Sigloch. In dieser Nacht verlor die Familie alles, was sie hatte.

Die Schüler der 10c lauschen gespannt. Hier und da kommt eine Zwischenfrage. Manchen sind die Erzählungen wohl zu viel, ein Junge in der dritten Reihe legt den Kopf auf die Schulbank. Es ist das erste Mal, dass die Zeitzeugin vor einer Schulklasse spricht. „Ich hoffe, ich tue denen, die ähnliche Erlebnisse gemacht haben, nicht weh“, sagt sie. „Aber der Krieg war meine Kindheit und ich will davon erzählen.“

Die Schüler sind den Tränen nahe

Im Herbst 1943 wurde Anton Hummler verhaftet und wegen Hochverrat zum Tode verurteilt. Er wollte einem jüdischen Zahnarzt zur Flucht in die Schweiz verhelfen. Am 25. September des selben Jahres wurde der Vater hingerichtet. „Ich war hysterisch, ich habe durchgedreht“, sagt Sigloch. An seinem Todestag verfasste Hummler einen Abschiedsbrief an Frau und Kinder, der erst vor ein paar Jahren gefunden wurde. Mit zittriger Stimme liest die Zeitzeugin den Jugendlichen daraus vor und kann die Tränen dabei nicht zurückhalten. Auch die Schüler sind sichtlich gerührt. „Ich hätte fast mitgeweint. Es war sehr berührend“, sagt Jasmin Mak.

Das Ende des Kriegs war für die Familie ein Neuanfang. Sigloch konnte mit der Schule beginnen und später eine Ausbildung zur Automechanikerin machen. Mit 17 Jahren heiratete Sigloch den Mann, mit dem sie heute seit 61 Jahren zusammen ist. „Ich bin bis heute in keiner Partei“, sagt sie. Sie sei aber durchaus ein politischer Mensch, informiere sich, wo sie kann. Das ist es auch, was sie den Schülern der Anne-Frank-Schule mitgeben will: „Lest, hört, wisst, was gestern gesagt wurde und was heute gesagt wird. Und versteht, was zwischen den Zeilen steht.“