Annahme von Asylanträgen Chaos und Überforderung

Von Jürgen Bock 

Morgens um sieben in Karlsruhe: Hunderte Flüchtlinge warten vor dem Bundesamt für Migration darauf, ihren Asylantrag stellen zu dürfen. Viele werden unverrichteter Dinge abgewiesen. Foto: Siri Warrlich
Morgens um sieben in Karlsruhe: Hunderte Flüchtlinge warten vor dem Bundesamt für Migration darauf, ihren Asylantrag stellen zu dürfen. Viele werden unverrichteter Dinge abgewiesen. Foto: Siri Warrlich

Tausende Menschen kommen in diesen Monaten neu ins Land. Unsere Autoren begleiten drei junge Syrer in einem Langzeitprojekt. Als sie nach knapp vier Monaten Wartezeit ihren Asylantrag abgeben wollen, zeigt sich: Die Behörden sind überfordert.

Karlsruhe - 106 Tage haben sie auf diesen Tag gewartet. Fußball haben sie gespielt, ihre Fingerabdrücke abgegeben, den Stuttgarter Weihnachtsmarkt erkundet. Sie sind von einer Flüchtlingsunterkunft in die zweite umgezogen, haben mit ihrer ehrenamtlichen Sprachlehrerin eine erste Freundin in Deutschland gewonnen. „Wie geht’s“, „Aber sicher“, „Gute Besserung“ – einfache Gespräche können Hassan, Abdul und Sahel mittlerweile auf Deutsch führen. Fast vier Monate sind seit ihrer Ankunft in Deutschland – am Stuttgarter Hauptbahnhof mit dem Zug aus Österreich – vergangen. Aber in der Asylstatistik des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Nürnberg tauchten die drei jungen Syrer bislang trotzdem nicht auf. Denn auf den Tag, an dem sie endlich einen Asylantrag stellen können, mussten sie monatelang warten.

Mittwoch, der 16. Dezember, morgens früh um sieben Uhr vor der Außenstelle des Bamf in Karlsruhe: Nicht nur Hassan, Abdul und Sahel sind an diesem Tag hergekommen, um in Deutschland Asyl zu beantragen. Mit rund 300 Flüchtlingen stehen sie im Dunkeln in der Schlange. Erst in einer Stunde öffnet die Behörde. Es schüttet wie aus Kübeln. Ein Meer von bunten Regenschirmen, dicken Jacken, Plastiktüten mit Proviant, Kinderwagen und verwirrten Gesichtern wird von Sicherheitsmännern in knallgelben Westen und Trenngittern aus Metall in halbwegs geordnete Bahnen gelenkt.

Wartezeit vor dem Asylantrag taucht in keiner Statistik auf

Am Eingang des Gebäudes steht ein Sicherheitsmitarbeiter mit einer Namensliste. Bei jedem Flüchtling kontrolliert er einzeln, ob die Person auf der Liste steht. Wie viele andere werden auch Hassan, Abdul und Sahel abgewiesen. Dabei steht auf ihrem „Laufzettel“, den sie vor Monaten in der Landeserstaufnahmeeinrichtung in Karlsruhe erhalten haben, schwarz auf weiß: Am 16. Dezember ist ihr Termin für den Asylantrag. Zurück zum Informationsschalter werden die drei geschickt, um dort auf einem Zettel ihre Daten einzutragen und zu unterschreiben. Während sie das tun, kommt doch noch ein Sicherheitsmann, um sie abzuholen und ins Gebäude zu geleiten. Warum das passiert, ist unklar.

Was aus den anderen abgewiesenen Flüchtlingen wird, die hier an diesem Tag Asyl hätten beantragen sollen, bleibt offen. Während es an diesem Morgen langsam hell wird, irren Dutzende Menschen verwirrt im Innenhof der Bamf-Außenstelle hin und her. In einem Fenstervorsprung nahe am Eingang hat sich jemand mit Kissen und Decken ein Bett gebaut. Manche Flüchtlinge haben hier die Nacht verbracht – in dem Wissen, dass das Bamf mit der Annahme der Asylanträge derzeit eklatant überfordert ist. Regelmäßig gibt das Amt bekannt, wie lange es durchschnittlich für die Bearbeitung eines Asylantrags braucht – und verkauft es als Erfolg, wenn der Wert sinkt. Bei 5,2 Monaten liegt die durchschnittliche Dauer derzeit. Aber die Wartezeit, bevor Flüchtlinge überhaupt einen Antrag stellen können, taucht in der Statistik nicht auf. Bei Hassan, Abdul und Sahel waren es mehr als drei Monate.

Frustration bei Helfern

Ein junger Mann von der Caritas steht inmitten des ganzen Durcheinanders und staunt. Um 4.45 Uhr am Morgen ist er mit einem Afghanen aus Freiburg hergefahren. „Der Chef hat uns sein Auto ausgeliehen“, erzählt der Helfer. Und jetzt geht es nicht mehr weiter. Denn auch der Afghane steht angeblich nicht auf der Liste und wird von Pontius zu Pilatus geschickt. „Es ist unglaublich, was wir hier seit Monaten mit ansehen müssen“, sagt ein Mitarbeiter der benachbarten Landeserstaufnahmestelle, der eine Zigarettenpause im Regen macht. Das Chaos sei jeden Tag unbeschreiblich.

Das frustriert auch die deutschen Begleitpersonen, die mit Flüchtlingen hergekommen sind, um sie zu unterstützen. „Das ist hier eine Katastrophe hoch zehn“, macht einer seinem Unmut Luft. „Meine Leute haben hier übernachtet und jetzt bekommen sie gesagt, sie könnten gleich wieder gehen“, schimpft der Mann. Die Auskunft für ihn: Die Flüchtlinge sollen ein Formular ausfüllen und sich für einen neuen Termin bewerben. „Dann geht es wieder hinein in die Mühle und von vorne los – und hier ist weit und breit kein Bundesbeamter zu sehen.“

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