Im Stuttgarter Literaturhaus haben die Autorin Anna Katharina Hahn und Helmut Böttiger eindrucksvoll an den Schriftsteller Wilhelm Genazino erinnert.
Wilhelm Genazino, 1943 in Mannheim geboren und 2018 in Frankfurt am Main gestorben, Autor von Romanen wie der „Abschaffel“-Trilogie, „Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz“ oder „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“, wäre am 22. Januar 80 Jahre alt geworden.
Ein Buch aus dem Hanser-Verlag, wo seine Werke seit 2001 erschienen (zuvor war Rowohlt sein Verleger), und eine Veranstaltungsreihe der deutschen Literaturhäuser wollen aus diesem Anlass an den Autor erinnern. Das Buch mit dem Titel „Der Traum des Beobachters“ enthält, herausgegeben von Jan Bürger und Friedhelm Marx, Genazinos Aufzeichnungen aus den Jahren 1972 bis 2018, die einen Einblick in die Werkstatt des Autors geben. Die originellere Idee hatte aber Stefanie Stegmann, die Leiterin des Stuttgarter Literaturhauses, indem sie zwei ausgewiesenen Genazino-Kennern und -Liebhabern eine Bühne bot, um ihrer Begeisterung für ihren Helden oder besser Anti-Helden freien Lauf zu lassen: der Stuttgarter Romanautorin Anna Katharina Hahn und dem Literaturkritiker Helmut Böttiger, der 2004 in Darmstadt die Laudatio auf den Büchner-Preisträger Genazino gehalten hatte.
Neues Buch über den Autor
Man wolle sich in einer Art freier Assoziation dem Werk dieses Autors annähern, versprach Helmut Böttiger, als die beiden, ausgestattet mit einem Stapel von Genazino-Romanen, auf dem Literaturhauspodium Platz genommen hatten. Beide haben Genazino persönlich gekannt, hielten sich aber nicht lange dabei auf, denn ihr Interesse galt dem Werk, nicht der Person. Oder der Person nur insoweit, als sich biografische Linien von Genazinos Herkunftswelt zu seinen Romanfiguren ziehen ließen.
Die Herkunftswelt, das waren das kleinbürgerliche Elternhaus und das Milieu der Angestellten in seiner Heimatstadt Mannheim während der Adenauer-Ära, aus der sich Wilhelm Genazino durch Literatur herausgeschrieben und gerettet habe – gar nicht so viel anders als die aktuell viel gefeierte französische Nobelpreisträgerin Annie Ernaux, wie Böttiger fand.
Hahn, anders als Genazino in einem bildungsbürgerlichen Elternhaus aufgewachsen, staunt noch immer darüber, dass man zum Schreiben kommen kann ohne Bücher, nur durch genaue Alltagsbeobachtungen. Einige literarische Vaterfiguren wurden dann aber doch genannt: Franz Kafka, „der Autor, der ihn gemacht hat“, so Böttiger, und Samuel Beckett mit seinem Mantra „Besser scheitern“ – man hätte noch Robert Walser hinzufügen können.
Auf der Suche nach den Epiphanien des Alltags
Genazino habe als Satiriker bei der Zeitschrift „Pardon“ begonnen, in den frühen Romanen erinnerten die Protagonisten häufig an Comicfiguren.
Aber anders als bei seinen damaligen Kollegen aus der Neuen Frankfurter Schule sei sein Blick auf seine im Leben, in der Liebe und beim unbeholfenen Sex scheiternden Romanfiguren nie mitleidslos oder zynisch, sondern humoristisch, da waren sich Böttiger und Hahn einig.
Genazino sei ein „Virtuose der Peinlichkeit, der Scham“ gewesen, so Böttiger, der als literarischer Flaneur mitten in der Tristesse und Melancholie die „Epiphanien des Alltags“ (Hahn) gesucht habe.