Vielseitig interessiert: Cornelia Riethmüller hat in Österreich Jura studiert, unterrichtet Oboe sowie Blockflöte – und hat ihre Coaching-Ausbildung fast abgeschlossen. Foto: /Stefanie Schlecht

Im Kreis Böblingen gibt es seit Kurzem eine Antidiskriminierungsstelle. Dort bekommen Ratsuchende bei Cornelia Riethmüller rasche Hilfe.

Am Arbeitsplatz sexuell belästigt, bei der Wohnungssuche rassistisch beleidigt, bei der Jobsuche wegen einer Behinderung aussortiert – es gibt immer mehr Fälle von Diskriminierung. Obwohl es in Deutschland das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz gibt, das Diskriminierung verbietet, hat sich die Zahl seit dem Jahr 2019 mehr als verdoppelt. Und das, obwohl bei Weitem nicht alle Fälle gemeldet werden. Seit Juli vergangenen Jahres gibt es nun auch im Kreis Böblingen eine Antidiskriminierungsstelle mit Sitz im Start-up-Zentrum AI xpress im Röhrer Weg.

 

Dort kümmert sich Cornelia Riethmüller um die Belange ihrer Klienten. Die 40-jährige Juristin, die aus Österreich stammt, sagt: „Jeder Fall von Diskriminierung ist einer zu viel.“ Deshalb brauche es Aufklärungsarbeit. Mit ihrer Kollegin Batoul Alnoeimi, die sie seit November unterstützt und mit der sie sich die Stelle teilt, geht Riethmüller an Schulen, in Firmen oder sonstige Einrichtungen und hält Vorträge und Workshops. „Der Bildungsbereich ist sehr wichtig. Denn, wenn wir dort eine Sensibilität schaffen können, dann haben wir vielleicht irgendwann weniger Fälle von Diskriminierung“, hofft Cornelia Riethmüller.

Was ist Diskriminierung?

Rechtsanwalt Abdulselam Aslandur Foto: Archiv/Stefanie Schlecht

Wie können Betroffene vorgehen?

Die Situation kann für Betroffene sehr belastend sein und die Lebensqualität extrem einschränken. Über ein Kontaktformular, per E-Mail oder per Telefon können sich Ratsuchende mit ihrem Anliegen an die Antidiskriminierungsstelle wenden. Dann wird auch geklärt, ob ein Dolmetscher nötig ist. „Die meisten Menschen wünschen anschließend ein persönliches Gespräch und kommen vorbei“, sagt Riethmüller. Aktuell müsse man maximal eine Woche warten, bis man einen Termin bekäme. Wichtig sei es, für die Betroffenen einen sicheren und vertrauensvollen Raum zu schaffen, weiß die Juristin. Jeder Fall sei unterschiedlich. Mal gehe es um einen Nachbarschaftsstreit, mal um ein Anliegen aus der Arbeitswelt oder der Schule, um ein Mietverhältnis oder um Probleme mit Behörden.

Manchmal brauche es nur ein einziges Gespräch, bis der Sachverhalt geklärt werden könne – und manchmal vier, so die 40-Jährige. Für viele sei es dennoch ein großer Schritt, herzukommen und sich jemandem anzuvertrauen. Daher versuche man, die Hürden so niedrig wie möglich zu halten. „Die Beratung ist natürlich absolut vertraulich, anonym und kostenlos“, so die Juristin.

In einem geschützten Raum können die Ratsuchenden über ihre Diskriminierungserfahrungen sprechen. Die aktuelle Situation wird analysiert. Im Anschluss werden die Möglichkeiten besprochen und gemeinsam wird eine Handlungsstrategie erarbeitet. „Auf Wunsch nehmen wir Kontakt zur diskriminierenden Partei auf und begleiten zu Gesprächen“, so Riethmüller. Auch Beschwerdebriefe werden verfasst oder rechtliche Schritte eingeleitet, falls der Betroffene dies wünscht. Hierbei gibt es dann auch anwaltliche Unterstützung.

Vernetzungsarbeit ist das A und O

Neben dem wichtigen Schwerpunkt Menschen zu beraten, die Diskriminierung erlebt haben, geht es bei der Antidiskriminierungsarbeit auch um die Vernetzung mit städtischen Gremien, Institutionen und freien Trägern, die sich gegen Diskriminierung und für Gleichbehandlung und Vielfalt einsetzen. „Je besser wir vernetzt sind, umso mehr können wir leisten“, erklärt Riethmüller. Und auch das Monitoring gehört zu den Aufgaben einer Antidiskriminierungsstelle. Nur so könne der Diskriminierungsschutz besser werden, weiß die Juristin.

30 Fälle hat Riethmüller bislang bearbeitet, rund 50 Beratungsgespräche mit Menschen im Alter zwischen 20 und 70 Jahren geführt. Bei 53,3 Prozent ihrer Beratungsgespräche ging es um die Herkunft, bei 23,3 Prozent um das Thema Behinderung und bei 13,3 Prozent um das Geschlecht. Bislang hat die 40-Jährige jeweils immer eine Rückmeldung bekommen, wie der Fall ausgegangen ist. Das sei ein schöner Abschluss, sagt sie.

Als Ausgleich zu ihrer Arbeit in Böblingen sieht Cornelia Riethmüller ihren anderen Job als Musikpädogin. Denn wenn sie sich nicht für diskriminierte Menschen einsetzt, gibt die 40-Jährige Erwachsenen und Kindern Oboen- und Blockflötenunterricht. „Selbstfürsorge ist wichtig, damit man für die Ratsuchenden voll da sein kann“, sagt Riethmüller. Die Musik helfe ihr dabei, auch mal abzuschalten.

Hilfe für Ratsuchende

Termin
 Die Räume des Antidiskriminierungsstelle im Landkreis Böblingen befinden sich im Röhrer Weg 8. Vor einem Besuch muss ein Beratungstermin unter der Telefonnummer 07031/714-9010 oder per E-Mail an beratung@lkbb-ads.de vereinbart werden. Die Beratung ist kostenfrei. Weitere Infos unter https://lkbb-ads.de.

Förderung
 Die Antidiskriminierungsstelle im Landkreis Böblingen wird gefördert vom Land, vom Landkreis Böblingen sowie vom Verein „Landkreis Böblingen bleibt bunt“.

Veranstaltung
 Die Internationalen Wochen gegen Rassismus stehen dieses Jahr unter dem Motto „Menschenwürde schützen“ und finden vom 17. bis 30. März statt. Der Verein „Landkreis Böblingen bleibt bunt“ beteiligt sich in diesem Jahr zum fünften Mal daran. Die Auftaktveranstaltung ist am Montag, 17. März, ab 14.15 Uhr im Ökumenischen Gemeindezentrum Böblingen-Diezenhalde.