Martin Winterkorn war von 2007 bis 2015 Chef beim weltgrößten Autobauer Volkswagen. Wegen der Diesel-Affäre ist er zurückgetreten, wurde bislang aber nicht angeklagt. Das hat sich nun geändert. Foto: AP

Die Dieselaffäre hat schon viel Schaden angerichtet. Und die US-Klage könnte für VW auch in Deutschland teure Folgen haben. Es wird Zeit, dass jemand die Verantwortung dafür übernimmt, statt lediglich Bauern zu opfern, meint Anne Guhlich.

Stuttgart - Die Sätze von US-Justizminister Jeff Sessions klingen gewohnt markig: „Wer versucht, die Vereinigten Staaten zu betrügen, wird einen hohen Preis bezahlen“, tönt er, als er die Anklage gegen den ehemaligen VW-Chef Martin Winterkorn wegen Verschwörung und Betrug bekannt macht. Das Gebaren der USA im Abgasskandal wurde von hiesigen Juristen immer wieder wahlweise als Angriff auf die deutsche Wirtschaft im Allgemeinen oder als hollywoodreife Selbstinszenierung bezeichnet. Doch es zeigt sich: Es ist die US-Justiz, die den Abgasskandal schonungslos aufklärt, und es ist die US-Justiz, die dabei das Tempo vorgibt. Durch die Anklage gegen Winterkorn in den USA wird deshalb auch die Situation für VW in Deutschland brenzliger – auch, wenn eine Klageschrift freilich noch nichts beweist.

Winterkorn galt als autoritärer und detailverliebter Chef

Klar ist: Dass Winterkorn, wie angedroht, jemals zu 25 Jahren Haft und einer Geldstrafe von bis zu 275 000 Dollar verurteilt wird, ist höchst unwahrscheinlich. Dafür müsste Deutschland den Manager in die USA ausliefern. Klar ist aber auch: Die US-Anklage lässt die Darstellung Volkswagens, dass allein gewöhnliche Techniker und Ingenieure die Schuld für den Skandal tragen, immer bizarrer wirken.

Ausgerechnet VW – der Konzern, der erst am Donnerstag auf der Hauptversammlung eingeräumt hat, dass auch die autoritäre Unternehmenskultur stets ein Teil des Problems war. Und ausgerechnet Winterkorn – der als detailverliebter Chef dafür bekannt war, bei Automessen gern mal mit dem Schraubenzieher unter Fahrzeuge zu klettern. Als Lenker dieses Konzerns will er erst im September 2015 von der Affäre erfahren haben, als der Skandal aufflog? Loyale Mitarbeiter aus dem mittleren Management sollen eigenmächtig den größten Betrug in der Geschichte der deutschen Autoindustrie geplant und umgesetzt haben? Die Gerichtsakten aus den USA zeichnen ein anderes Bild.

Durch die US-Klage steigt der Druck auf Volkswagen in Deutschland

Und dazu wird sich VW positionieren müssen – denn die Arbeit der US-Justiz lässt die Stimmen derer lauter werden, die fordern, dass Volkswagen die Affäre endlich selbst aufklärt. Außer Ankündigungen und Lippenbekenntnissen ist daraus bislang nichts gefolgt. Den entsprechenden Bericht der Kanzlei Jones Day hält Volkswagen bis heute unter Verschluss. Außerdem werden die Erkenntnisse auch den Ermittlern der Staatsanwaltschaft in Braunschweig nicht verborgen bleiben, die ebenfalls die Rolle Winterkorns sowie weiterer Manager beim Abgasskandal untersuchen. Vor allem aber sind die neuen Vorwürfe Wasser auf die Mühlen der Anwälte, die im Namen von Investoren Milliarden von VW fordern. Ihnen geht es freilich nicht darum, ob Winterkorn strafrechtlich belangt wird. Ihnen geht es um die Frage, ab wann bei Volkswagen der Betrug bekannt war, die nun neu vor Gericht verhandelt wird.

Geld von Aktionären ging verloren, Autokunden wurden geschädigt, das Vertrauen in eine deutsche Schlüsseltechnologie ist mehr als beschädigt. Ingenieure wie James Liang oder Oliver Schmidt wurden vor Gericht wie Terroristen behandelt und für lange Zeit weggesperrt – die Dieselaffäre hat schon viel Schaden angerichtet. Nun wird es Zeit, dass jemand die Verantwortung dafür übernimmt, statt lediglich Bauern zu opfern.

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