Neues Leben für eine Stuttgarter Institution: Wie ein Mercedes-Designer und eine Maschinenbau-Chefin den Friseurberuf neu denken – mit einer Dragqueen an der Spitze.
Wenn Alissa Staib (39) erzählt, wie sie zum Friseurhandwerk kam, muss sie schmunzeln. „Unsere Großeltern waren Friseure und haben uns immer gesagt: Macht was Gescheites und werdet nicht Friseur.“ Mit diesem Rat im Ohr studierte sie Wirtschaftsingenieurwesen, promovierte und leitet heute ein mittelständisches Maschinenbauunternehmen. Ihr Bruder Florian (35) ging den kreativen Weg und arbeitet seit 13 Jahren als UX-Designer bei Mercedes-Benz. Zwei klassische Bilderbuch-Karrieren – und doch fehlte etwas.
„Maschinenbau ist eben nicht so sexy“, sagt Alissa Staib. Die Erinnerung an die Großeltern, an deren Leidenschaft für ihren Beruf, ließ die Geschwister nicht los. Vor drei Jahren eröffneten sie bereits ihren ersten Friseursalon in Schorndorf – in den ehemaligen Räumen ihrer Großeltern. Jetzt wagen die beiden aus dem Wieslauftal im Rems-Murr-Kreis den nächsten Schritt und übernehmen den traditionsreichen Salon von René Asch (68) in der Silberburgstraße 145 im Stuttgarter Westen, der fortan den lateinischen Namen „animi ardor“ – „Begeisterung wecken“ – tragen wird.
Geschwister wollen Friseur-Handwerk neu denken
Die Übernahme des seit 40 Jahren bestehenden Traditionsgeschäfts nennt Alissa Staib einen „Glücksfall wie ein Sechser im Lotto“. Das sieht auch René Asch so, der den Salon seit 1987 führte und zu einer Stuttgarter Friseur-Ikone wurde. Als der 68-Jährige beschloss, kürzer zu treten, kamen mehrere Angebote. Wichtig war ihm, dass die Nachfolger sein bestehendes Team übernehmen. Das ist gelungen: Alle acht Mitarbeiter bleiben – ein weiterer Arbeitsplatz kommt sogar noch hinzu.
Was die Staibs anders machen wollen? „Flexible Arbeitszeiten, Online-Buchungstool, maximale Transparenz über alle Zahlen“, zählt Florian Staib auf. „Wir wollen nicht dieses Typische: Ich bin Friseurmeister und Diktator. Bei uns können alle mitgestalten.“ Der Fokus liegt auf der Wertschätzung des Handwerks und des Personals – moderne Führungsansätze treffen auf traditionelles Können.
Dragqueen Didi Divalicious: Glanz und Glamour für den Salonalltag
Für die Leitung des Salons konnten die Geschwister Florian Müller (28) gewinnen, eine bekannte Größe in der Stadt – nicht nur als Friseurmeister, sondern auch als schillernde Dragqueen. Als Didi Divalicious ist er bekannt für Auftritte im Landesmuseum und beim Drag Bingo. Seine Kunstfigur soll dem Salon ein besonderes Gesicht geben. „Mir ist wichtig, dass die Menschen bei uns nicht nur einen Haarschnitt bekommen. Sie sollen etwas erleben und rausgehen mit dem Gefühl: Jetzt geht es mir richtig gut.“
Waschen, schneiden, legen im Salonalltag. Glamour-Perücke und Leoparden-Outfit am Abend. Für Müller liegen diese Welten nicht weit auseinander. „Ich bin vom Charakter her nicht sehr viel anders, wenn ich Didi Divalicious bin. Vielleicht ein kleines bisschen aufgedrehter“, erklärt er. „Für mich geht es darum, mich selbst auszudrücken und einfach ich zu sein.“ Der 28-Jährige sieht sich als Sprachrohr für die queere Community. Wie sein Traum-Salon aussähe? „Der wäre schon rosa“, lacht er, „mit Leoprint-Möbeln!“
René Asch bleibt Friseur-Stammkunden erhalten
René Asch gibt seinen Friseursalon nach vier Jahrzehnten ab. Ganz loslassen kann und will der 68-Jährige aber nicht – er bleibt dem Geschäft zwei bis drei Tage die Woche als freier Mitarbeiter erhalten. „Ich habe nach 40 Jahren immer noch Lust darauf“, sagt er.
Die Entscheidung, den Salon an die Geschwister Staib zu übergeben, fiel ihm nicht schwer. „Ich gebe mein Geschäft in sehr gute Hände. Es ist schön zu sehen, dass es weitergeht und in die Neuzeit geführt wird. Für mich als analogen Menschen ist jetzt eine Grenze erreicht.“ Zukunftsthemen wie Digitalisierung, modernes Betriebsmanagement oder Work-Life-Balance sieht er als Stärken seiner Nachfolger.
Stuttgarter Friseur-Ikone: „Das Leben war gut zu mir“
Seit 1956 ist die Familie Asch in der Silberburgstraße präsent. Damals eröffnete sein Vater das erste Friseurgeschäft. „In den 90er Jahren gab es keine Modenschau hier in Stuttgart, die wir nicht gemacht haben“, erinnert sich der 68-Jährige.
Mit seinem Kreativteam war er auf Events in ganz Europa unterwegs. Die Liste der Highlights ist lang: Frisuren-Shows im Bauhaus Dessau – „als Bauhaus-Anhänger war das ein Highlight meiner Karriere“ –, ein Engagement bei der Olympiade 1992 in Barcelona, unzählige Fotoshootings mit bekannten Fotografen und Models.
„Das Leben war gut zu mir. Ich durfte viel erleben und bin sehr dankbar dafür“, resümiert Asch. Seine Frau Angie (70) nimmt den Teilruhestand ihres Mannes mit Humor: „Ich bin froh, dass er auch mal länger zuhause ist. Aber über die drei Tage, wo er im Salon ist, freue ich mich auch – da kann ich das machen, was ich will“, sagt sie mit einem Schmunzeln.
Neue Eigentümer wollen Image des Friseurberufs verbessern
Jeanette Asch, Renés Schwester, arbeitet seit 40 Jahren im Salon und wurde ebenfalls übernommen. „Ich habe ein lachendes und ein weinendes Auge“, sagt sie. „Etwas geht zu Ende, aber es geht auch weiter. Wir waren noch sehr analog, sehr viel mit Papier unterwegs. Es ist für uns spannend, so ins 21. Jahrhundert katapultiert zu werden.“
Die neuen Eigentümer sind überzeugt, dass ihr Konzept den Ruf des Handwerks verbessern und junge Talente anziehen wird. „Wir wollen das Image des Friseurberufs in ein besseres Licht rücken“, sagt Alissa Staib. Sie wollen ein Zeichen setzen: Der Friseur ist ein kreativer, zukunftssicherer Beruf, der Wertschätzung verdient – und der in der Stuttgarter Silberburgstraße nun ein glamouröses Update erhält.