Die jugendlichen Kinder, die alleine unterwegs sind, der Mann, der auf dem Weg zur Arbeit verunglücken könnte – normale Sorgen können auch zur Krankheit werden. Foto: imago//Rolf Poss

Elisa Will sieht nur Gefahren. Überall. Das Leben der Mutter und ihrer Familie hat jede Leichtigkeit verloren. Wie viele Sorgen sind noch normal und wann werden sie pathologisch?

Die Sorgen kamen immer früh am Morgen über Elisa Will. In Gedanken spielt Will, die in Wirklichkeit anders heißt, dann häufig verschiedene Schreckensszenarien durch: Wie ihr Mann auf dem Weg zur Arbeit mit dem Auto einen schweren Unfall haben würde. Wie sie mit ihrer Familie auf dem Weg in den Urlaub die neblige Po-Ebene durchqueren würden. Wie oft kam es dabei zu Unfällen? Sie stellte sich vor, wie ihre Kinder blutüberströmt im Auto lagen. Konnte man diesen Urlaub überhaupt verantworten? Und überhaupt die Kinder, die konnten doch schon heute Morgen auf dem Schulweg verunglücken. Wenn Elisa Will um 6.30 Uhr aufsteht, hat sie oft schon eineinhalb Stunden Sorgen hinter sich.

 

Angststörung kommt selten allein

„Solche Sorgenketten sind typisch für die Generalisierte Angststörung “, sagt Christoph Flückiger, Professor am Psychologischen Institut der Universität Zürich, der Elisa Will in seiner Spezialpraxis therapiert hat und ihren Fall, um ihre Persönlichkeitsrechte nicht zu verletzen, mit leicht veränderten Details wiedergibt. Fünf bis zehn Prozent aller Menschen sind während ihres Lebens betroffen. „Die Häufigkeit der Störung nimmt mit dem Alter zu – vor allem bei den Frauen.“ Oft wird die Störung mit einer Depression verwechselt. Dazu erschwert eine Kombination verschiedener Störungen häufig die Diagnose. „Zu 85 Prozent tritt die Generalisierte Angststörung in Verbindung mit anderen psychischen Erkrankungen, wie sozialer Angst, Depressionen und spezifischen Phobien auf“, sagt Eni Becker, Leiterin der Abteilung Klinische Psychologie an der Uni Nimwegen und Mitautorin des Ratgebers Generalisierte Angststörung. „Diese sind leichter zu diagnostizieren und verdecken oft die Generalisierte Angststörung.“

Bei Elisa Will dauerte es sechs Jahre, bis sie ihre Diagnose erhielt – eine durchaus übliche Zeitspanne. Das liegt auch daran, dass Patientinnen lange keine Hilfe suchen und für ihr Umfeld nicht auffällig sind. „Es ist ein stilles Leiden im Inneren, viele Patienten sind nach außen hin voll funktionsfähig in Arbeit und Familie“, so Christoph Flückiger.

Oft steckt Leistungsbewusstsein dahinter

So war es auch bei Elisa Will. Sie leitete den Verkauf in einer Bäckerei, war also Vorgesetzte für die Verkäuferinnen und unterstand dem Besitzer des Kleinbetriebs. Wurde weniger verkauft, machte sie sich Vorwürfe, das sei ihre Schuld und ihr Job sei in Gefahr. Verwehrte sie einer Mitarbeiterin einen Urlaubstag, machte sie sich Vorwürfe, zu streng gewesen zu sein. Dabei waren eigentlich alle zufrieden mit ihr. „Generalisierte Angststörung entwickeln oft Menschen mit einem ausgeprägten Leistungsbewusstsein“, sagt Flückiger. „Vom Charakter her sind sie seit der Kindheit eher ängstlich.“

Wie viele Sorgen sind noch normal, und wann werden sie pathologisch? „Sorgen haben eine wichtige Funktion“, sagt Flückiger. „Vor einer Bergtour etwa kann es lebenswichtig sein, sich vor einer Lawine zu fürchten – denn solche Gedanken machen uns aufmerksam für Gefahren.“ Auch für die gesamte Gesellschaft seien Sorgen wichtig.

Sechs Stunden Sorgen am Tag sind zu viel

Bedenklich wird es jedoch, wenn die Sorgen über Stunden anhalten. Eine Studie, an der Eni Becker mitgewirkt hat, zeigte, dass sich Patienten mit einer Generalisierten Angststörung mehr als sechs Stunden am Tag intensiv Sorgen machen. Nicht erkrankte Menschen kommen nur auf eine Stunde. „Alarmierend ist, wenn sich Sorgen gar nicht mehr stoppen lassen“, sagt Flückiger.

Die Störung verschlimmert sich oft durch den Umgang der Betroffenen mit den Ängsten. Elisa Will versuchte, sich dazu zu zwingen, nicht an die Sorgen zu denken. Doch das gelang ihr nicht. „Wer versucht, etwas bewusst zu verdrängen, richtet meistens noch mehr Aufmerksamkeit auf das Problem – und kann es so erst recht nicht vergessen“, sagt Eni Becker.

Irgendwann war alle Freiheit weg

Bei Elisa Will waren es auch Probleme in der Familie, die sie dazu brachten, eine Therapie anzufangen. Ihrem 13-jährigen Sohn verbot sie das Hockeyspiel – zu gefährlich. Spontane Ausflüge waren nicht mehr möglich, denn Elisa Will wollte vorab ausgiebig die Gefahrenlage für die Autofahrt analysieren. Das Leben verlor für ihre Familie jegliche Leichtigkeit. Schließlich kam sie mit ihrem Mann überein, eine Psychotherapie anzufangen. „Die kognitive Verhaltenstherapie hat eine erstaunlich gute Wirksamkeit“, sagt Flückiger. „In 80 Prozent der Fälle erreichen wir schnell Fortschritte.“

Im Zentrum der Therapie steht, Ängste zu Ende zu denken und auszuhalten. „Wenn man gründlich über die Sorgen spricht, reduziert sich die Anspannung oft schon um 50 Prozent“, sagt Flückiger. „Verdeutlicht man sich dann noch, wie unwahrscheinlich ein Autounfall etwa ist, hilft das ebenfalls.“ Auch Entspannungsverfahren wie autogenes Training und Progressive Muskelentspannung haben ihren Platz in der Therapie. Flückiger empfiehlt dazu aktive Achtsamkeit, etwa spazieren zu gehen, aufnahmebereit mit allen Sinnen. Auch sollte man sich einen gut strukturierten Tagesablauf planen, um nicht zu lange zu Hause mit Sorgen beschäftigt zu sein, sagt er. Für Elisa Will war die Therapie ein Erfolg: Manche Sorgen sind geblieben, aber der nächsten Fahrt durch die Po-Ebene sieht sie gelassen entgegen.