Was sagen eigentlich die Händler zu „Angsträumen“ in der Stadt – und wie kann aus ihrer Sicht der Einzelhandel gerettet werden?
„Das Schlimmste im Stadtbild sind Leerstände“, sagt Sebastian Rothfuss, der die Fellbacher Buchhandlung Lack ab dem neuen Jahr weiterführen wird. Daher sei es umso wichtiger, Leerstände zu überwinden. Häufig folgten Imbiss-Läden oder Friseurgeschäfte, was den Branchenmix zwar ausdünne, aber besser als Leerstand sei. Man sollte sich über jeden freuen, der so einem Leerstand entgegenwirke und dadurch die Innenstadt attraktiv mache. Über die Mehrwertsteuer könne viel geregelt werden – man könnte beispielsweise eine Luxussteuer für Kaviar einführen und dafür Gemüse gar nicht besteuern.
Die Gewerbesteuer sei jedoch ein einfacherer Hebel, an dem jede Gemeinde direkt Einfluss auf Einzelhandel und gegen Leerstand hätte. „Sie ist für den Einzelhandel ein großer Posten und erst kürzlich angehoben worden, um klamme Haushaltskassen aufzufüllen“, so Rothfuss. Was den Buchhandel betrifft, so sei dieser bei der Debatte um die Mehrwertsteuer außen vor. Hier gelte der niedrige Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent online und offline durch die Buchpreisbindung.
Händlerin: „Die Rücksendung sollte nicht so einfach gemacht werden“
„Es muss bald etwas passieren, sonst ist der stationäre Einzelhandel nicht mehr da“, sagt Sonja Zielke, die Sprecherin der Werbegemeinschaft nördliche Bahnhofstraße in Fellbach, die mit ihrer Schwester ein großes Fachgeschäft für Seidenblumen führt. Man brauche Hürden für den Onlinehandel. „Besonders die Rücksendung sollte nicht so einfach gemacht werden“, sagt die Einzelhändlerin.
Oft erlebe sie den stationären Einzelhandel leider nur als Lückenbüßer, das bedeute, dass Kunden dann in das Fachgeschäft kämen, wenn sie ein bestimmtes Produkt nicht im Internet gefunden hätten. Auch habe sie sogar erlebt, dass Kunstblumen im Netz gekauft worden seien und das kostenlose Arrangieren im Fachgeschäft angefragt worden sei. Durch die großen Onlineplattformen würde das Konsumverhalten teils stark verändert. „Die wichtige Rolle des Einzelhandels in der Stadtgesellschaft wird oft nicht mehr erkannt“, sagt Zielke. Gerade die inhabergeführten Betriebe machten das Stadtbild vielseitig und lebendig.
„Die Situation des stationären Handels hat sich – wie in vielen Städten – in den vergangenen Jahren weiter zugespitzt“, sagt Christian Hartmann vom Traditionsgeschäft Mode am Markt in Weinstadt-Endersbach. Der Strukturwandel, der durch veränderte Konsumgewohnheiten, steigende Kosten und den massiven Wachstumsschub des Onlinehandels beschleunigt wurde, wirke inzwischen sichtbar auf das Stadtbild. „Leerstände nehmen zu, während inhabergeführte Geschäfte es immer schwerer haben, sich im Wettbewerb zu behaupten“, so Hartmann.
Inhaber eines Traditionshauses: „Wo wir einkaufen, prägt unser Stadtbild“
Seiner Meinung nach könne der Einzelhandel am wirksamsten durch eine Kombination aus wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und einem bewussteren Kundenverhalten unterstützt werden. „Die Politik kann notwendige Impulse setzen, aber ein echter Wandel gelingt nur, wenn auch die Endkunden verstehen: Wo wir einkaufen, prägt unser Stadtbild. Der Komfort des schnellen Onlinekaufs hat seinen Preis – und dieser Preis zeigt sich zunehmend in verwaisten Innenstädten“, macht Hartmann deutlich.
Zu den zentralen Weichenstellungen gehören aus Sicht des Weinstädter Modehändlers folgende Punkte:
- Faire Wettbewerbsbedingungen zwischen Online- und Offlinehandel
Der Onlinehandel trage im Verhältnis zum stationären Handel deutlich weniger zu den kommunalen Kosten bei – etwa für Infrastruktur, Entsorgung oder Verkehrsbelastung durch Lieferwagen. Während innerörtliche Händler Gewerbemieten, Energie und Personal finanzieren müssten, operierten reine Onlineanbieter oft mit deutlich geringeren Fixkosten.
- Digitalisierung und Sichtbarkeit des lokalen Handels stärken
Viele Kunden informierten sich online, kauften aber offline – wenn sie die Option wahrnehmen könnten. Lokale Plattformen, gemeinsame digitale Schaufenster oder Click-&-Collect-Angebote könnten helfen, die Reichweite zu erhöhen.
- Innenstädte als Aufenthaltsorte stärken
Handel funktioniere langfristig nur in lebendigen Innenstädten. Aufenthaltsqualität, Verkehrskonzepte, Sauberkeit, Sicherheit und Kulturangebote hätten einen enormen Einfluss darauf, ob Menschen überhaupt in die Stadt kommen.
- Ein Umdenken bei den Kunden
Studien zeigten, dass jeder Euro, der im lokalen Handel ausgegeben wird, regional ein Vielfaches an Wertschöpfung erzeuge – durch Arbeitsplätze, Steuern und regionale Dienstleistungen. Der Onlinekauf dagegen verlagere Kaufkraft abseits der Städte. Diese Zusammenhänge müssten noch viel stärker kommuniziert werden.
Cristian Hartmann ist der Meinung, dass eine höhere Besteuerung von Onlinekäufen – oder alternativ eine verpflichtende Liefergebühr – ein sinnvoller Schritt sei, um strukturelle Ungleichgewichte auszugleichen.
Wie wichtig der stationäre Handel für eine Stadt sei, das habe man in der Coronazeit erleben können. „Wie Geisterstädte hat es mit den dunklen Schaufenstern und heruntergelassenen Rollläden ausgesehen“, sagt Julian Deifel vom Vorstand des Fellbacher Stadtmarketings. Ein guter Einzelhandel sei nach wie vor ein wichtiger Standortfaktor – etwa für die Entscheidung eines Wohnortes und auch für andere Unternehmen am Ort. Die Thematik sei vielschichtig. Eine Stadt könne durch bestimmte Rahmenbedingungen viele Anreize schaffen, den Einzelhandel zu fördern. Am Ende des Tages entscheide aber der Kunde durch seine Nutzung, ob der Einzelhandel am Ort eine Zukunft habe oder nicht.
Oberbürgermeister fordern Maßnahmen gegen verwaiste Innenstädte
Bei der „Stadtbild“-Debatte haben sich drei Oberbürgermeister mit Vorschlägen zu Wort gemeldet, die die Innenstädte nach ihrer Meinung wieder attraktiver machen könnten: Boris Palmer (Tübingen, parteilos), Matthias Klopfer (Esslingen, SPD) und Richard Arnold (Schwäbisch Gmünd, CDU) nennen in einem Gastbeitrag der Wochenzeitung „Die Zeit“ viele Gründe für „Angsträume“. Sie nennen folgende Punkte als Ursache: „Finanzielle Überforderung der Kommunen, zerfallende Infrastruktur, der Rückzug des Einzelhandels, die Vereinzelung in einer Gesellschaft, die sich immer weniger im Analogen begegnet.“ Der Einzelhandel nimmt dabei eine entscheidende Rolle für ein lebenswertes Stadtbild ein.
Die Bürgermeister plädieren für eine steuerliche Entlastung: einen ermäßigten Mehrwertsteuersatz von 15 Prozent für Geschäfte „in klar abgegrenzten zentralen Versorgungsbereichen“ sowie eine Anhebung der Mehrwertsteuer für Onlineverkäufe auf 25 Prozent.