Frauen fühlen sich vor allem bei Dunkelheit in manchen Bereichen des Stadtgebietes von Esslingen unwohl. Bei einem Nachtspaziergang im Rahmen der Frauenwochen wurden diese Stellen aufgesucht und überlegt, was verändert werden könnte.
Ein Sicherheitsgarant ist Tilda nicht. Ihr Pudel gibt Ute Glietze zwar das beruhigende Gefühl, nicht allein zu sein. Allerdings ist da auch noch das beunruhigende Gefühl, dass der liebenswürdige Hund jeden Angreifer schwanzwedelnd begrüßen würde. In bedrohlichen Situationen konzentriert sich Ute Glietze trotzdem ganz auf Tilda. Das lenke von der Angst ab. Andere der mehr als 30 Teilnehmerinnen am Nacht-Spaziergang durch Esslingen haben nicht den Luxus eines tierischen Begleiters und berichten von unguten Gefühlen in Unterführungen, vom Meiden bestimmter Regionen, einem beeinträchtigten Sicherheitsbedürfnis.
Unter dem Titel „ES bei Nacht – wo wir die Stadt verändern wollen“ wurden am Mittwochabend bei einer Veranstaltung im Rahmen der Frauenwochen mögliche Angsträume im Stadtgebiet aufgesucht, die vor allem bei Dunkelheit zu Albträumen von Frauen werden können.
Nach 22 Uhr ist der Bahnhofsvorplatz für Hanna Scherieble, eine der Teilnehmerinnen, eine No-Go-Area. Dieses Gebiet meide sie nachts lieber, sagt die stellvertretende Vorsitzende des Stadtseniorenrats während des Rundgangs. Nadja Gaukler kennt das Gefühl. Heute ist sie 22. Doch mit 16 Jahren, erinnert sie sich, musste sie wegen der gesetzlichen Bestimmungen um Mitternacht Clubs und Tanzlokale verlassen. Wenn sie von Stuttgart vom Feiern kam, stand sie vor dem Esslinger Bahnhof mit einem unguten Gefühl da. Ein Bus fuhr lange vor 24 Uhr, der nächste erst gegen 1.30 Uhr. Viel Zeit für Unbehagen, wenn sie heim nach Berkheim wollte. Eine andere Taktung wäre wünschenswert, meint die junge Frau.
Unterwegs mit „Bodyguard“
Immerhin sorge eine vermehrte Polizeipräsenz am Bahnhofsareal für ein stärkeres Sicherheitsgefühl, meint Muni Zhong vom Jugendgemeinderat. Catcalling, also anzügliches Rufen, Reden, Pfeifen oder Gestikulieren in der Öffentlichkeit, hat sie selbst schon erlebt. Sie hat einen Kollegen aus dem Gremium zum Nachtspaziergang mitgebracht: „Er ist mein Bodyguard“, witzelt sie. Doch Christian Spiegel ist mitgekommen, weil der Jugendgemeinderat in einer Umfrage auch herausgefunden hat, dass 70 Prozent der 1346 Befragten ab 16 Jahren schon einmal unangenehme Situationen am Bahnhofsplatz erlebt haben. Auch wegen solcher Ergebnisse interessiert ihn der Stadtrundgang.
Die Beutau-Unterführung hinter dem Neuen Rathaus als eine weitere Station ist zwar hell ausgeleuchtet. Aber die geschlossenen Toilettentüren wirken bedrohlich. Jederzeit könne hier eine Person herauskommen. Mehrere Teilnehmerinnen fühlen sich bei dem Gedanken daran unwohl. Und die Wände sind beschmiert. Schade, meint Carmen Tittel, Vorsitzende der Grünen-Gemeinderatsfraktion, als Mitorganisatorin. Eine attraktive Ausgestaltung würde beruhigend auf nächtliche Passanten wirken.
Stadtplaner, Architekten und Bau-Ingenieure seien in früheren Jahren fast alle männlich gewesen, erzählt Tittel. Diesen maskulinen Blick würde man vielen Stadtquartieren anmerken. Als positives Gegenbeispiel sei die Flandernstraße zu nennen, für deren Ausgestaltung ein Frauen-Workshop ins Leben gerufen wurde. Hier seien weibliche Bedürfnisse verstärkt berücksichtig worden. Wichtig seien eine helle Ausleuchtung, übersichtliche Sichtachsen, klare Wegführungen.
Eine Gender-Stadtplanung
Eine „Gender-Stadtplanung“ sei nötig, ergänzt Lukas Hartlieb als Teilnehmer am Nachtspaziergang. Öffentliche Plätze müssten unter dem Stichwort „Stadt für alle“ geschaffen werden, die auf die Bedürfnisse aller Geschlechter und sozialen Gruppen eingehen. Er ist von Heilbronn nach Esslingen gezogen. Sein vorheriger Wohnort leide unter dem ungerechtfertigte Image eines kriminellen Brennpunktes. Auch darum interessiere ihn die Thematik, erklärt er auf dem Weg zur Maille, der nächsten Station.
Der Platz nahe des Cafés ist hell erleuchtet. Trotzdem höre sie immer wieder, dass Ansammlungen junger Männer in den Grünanlagen für ungute Gefühle bei Frauen sorgten, sagt Carmen Tittel. Einige der Teilnehmerinnen stimmen ihr zu. Manche würden sich hier und in anderen Teilen des Stadtgebiets Kameras, Notrufsäulen, eine Verstärkung der Sicherheitskräfte, Videoüberwachung oder eine offenere Gestaltung bisher schlecht einsehbarer Ecke wünschen.
KI erfasst Bedrohungen
Andrea Lindlohr, Grünen-Landtagsabgeordnete und Mitorganisatorin, verweist auf ein in Ulm gestartetes Pilotprojekt als weitere Lösungsmöglichkeit. Der als Drogenumschlagplatz berüchtigte Lederhof werde als Experimentierterrain für Methoden für mehr Sicherheit erprobt. Beim Betreten dieses Angstraumes, so wird auf der Homepage der Donaustadt eine Maßnahme erklärt, scannt etwa eine Person per App einen Barcode, wird von einer Kamera erfasst und in ein „digitales Objekt“ verwandelt. „Das digitale Objekt wird dann auf seinem Weg von Kameras verfolgt.“ Eingesetzte Künstliche Intelligenz (KI) solle dabei Anomalien wie einen Angriff oder eine Ohnmacht erkennen und Alarm auslösen. Solche Ansätze oder auch der Einsatz von mehr Beleuchtungselementen könnten helfen, dass die Angsträume für Frauen weniger werden, so Lindlohr.
Angsträume in Esslingen
Maßnahmen
Wenn Frauen in Angst geraten, so riet Andres Lindlohr während des Nachtspaziergangs, können sie die Notrufnummern 110 oder 112 wählen. Möglich sei es aber auch, sich per Handy mit einem Familienmitglied in Verbindung zu setzen und von dem Vorfall zu berichten.
Toiletten
Die Nutzung aller Toiletten ist am Esslingen Bahnhof nun kostenfrei. Bisher konnten nur Pissoirs ohne eine Gebühr benutzt werden. Das empfand der Jugendgemeinderat als ungerecht. Der Ausschuss für Technik und Umwelt hat seinem Antrag stattgegeben, auch Einzelkabinen gratis zugänglich zu machen.
Frauenwochen
Noch bis Samstag, 23. März, laufen die Esslinger Frauenwochen, die in diesem Jahr unter dem Thema „Fempower“ stehen. Das Programm findet sich unter www.esslingen.de unter dem Stichwort „Frauenwochen 2024“.