Ihre erste Auslandsreise hat Verteidigungsministerin Christine Lambrecht nach Litauen geführt. Foto: Bundeswehr/Tom Twardy

Estland, Lettland und Litauen glauben, Russland besser zu kennen als viele andere Nationen. Sie trauen dem großen Nachbarn daher viel Schlechtes zu.

STUTTGART - Nirgendwo kommen sich die Nato und Russland so gefährlich nahe wie im Baltikum. Estland und Lettland grenzen unmittelbar an das Riesenreich, Litauen an die russische Enklave Kaliningrad, in der zahlreiche Iskander-Raketen stationiert sind. Die drei baltischen Länder haben in den vergangenen 30 Jahren stets ein wenig darunter gelitten, dass sie im Westen häufig in einem Atemzug genannt werden. Was sie aber zweifellos eint, ist ein deutlich kritischerer Blick nach Osten. Bis zum Zerfall der Sowjetunion waren sie Bestandteil des damaligen Vielvölkerstaates. In allen drei Ländern ist man sich sicher, Russland daher besser zu kennen als viele andere Nationen.

 

Keine Angst vor dem Rüpel

Ein Fluss trennt die Nato von Russland

In Narva, weit im Nordosten Estlands, endet die Nato. Russland ist auf der anderen Seite des gleichnamigen Flusses. Am linken wie am rechten Ufer wird russisch gesprochen. Ein Viertel der Einwohner Estlands sind Russen, in Narva sind es mehr als 90 Prozent. Im Wald übt die freiwillige Heimwehr, danach gibt es einen Besuch bei den französischen Nato-Truppen. Angst? Das sei ein wenig wie auf dem Schulhof, sagt die estnische Premierministerin Kalja Kallas wenige Tage vor dem russischen Angriff auf die Ukraine gegenüber dem Zweiten Deutschen Fernsehen. Mit starken Freunden brauche man den Rüpel nicht zu fürchten. „Unser starker Freund ist die Nato“, sagt Kallas.

Kurzes Zeitfenster für den Beitritt

Estland, Lettland und Litauen waren dem transatlantischen Verteidigungsbündnis im Jahr 2004 beigetreten. Die Länder hatten ihre Bemühungen mit Macht voran getrieben, schon damals gab es die Befürchtung, dass sich das Zeitfenster für einen Beitritt schnell wieder schließen könnte. Seitdem gilt für alle drei Länder das Gleiche, wie für alle anderen Nato-Partner: Einer für alle, alle für einen. Sollte Russland die Grenzen verletzen, dann stünden europäische Partner bereit und die Truppen der USA.

„Diena“ heißt so viel wie der „Tag“ und ist eine der größten Zeitungen in Lettland. „Putins Westerweiterung hat begonnen“, kommentiert das Blatt die aktuellen Ereignisse. Während die meisten westlichen Experten derzeit davon ausgehen, dass sich die russischen Aggressionen nicht gegen Nato-Mitglieder richten werden, sieht es die Zeitung anders. Es sei „ klar, dass sich Moskaus Expansion nicht auf die Ukraine beschränken wird“. Präsident Alar Karis spürt „Beklommenheit“ in seinem Land, und bereitet die Menschen auf russische Cyberattacken und ukrainische Flüchtlinge vor.

In Litauen gilt der Ausnahmezustand

Litauens Präsident verhängt Ausnahmezustand

In jeder der baltischen Republiken ist ein multinationaler Kampfverband stationiert. Er umfasst bisher meist zwischen 1000 und 1200 Soldaten. Weil die Nato-Russland-Grundakte aus dem Jahr 1997 keine dauerhafte Stationierung von Nato-Truppen in Osteuropa erlaubt, rotiert das Personal alle sechs Monate. Der Nato-Kampfverband in Litauen steht unter deutscher Führung. Am Freitag wurde bekannt, dass die Bundeswehr der Nato weitere Truppen anbieten will.

Litauens Präsident Gitanas Nauseda hat angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine bereits den Ausnahmezustand verhängt. Die Angst im Land wächst. Arvydas Pocius, Mitglied des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungskomitees, beruhigt: „Wir sind Mitglied der Nato, wir sind nicht alleine“. Allerdings: Bedenken um die eigene Sicherheit im Baltikum scheinen nicht nur die Bewohner vor Ort zu haben. Am Freitag wurde bekannt, dass die Basketball-Nationalmannschaft aus Bosnien-Herzegowina nicht zum anstehenden WM-Qualifikationsspiel nach Litauen reisen will.