Ein Polizist wird von einem Mann niedergeschlagen. Sogenannte tätliche Angriffe werden seit 2018 in den Statistiken extra geführt. Ihre Zahl steigt. Foto: /Carsten Rehder

Noch steht der statistische Beleg aus, aber Polizei und Gewerkschaft gehen davon aus, dass tätliche Angriffe auf Beamte seit Beginn der Pandemie zugenommen haben. Ein Fall von Anfang des Jahres wurde jetzt vor dem Amtsgericht verhandelt.

Böblingen - Vermutlich unter dem Einfluss von LSD hat ein 19-Jähriger aus Jettingen am Neujahrsmorgen 2019 einen Polizeibeamten in den Oberschenkel gebissen. Und zwar so lange und so fest, dass er nur unter massiven Schlägen wieder losließ. Noch Monate später habe man bei der Gerichtsverhandlung gegen den jungen Mann die Wunde mit bloßem Auge sehen können, so der Vorsitzende Richter des Böblinger Amtsgerichts. Er musste am Donnerstag darüber befinden, ob der heute 20-Jährige eine Jugendstrafe für dieses Delikt bekommt oder ob er seine Vorbewährung, die im vergangenen Juni ausgesprochen wurde, bestanden hat.

Nur im Jugendstrafrecht gibt es eine Vorbewährung: Die Entscheidung, ob eine Jugendstrafe zur Bewährung ausgesetzt werden kann, wird zurückgestellt und kann später – in diesem Fall am Donnerstag – nachgeholt werden. Meistens geht es darum, ob die Jugendlichen den Warnschuss verinnerlichen und sich an Auflagen der Bewährungshilfe halten.

Das Urteil: Der heute 20-Jährige hat sich in den Augen des Gerichts nicht bewährt. Er bekam eine Jugendstrafe von sechs Monaten. Diese wird für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Der Angeklagte muss zur Suchtberatung, sich Drogentests stellen und Kontakt zur Bewährungshilfe halten. Der Vorsitzende Richter: „Im Schwäbischen würde man sagen, Sie sind et ograd. Aber die Tat war heftig.“

Drei Attacken binnen 24 Stunden

Damals hatte der heute in Ulm lebende junge Mann derart viel Rauschmittel konsumiert, dass eine Bekannte die Polizei verständigte. Die Polizisten nahmen den damals 19-Jährigen mit ins Herrenberger Krankenhaus. Dort beruhigte er sich, und die Beamten wollten ihn eigentlich aufs Revier bringen. Einer nahm auf dem Rücksitz bei ihm Platz. Plötzlich habe der Angeklagte sich herumgeworfen und sich über Sekunden im Oberschenkel des Polizisten verbissen.

Das ist sicher einer der extremeren Fälle gewesen, mit denen Polizisten im vergangenen Jahr zu tun hatten, auch wenn er nicht im Zusammenhang mit der Pandemie zu sehen ist. Im Verlauf des Frühlings und Sommers kam es immer wieder zu Angriffen. Kontrollen von Hygienemaßnahmen oder von verbotenen Partys waren dann häufig der Hintergrund. Allein binnen 24 Stunden im vergangenen August kam es zu drei heftigen Attacken gegen Polizisten im Einsatz.

Beamte waren zu einer Auseinandersetzung bei einer unerlaubten Party gerufen worden. In deren Verlauf wurden sie angepöbelt, und der Haupttatverdächtige trat einen der Beamten zweimal gegen den Kopf. Im zweiten Fall in derselben Nacht rief eine Frau die Polizei, als sie drei Jugendliche dabei beobachtete, wie diese ein Auto aufbrechen wollten. Ein 17-Jähriger, den die Beamten festnahmen, rastete komplett aus, trat mit beiden Beinen um sich und schlug mit den Fäusten nach den Polizisten. Und schließlich musste die Polizei noch einen stark alkoholisierten Mann beruhigen, der spuckte und um sich trat, weil er einen Alkoholtest verhindern wollte.

70 Menschen treffen sich zum Singen

Und erst im November war es bei Ehningen zu einer Auseinandersetzung gekommen, weil Menschen uneinsichtig und unkooperativ auf eine Polizeikontrolle reagierten: Auf einem Wiesengrundstück hatten sich 50 bis 70 Personen getroffen, die erst angaben, singen zu wollen. Dann deklarierten sie das Treffen als Versammlung und schließlich als Gottesdienst.

Noch will sich der Sprecher des Reviers Ludwigsburg, Peter Widenhorn, nicht festlegen, aber er habe den Eindruck, dass die Gewalt gegen Beamte im Pandemiejahr zugenommen habe. „Das ist noch ein Bauchgefühl“, sagt er. Die Statistik werde gerade erstellt und soll im März veröffentlicht werden.

Für Hans-Jürgen Kirstein, den Landesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei, ist die Lage eindeutig: „Die Fälle haben im vergangenen Jahr zugenommen.“ Gerade bei Kontrollen von Gruppen, die sich zu nicht erlaubten Partys getroffen haben, sei eine Zunahme von Pöbeleien bis zu tätlichen Angriffen festzustellen. Es sei deutlich, dass „Ältere die Maßnahmen eher akzeptieren, Jüngere sich eher auflehnen“, wenn Polizisten sie etwa dazu anhielten, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen.

Etwas gegen das Spucken unternehmen

Eine Sache, die beim Chef der Polizeigewerkschaft des Landes, „große Sorge“ auslöst, ist das Thema Spucken. Das komme immer häufiger vor. Es gebe Spuckschutz-Schilder, aber die habe man nicht immer dabei. Noch wisse er keine Lösung für dieses Problem. Kirstein: „Aber das müssen wir angehen.“

Dass seine Kollegen dünnhäutiger würden, bei Kontrollen also übers Ziel hinausschießen, glaubt er nicht. Doch durch die strengen Abgrenzungen der Schichten oder Abstandsregeln fehle den Polizisten Austausch und Rückkopplung. Und gerade Polizisten, die sozusagen „an der Front“ ruhig bleiben müssten, bräuchten diese Seelenhygiene sehr.

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