Die Mongolen vor Bagdad Foto: Saint Louis Art Museum

Kein Ritterheer hat das Abendland vor den Mongolen gerettet, sondern die Mamluken in Ägypten: 1260 überlisten islamische Truppen die Steppenreiter bei der Quelle, an der David einst Goliath besiegt haben soll, und schlagen sie mit ihren eigenen Waffen.

Allah stellt ihn vor eine harte Probe: Im Frühjahr 1260 erscheinen Abgesandte des mongolischen Khans Hülagü am Hof von Al-Muzaffar Sayf al-Din Qutuz in Kairo und überbringen dem Mamluken-Sultan einen Brief ihres Herrn: „Du solltest daran denken, was anderen Ländern widerfahren ist, und dich deshalb uns unterwerfen. Zögerst du, wirst du eine schreckliche Katastrophe erleben: Wir werden deine Moscheen zerstören, eure Kinder und eure alten Männer töten und eure Frauen vergewaltigen.“

 

Die Botschaft des Großkhans ist unmissverständlich, die Drohung kein Bluff. Wozu die „Reiter der Apokalypse“ fähig waren, wie sie der bayerische Chronist Hermann von Niederaltaich nannte, hatten die Steppenkrieger 20 Jahre zuvor bewiesen, als sie das christliche Abendland heimgesucht und eine Schneise der Verwüstung hinterlassen hatten. Die Gegner wurden gnadenlos niedergemacht, so auch das deutsch-polnische Ritterheer 1241 im schlesischen Liegnitz.

Ein Todesfall beendet den ersten Mongolensturm

Doch wie durch ein Wunder stoppte damals der Mongolensturm. Der Grund: Im fernen Karakorum war Großkhan Ögödei gestorben. Und nach einem auf Dschingis Khan zurückgehenden Gesetz mussten alle Anwärter zur Wahl des neuen Großkhans in die Mongolei zurückkehren. Eine Weile blieb es ruhig, weil die Mongolen mit inneren Machtkämpfen beschäftigt waren. Doch dann setzte sich Möngke als Großkhan durch und ordnete erneut einen Feldzug nach Westen an – diesmal gegen die islamische Welt.

Unter dem Kommando von Hülagü, dem Bruder des Großkhans, eroberten die Steppenkrieger 1255 Samarkand und brachten bald darauf ganz Persien in ihre Gewalt. 300 000 Mann stark soll das Heer gewesen sein. 1258 fiel Hülagü ins Zweistromland ein, wo er nach fünftägiger Belagerung Bagdad eroberte und den letzten Kalifen der Abbasiden-Dynastie im Irak grausam ermorden ließ. Das Oberhaupt der islamischen Welt wurde in einen Gebetsteppich gewickelt und von Pferden zu Tode getrampelt.

Zeitenwende am Nil

Zu einer Zeitenwende war es damals auch in Ägypten gekommen, als die Mamluken die 80 Jahre dauernde Herrschaft der Ayyubiden-Dynastie beendeten und sich selbst zu Herrschern über das Land am Nil aufschwangen. Die Mamluken (mamluk bedeutet auf Arabisch „der in Besitz Genommene“) waren Leibeigene des Sultans, die auf den Sklavenmärkten gekauft und in langen Jahren der Ausbildung zu einer disziplinierten und schlagkräftigen Reitertruppe zusammengeschweißt wurden.

Dem Einsatz dieser militärischen Elite war es im Wesentlichen zu verdanken, dass es Sultan Al-Malik as-Salih (1205–1249) gelang, das Kreuzfahrerheer unter Führung des französischen Königs Ludwig IX. bei al-Mansūra im Nildelta zu vernichten.

Widerstand statt Unterwerfung

Nachdem der Ayyubiden-Sultan in der Schlacht gefallen war, nutzten die Mamluken die Gunst der Stunde und schwangen sich ihrerseits zu Sultanen über Ägypten auf. Kaum an der Macht, überbrachten im Frühjahr 1260 mongolische Boten das Ultimatum ihres Führers Hülagü.

Vor die Wahl gestellt, sich den „Gelben Horden“ zu unterwerfen oder ihnen die Stirn zu bieten, entschied sich der neue Sultan Qutuz für den Widerstand. Und um erst gar keinen Zweifel aufkommen zu lassen, ließ er die Gesandten töten. Die Würfel waren gefallen, allerdings musste Hülagü nach dem Tod Möngkes 1259 an den Hof zurückkehren, sodass die militärischen Operationen von seinem General Kitbuqa geführt wurden.

Entscheidungsschlacht an der Goliathsquelle

Im Spätsommer des Jahres 1260 setzten sich die Heere in Marsch, Kitbuqa nach Süden, Qutuz entlang der levantinischen Küste Richtung Norden. Ihre Heere passierten die letzten Bastionen der Kreuzfahrer in Palästina, deren Anführer sich nicht einigen konnten, wie sie sich in diesem Konflikt verhalten sollten.

Am 3. September 1260 stießen die beiden Reiterheere bei ’Ain Dschālūt aufeinander, unweit von Akkon, bei der Goliathsquelle, wo David einst seinen Widersacher bezwungen haben soll. Und wie in der Bibel siegte auch dieses Mal der vermeintlich Schwächere dank einer Kriegslist, die sich die Mamluken von den Mongolen abgeschaut hatten: den vorgetäuschten Rückzug.

Geschlagen mit den eigenen Waffen

Mit dieser Taktik hatten die Mongolen ihre Gegner immer wieder überrumpelt: Nach einer ersten Attacke zogen sich die Reiter schnell zurück, scheinbar geschlagen und in wilder Flucht. Tatsächlich aber lockten sie den Gegner in einen Hinterhalt und empfingen ihn mit einem tödlichen Pfeilhagel.

Nun drehten die Söhne Allahs den Spieß um. Während ein Teil des Mamlukenheeres gegen die Mongolen vorrückte, hielten sich der Sultan und sein Heerführer Baibars mit einer starken Reservearmee in den Bergen versteckt. Als die islamischen Truppen nach dem ersten heftigen Zusammenstoß das Weite suchten, nahmen die Mongolen im Gefühl des sicheren Sieges die Verfolgung auf.

Der Nimbus der Unbesiegbarkeit ist dahin

Das war der Moment, in dem Qutuz mit seiner Reserve das Mongolenheer in der Flanke attackierte – und es vollständig vernichtete. Zum ersten Mal wurde eine mongolische Armee in offener Feldschlacht bezwungen. Der Nimbus ihrer Unbesiegbarkeit war dahin.

Die Schlacht von ’Ain Dschālūt ist noch aus einem anderen Grund bedeutend: Zum ersten Mal wurden im Kampf Kanonen eingesetzt, sogenannte midfas. Das waren aus Bambusrohr gefertigte, mit Schießpulver betriebene Handkanonen, die dazu verwendet wurden, die mongolischen Pferde zu erschrecken.

Das Ende der Kreuzfahrer

Die Mamluken stoppten bei ’Ain Dschālūt nicht nur den mongolischen Vormarsch nach Westen, sondern vertrieben bald auch die Kreuzfahrer aus ihren letzten Bastionen in der Levante. 1291 fiel Akkon, die letzte Hauptstadt des christlichen Königreichs Jerusalem.

In der Folgezeit dehnte das Mamluken-Sultanat seine Herrschaft auf Syrien aus, gewann die Oberhoheit über die heiligen Stätten des Islam, Mekka und Medina, und blieb bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts der mächtigste Staat im muslimischen Orient. Erst 1516 und 1517 unterlagen die Mamluken den osmanischen Heeren Selims I.