Schneidert an ihrer Nähmaschine „Pnina“ Kampfanzüge für Israels Spezialkräfte: Designerin Yaara Keydar Foto: Keydar/privat

Raketen, Bomben, Trümmer prägen weltweit die Bilder von Israels Krieg. Wenig beachtet hingegen: Wuchtiger Widerstand des Landes gegen die Terroristengruppe Hamas kommt auch aus Küchen und Ateliers.

Laut prasselt das Fett unter den Klopsen, israelische Musikklassiker klingen durch Küche und Gastraum. Im Restaurant Claro, einer Top-Gastro-Adresse in Tel Aviv, verwöhnen Spitzenkoch Ran Shmueli und sein Team normalerweise ihre Gäste. Jetzt braten, kochen, backen sie, unterstützt von zig Freiwilligen, quasi rund um die Uhr: für Krankenschwestern, Soldaten, Sanitäter.

 

Profis und Helfer bearbeiten Braten, Couscous, Ofenkartoffeln, frische Salate, Obst, Kekse und Butterkuchen. Jede fertige Portion – es sind täglich bis zu 2000 allein aus diesem Restaurant – wird mit guten Wünschen beschriftet. Was manche der Freiwilligen, ein neuer Trend, um ihren Instagram-Account oder ihre Telefonnummer ergänzen für eine Verabredung mit einer oder einem Unbekannten in der Zeit danach. Eine Zeit ohne Israels Krieg gegen die palästinensische Terroristengruppe Hamas im Gazastreifen.

Küchendienst am einzigen freien Tag

Wobei es keineswegs nur junge Abenteuerlustige in Küche und Gastraum des Claro zieht. Hand in Hand arbeiten Soldaten, die sich an ihrem freien Tag für freiwilligen Küchendienst entscheiden, mit dem leitenden Angestellten eines Software-Riesen, einem russischen Großvater, mit Studentinnen. Wer seine Schicht beendet, wird mit einem Keks verabschiedet.

Hausherr Shmueli, groß, kräftig, unerschütterlich, blickt nach vorn: „Natürlich mache ich weiter“, sagt er, „das ist alles, was wir haben. Aber müde bin ich, sehr müde.“ Angst habe er wie alle hier, vor Terror, vor dem Krieg und vor Vertreibung. In gebrochenem Deutsch erzählt er von seinen Großeltern, die in den dreißiger Jahren rechtzeitig aus Wien vor dem Nazi-Terror nach Israel flohen.

Sorge um die Tochter in der Kampfeinheit

Unerwähnt lässt Shmueli, dass er und Spender all das finanzieren, was vom Claro an die Front geht. Dafür spricht er umso offener über schlaflose Nächte aus Sorge um seine Tochter, die in einer Kampfeinheit im Aufmarschgebiet am Gazastreifen dient. Aus Sorge auch um seine berufliche Existenz.

Wie der Tel Aviver Gastro-Promi lassen sich viele Israelis von solchen Sorgen nicht lähmen. Bereits am Tag des Überfalls der Hamas vereinten sich landesweit die Restaurant- und Cafébesitzer über digitale Netzwerke und begannen in Eigeninitiative die Verpflegung der Soldaten und der aus der Kampfzone gebrachten Zivilisten im Süden zu organisieren.

Jerusalems Gastro-Szene organisierte eine zivile Kommandozentrale – alle Restaurants und Cafés der Stadt beteiligen sich. Die Zentrale meistert Planung, Beschaffung der Zutaten, Zubereitung, Verpackung, Transport von täglich bis zu 20 000 Essensportionen. Für die Verteilung sorgt die Reservisten-Organisation „Waffenbrüder“, vor wenigen Monaten erst im Protest gegen die von Regierungschef Benjamin Netanjahu geplante Schwächung des Obersten Gerichts gegründet.

Anfangs schlossen alle Jerusalemer Gastrobetriebe, um ihre Küchen und Backstuben für ihre Aktion freizumachen und Spenden zu sammeln. Seit dem 23. Oktober sind die meisten Betriebe wieder auf. Mit kurzen Öffnungszeiten allerdings und mit Schutzraum in der Nähe. Aber ihre Unterstützung für die Einsatzkräfte geht weiter mit Freiwilligen und Spenden – und mit erheblichen Verlusten für das eigene Gewerbe.

Juden und Muslime in der Backstube

Keren und Izik Kadosh, ein berühmtes Paar aus dieser Jerusalemer Szene und Betreiber von Restaurant und Konditorei Kadosh, arbeiten tagein, tagaus in der Kommandozentrale. Izik Kadosh sagt voller Zuversicht: „Wir alle sind Israelis, haben nur dies eine kleine Land, und in dem ist Platz für alle, für Linke und Rechte, für Säkulare und Orthodoxe, für Heteros und Homos, so wie in meiner Backstube!“ In der arbeiten jetzt religiöse Juden Schulter an Schulter mit muslimischen, arabischen Israelis.

In Tel Aviv berichtet Alon Shabo, der Künstler unter Israels Patissiers, mit Tränen in den Augen von seinen Lieferanten, die ihm palettenweise Zutaten spenden. Von Stammkunden, die ihm Tüten voll Butter, Zucker und Mehl vorbeibringen. Bis auf einen Tag, den Tag der Beerdigung einer seiner ermordeten Lieben, stand er seit dem 7. Oktober täglich in der Backstube.

In seiner Patisserie, glitzernd wie ein Juwelierladen, bleiben die Vitrinen trotzdem leer. Was Shabo an Freizeit hat, investiert er in seine Backseminar-Videos. Deren Kern sind einfache Rezepte zum Mitmachen. Für all die Eltern mit ihren gelangweilten Kindern zu Hause – viele Schulen und Kindergärten sind noch immer zu.

Wie Tausende von Israelis in diesen Tagen selbst die Initiative ergreifen anstatt auf Staat und Behörden zu warten – dafür steht auch ein landesweites Netzwerk von rund 400 Designern und Schneidern. Noch am ersten Tag des Krieges kamen über WhatsApp und Social Media Nachfragen von auf die Schnelle eingezogenen Spezialeinheiten des Heeres, weil es an spezieller Ausrüstung fehlte. Spontan organisierten ehemalige Schneiderinnen der Armee, Modedesigner, Studenten eine Spezial-Schneiderwerkstatt.

Die steht in Dauerkontakt mit den Spezialeinheiten im Süden und Norden Israels. „Morgens angefordert, abends geliefert“, lautet ihr Motto. Mittendrin: Yaara Keydar.

Die international geschätzte Kuratorin, Designerin und Dozentin gesellte sich mit ihrer perlenbesetzten Nähmaschine „Pnina“ (Perle) in den ersten Kriegstagen zum Tel Aviver Team des Netzwerks. Zu einem Gemeinschaftsatelier junger Designerinnen, das in diesen Tagen schnell, akkurat und leise ausschließlich im Olivgrün der israelischen Streitkräfte schneidert.

„Nähen ist wie Fahrradfahren“, lacht Keydar, „das verlernt man auch nach Jahren nicht.“ Die Vorbereitung ihrer neuen Ausstellung muss ebenso warten wie die Projekte all der anderen Beteiligten. Niemand habe diesen Krieg kommen sehen, sagt sie. „Wir alle sorgten sofort für das Dringendste, jeder auf seine Art und mit seinen Mitteln, ohne langes Nachfragen, auf direkten Wegen. Darin sind wir Israelis gut!” Nach einer kurzen Atempause fügt sie leise hinzu: „Das jüdische Volk ist an Verfolgung und Vernichtung gewöhnt. Unsere Flexibilität, Kreativität und unser Zusammenhalt gehören zu unserem Überlebensmodus.“

Notorisch zerstrittene Israelis

Was für ein Kontrast zum Alltag, in dem die politisch notorisch zerstrittenen Israelis häufig ruppig miteinander umgehen. In diesem Zusammenhalt spiegelt sich ein großer Wille, dem Terror der Hamas zu trotzen.