Voll belegt: Die Böblinger Kinderklinik hat keine freien Betten – und nimmt, wenn möglich, trotzdem noch Patienten auf. Foto: /Thomas Bischof/Archiv

Die aktuelle Infektwelle bei Kindern ist dramatisch. Der Chefarzt der Kinderklinik Böblingen erklärt, warum eine Triage notwendig ist und an welchen Symptomen Eltern erkennen, dass unbedingt ein Arzt auf ihr Kind schauen sollte.

Bundesweit schlagen Kinderkliniken Alarm: Die Zahl der jungen Patienten und Patientinnen, die wegen Atemwegsinfektionen stationär aufgenommen werden müssen, ist dramatisch hoch. Manche Häuser müssen Kinder abweisen, die Betten reichen nicht aus. Lutz Feldhahn, Chefarzt der Kinderklinik Böblingen, kann auch für sein Haus keine Entwarnung geben.

 

Herr Feldhahn, haben die letzten Tage etwas Entspannung in die Infektwelle unter Kindern gebracht?

Nein, gar nicht. Seit zwei Wochen baut sich eine riesige Welle auf, und sie ist noch nicht gebrochen. Über das Wochenende haben wir jede Nacht 40 Patienten in der Notfallambulanz gehabt.

Gab es das so noch nie?

Doch, das gibt es immer wieder. Eine solche Welle hatten wir zuletzt vor fünf Jahren.

Kam sie dieses Jahr überraschend?

Nein, die kam mit Ansage. Das RS-Virus, an dem etwa ein Drittel unserer Patienten erkrankt ist, tritt immer mal stärker, mal schwächer auf. Da letztes Jahr ein schwächeres Jahr war, war klar, dass dieses Jahr ein starker Winter wird. Ein weiteres Drittel unserer Patienten ist mit dem Influenzavirus infiziert, das letzte Drittel mit anderen Erkrankungen bei uns.

Wenn die Infektwelle nun absehbar war, ist es dann versäumt worden, die Krankenhäuser entsprechend darauf vorzubereiten?

Die Politik verfolgt das Ziel, dass Krankenhäuser kostengünstig sein müssen. Aber wir als Kinderklinik haben zu 90 Prozent Notfallpatienten. Da müssen wir mit solchen Wellen mitschwingen können. Kein einziges Kind darf zu Schaden kommen, weil die Versorgung nicht da ist. Wir müssen Sachen vorhalten, um solche Winter gut zu überstehen. Dazu gehört die personelle Ausstattung. Dass der Beruf der Kinderkrankenpflege abgeschafft wurde, verschärft die Personalknappheit künftig bedeutsam.

Das Wort Corona fällt im Zusammenhang mit der aktuellen Infektwelle kaum. Spielt dieses Virus im Moment bei Kindern keine Rolle?

Wir haben auch Coronafälle, aber deren Zahl ist viel kleiner und meist nicht so akut. Da haben wir eher mit Jugendlichen zu tun, die an Long Covid leiden. Dass Corona für Kinder easy ist, kann man aber nicht sagen.

Wie voll ist Ihr Haus im Moment?

Wir haben 80 Betten und sind voll besetzt, teilweise auch drüber. Wenn wir es personell hinbekommen, versorgen wir auch das 81. oder auch das 90. Kind. Das kommt dann halt ins Fernsehzimmer oder zur Not auch auf den Flur.

Gab es den Fall schon?

Ja. Das ist für alle Beteiligten nicht einfach, auch für die Pflegenden und die Ärzte und Ärztinnen.

Abweisen mussten Sie noch kein Kind?

Nein, zum Glück nicht. Wir kriegen eher Anfragen von Kliniken um uns herum. Neulich wurde ein Kind anderthalb Stunden aus Albstadt zu uns gefahren, das zuvor an drei Kliniken abgewiesen worden war. Aber wir mussten letzte Woche geplante Operationen absagen. Das ist sehr belastend für Familien, die teilweise seit Monaten auf diesen Termin gewartet haben.

Was ist das Heftige an dieser Infektwelle: Ist es die schiere Menge an Patienten oder auch die Schwere der Fälle?

Sowohl als auch. Auffallend ist, dass wegen des RS-Virus diesmal nicht nur die Kleinsten auf der Station landen, für die das Virus besonders kritisch ist, sondern wir sehen auch viele ältere Kinder mit zwei, drei Jahren. Man merkt, die Kinder haben in den letzten Jahren kaum Erstkontakt mit Viren gehabt. Und beim ersten Mal wird man eben in der Regel am schwersten krank.

Wann weiß ich als Mutter oder Vater, ob ich mein Kind zu Hause pflegen kann oder ob ich mit ihm zum Arzt muss?

Die Arztpraxen werden momentan zwar auch überrannt, trotzdem sollte man großzügig zum Arzt gehen. Tagsüber ist immer der erste Gang zum Kinderarzt, abends ist der Kinderärztliche Notdienst zuständig, nachts sind es dann wir in der Notfallambulanz. Aufmerken sollten Eltern, wenn ihr Kind blass ist, vielleicht sogar bewusstseinsgetrübt, schlecht atmet, es dabei rasselt und knistert, viel Sekret hat und der Husten gar nicht richtig raus kommt. Wenn die Sauerstoffsättigung zu niedrig ist, muss ein Kind stationär aufgenommen werden. Letztlich ist es so: Wenn eine Mutter Sorge hat, es stimmt was nicht, muss ich mir das anschauen. Die mütterliche Intuition ist wichtig.

Wie werden Sie der Patientenflut Herr?

Hier vor Ort machen wir eine Triage: Die schwersten Fälle behandeln wir zuerst, auch das Alter der Kinder spielt eine Rolle. Das fünf Monate alte Kind mit hohem Fieber muss ich mir natürlich schneller ansehen als das fünfjährige. Das ist für die, die warten müssen, manchmal schwer nachzuvollziehen. Aber nur so können wir unsere Ressourcen bestmöglich nutzen.

Wie kann man vermeiden, dass Eltern, deren Kind erkrankt, in Panik verfallen?

Beruhigend ist, dass wir das RS-Virus gut kennen. Es ist kein Erreger, den man nicht einschätzen kann, so wie das anfangs bei Corona war.

Raten Sie dazu, Kinder gegen die Grippe zu impfen?

Die Empfehlung der Ständigen Impfkommission ist es, Kinder mit chronischen Erkrankungen gegen die Influenza zu impfen. Aber auch jedes andere Kind kann geimpft werden, das steht jedem frei. Ich würde sagen: Die Erwachsenen sollten damit loslegen. Jeder, der sich impfen lässt, trägt dazu bei, die Welle früher zu brechen.

Zur Person

Vita
Lutz Michael Feldhahn (55) stammt ursprünglich aus Geislingen bei Balingen. Nach seinem Medizinstudium in Erlangen-Nürnberg und Tübingen führten ihn seine beruflichen Stationen abwechselnd von Böblingen ans Stuttgarter Olgahospital und zurück. Feldhahn war erstmalig 1997 für die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Böblingen tätig und ist unter anderem für die Schwerpunkte Kinderkardiologie, Kinderintensivmedizin sowie Kinderendokrinologie und -diabetologie zuständig. Der dreifache Familienvater begleitete seit 2005 durchgängig Führungspositionen als Oberarzt und später Leitender Oberarzt und wurde 2017 gemeinsam mit Dr. Gerald Nachtrodt zum Chefarzt bestellt.

Klinik
 Die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Böblingen, zu deren offiziellem Namen die Bezeichnung Perinatalzentrum Level I gehört, ist Teil des Klinikverbunds Südwest. Eigenen Angaben zufolge werden dort pro Jahr rund 4500 Kinder und Jugendliche stationär und mehr als 15 000 ambulant behandelt. Es gibt vier Stationen mit 80 Betten. Das Spektrum der Behandlung reicht vom Extremfrühgeborenen bis zum 18-jährigen Patienten.