Regelmäßige Ausfallzeiten, keine Ganztagesbetreuung – die Situation in einigen Kitas und Kindergärten in Holzgerlingen ist nach Meinung einiger Eltern inzwischen unhaltbar. Tut die Stadtverwaltung genug, um die Engpässe abzumildern?
Längst ist es ein Dauerbrenner: Die Betreuungssituation in Kitas und Kindergärten ist vielerorts angespannt – so auch in Holzgerlingen. Erst vor drei Wochen schlugen Eltern im Kindergarten Wengertsteige Alarm wegen häufigen Ausfallzeiten in der Betreuung. Regelmäßig müssten Kinder von ihren berufstätigen Eltern zuhause betreut werden.
In den Augen vieler Eltern ist der Zustand prekär. Dass Bürgermeister Ioannis Delakos das Betreuungsangebot in den meisten kommunal geführten Einrichtungen als „annehmbar“ bezeichnete, stieß einigen Müttern und Vätern so auf, dass sie nachlegen mit ihrer Kritik. Eine dieser Mütter ist Lena Kallfass. Ihre beiden Töchter gehen ins Astrid-Lindgren-Kinderhaus, einem kommunalen Kindergarten. Die jüngere Tochter besuchte bis vor kurzem die Kita Dörnach.
Auch die Kinder leiden unter Ausfalltagen
„Die Situation in beiden Einrichtungen war nicht annehmbar. Regelmäßiges Zuhausebetreuen, der Wegfall der Ganztagesbetreuung, gekürzte Betreuungszeiten, Personalfluktuation und geänderte Tagesabläufe. Das sind unhaltbare Zustände“, sagt Kallfass auch im Hinblick auf die Kinder. Diese seien die Leidtragenden, wenn ihre soziale Routine ständig zusammenbricht.
Ihr Mann und sie könnten den Wegfall von Betreuungstagen gelegentlich auffangen – zum Beispiel, in dem die bei einem Autokonzern angestellte Mutter von zuhause arbeite oder die Schwiegereltern um Unterstützung bitte. In solchen Fällen oder wenn ein Elternteil Elternzeit habe, sei das Betreuungsloch kurzfristig zu stopfen, nicht aber, wenn dies länger anhält. „Niemand kann es sich leisten, öfters vom Arbeitsplatz fernzubleiben. Für in Vollzeitkräfte ist das ein Wahnsinn“, so die Zweifachmutter.
Immer mehr Eltern kommen an ihre Grenzen
Fehlende Routine für Eltern und Kinder beklagt eine weitere Mutter aus Holzgerlingen. Christine Falk hat eine dreijährige Tochter, untergebracht im Kindergarten Wengertsteige, und einen fünf Jahre alten Sohn im Kindergarten Lilienstraße. „Das größte Problem ist, dass die Kinder seit März in einem Modell betreut werden, in dem sie im Schnitt nur jeden zweiten Tag kommen dürfen. Das bedeutet für uns, dass wir oft nur alle zwei Tage arbeiten können.“ Die Konsequenzen seien in den Familien stark spürbar, wie Falk erläutert: „Es entstehen Spannungen, die psychische Belastung und die Erschöpfung der Eltern nehmen zu.“ Die Beaufsichtigung könne nur gewährleistet werden, wenn Eltern Urlaub oder Gleitzeit nähmen oder bei unbezahltem Urlaub auf ihr Gehalt verzichten würden. „Einige mussten ihre Arbeitszeit reduzieren oder gar kündigen“, erzählt Falk.
Nach Meinung vieler betroffenen Eltern müsse seitens der Stadt mehr Engagement gezeigt werden, um die Situation zu verbessern. „Wir erwarten endlich ein Konzept, welches eine verlässliche Betreuung für alle anbietet und sich nicht nur auf den Fachkräftemangel beruft und dass auf die Lösungsvorschläge eines Eltern-Notbetreuungskonzepts eingegangen wird“, sagt Christine Falk. Lena Kallfass ergänzt: „Die Personalgewinnung muss intensiviert werden, neue Wege gegangen werden. Dazu gehören Stellenanzeigen in Sozialen Medien oder das Werben an Veranstaltungen wie der ‚Langen Nacht der Kitas’ , die Sindelfingen organisiert.“
Nicht überall sei das Personaltableau schlecht
Den Eindruck, dass der (Personal-) Schuh in allen kommunalen Einrichtungen drückt, teilt die Stadt nicht: „Bürgermeister Delakos hat verdeutlicht, dass die Lage in den meisten der 15 von der Stadt betriebenen Einrichtungen trotz einer sehr angespannten Personalsituation aktuell vertretbar ist“, so Pressereferent Dirk Hamann. Dass der Fachkräftemangel hauptursächlich für den Betreuungsnotstand ist, dem widerspricht das Rathaus nicht. „In allen Einrichtungen sind wir auf Kante genäht. In Holzgerlingen kann dennoch jedem Kind ein Betreuungsplatz angeboten werden“, betont der Bürgermeister.
Unbestreitbar sei, dass aktuell fünf 100-Prozent-Stellen im Erzieherbereich fehlen würden. Besonders bemerkbar mache sich das dort, wo Ganztagsbetreuung stattfinden soll. Speziell der Kindergarten Wengertsteige leide unter dem Erziehermangel. Die Fluktuation, von der auch Eltern wie Lena Kallfass sprechen, werden durch die Zahlen der Stadtverwaltung durchaus bestätigt: 2023 wurden 16 Mitarbeitende eingestellt. Im gleichen Zeitraum, so die Stadt, mussten 14 Austritte verkraftet werden. 2024 gab es 18 Eintritte bei 14 Austritten“, schreibt das Rathaus.
In verschiedenen Bereichen aktiv
Dass nur unzureichend nach frischem Kita-Personal gesucht werde, sei nach Ansicht der Stadtverwaltung falsch. „Natürlich werden alle Medien oder Veranstaltungsformate, die Aussicht auf Erfolg bieten, genutzt“, schreibt Dirk Hamann. So zum Beispiel am 19. Oktober auf einer Schülermesse. „Auch haben wir ein Speed-Dating im Jobcenter genutzt um anzuwerben. 2023 und 2024 hat die Stadt mehr als 30 000 Euro für Stellenanzeigen in diesem Bereich investiert“, so der Pressereferent weiter.
Die Bemühungen werden weitergehen. Ein erster Schritt wird die Bedarfsplanung sein, die die Stadtverwaltung in der kommenden Gemeinderatssitzung am 22. Oktober vorstellen möchte. In diesem Rahmen soll es auch zu einem neuen Dialog zwischen Eltern und Rathaus kommen. Lena Kallfass hat jedenfalls beschlossen, zur Sitzung zu gehen, um den Druck zu erhöhen.