Angela Merkel hat länger regiert als Konrad Adenauer. Foto: Sebastian Ruckaberl/red

Vor 32 Jahren begann Angela Merkels Weg in die Politik. Jetzt verlässt sie das Kanzleramt. Hinter ihr liegt eine politische Karriere, die sich gegen jede Wahrscheinlichkeit entwickelt hat. Wie ist ihr das gelungen? Ein Essay.

Berlin - Der Ort, an dem das politische Leben von Angela Merkel begonnen hat, ist ein Laden an einer Straßenecke im Prenzlauer Berg. Heute hat hier ein Steuerberater seine Kanzlei, im Fenster hängen Spartipps.

 

Wahrscheinlich hat es an jenem Dezembertag 1989 draußen vor der Tür nach Ofenheizung gerochen, schräg gegenüber in der Kaufhalle gab es womöglich irgendwas Besonderes zwischen den „Waren des täglichen Bedarfs“. Und vielleicht hat Merkel sich mit der Klinke in der Hand noch kurz überlegt, was sie sagen soll, wenn sie jetzt gleich ins Büro des frisch gegründeten Demokratischen Aufbruchs hineinspaziert.

Kanzlerin war nicht der Plan

Zeitzeugen erinnern sich an eine Frage so ähnlich wie: Kann ich hier irgendwo mithelfen? Die junge Frau, eine Wissenschaftlerin, sei recht still gewesen, habe zugehört, wenig von sich erzählt – und davon, was sie vorhat. Oder ob sie überhaupt was vorhat. Kanzlerin werden war sicher nicht der Plan.

32 Jahre später steht Angela Merkel wieder vor einer Tür, durch die sie gleich gehen wird. Hinter sich lässt sie das Kanzleramt, eine lange Phase der Macht und eine politische Karriere, die sich gegen jede Wahrscheinlichkeit entwickelt hat. Wie ist ihr dieser Weg gelungen?

Nach Ofenheizung riecht nichts mehr

Kleiner Spaziergang zu jener Straßenecke. Die Nachbarschaft spricht Französisch, Englisch, Dänisch. Die Kaufhalle ist abgerissen, Wohnungen werden gebaut, die Quadratmeterpreise werden auch Besserverdienern die Tränen in die Augen treiben. Vor einer Pizzeria schichten Fahrradkuriere ihre Bestellungen in ihre eckigen Rucksäcke. Es gibt einen Laden für Vintagebrillen und einen Mutter-Kind-Conceptstore, der Bioladen hat sonntags auf.

Ofenheizung? Auch kein noch so gutes Geruchsgedächtnis würde diese Ecke mehr erkennen. Der Ort ist ein ganz anderer geworden. Ein Umbruch, den man im Westen nicht kennt. Denn die äußere Gestalt bildet die totale Transformation ab, der sich keiner hier entziehen konnte. Man erlebte sie, man erlitt sie, machte sie mit oder gestaltete sie, je nachdem. Und vielleicht wusste man manchmal gar nicht, in welchem dieser drei Aktivitätszustände man sich befand. So war es auch mit der Geschwindigkeit. Mal Raffer, mal Mehltau.

Geht das nicht alles ein bisschen schnell?

Oder wie die Physikerin Merkel vielleicht sagen würden: Zeit ist relativ. Im Dezember 1989 betrat sie nach Feierabend dieses Büro. Ein Vierteljahr später war sie stellvertretende Regierungssprecherin der DDR, ein gutes Jahr später direkt gewählte Bundestagsabgeordnete und als Familienministerin die erste ostdeutsche Frau in der Bundesregierung.

„Geht das nicht alles ein bisschen schnell für Sie?“, fragte Günter Gaus Merkel in seiner Show im Jahr 1991. Da war sie kurz davor, Vizevorsitzende der CDU zu werden – einer Partei, der sie nicht einmal aktiv beigetreten war, sondern in die sie mit der Vereinigung praktisch eingeschmolzen wurde. Es sei eben eine sehr intensive, aufgewühlte Zeit gewesen, antwortete sie jetzt in Thomas Körners ARD-Dokumentation „Die Unerwartete“.

Gegen jede Wahrscheinlichkeit an die Macht

Das glaubt man gleich. Im Rückblick ist es faszinierend, wie komplett jede bundesrepublikanische Regelhaftigkeit des politischen Machterwerbs außer Kraft gesetzt wurde: Merkel war schon aus biografischen Gründen nicht parteienbegeistert. Sie hatte sich im Wendeherbst ein paar angeschaut, landete ein bisschen aus Zufall beim Demokratischen Aufbruch, der mit der CDU wenig zu tun hatte.

Nie musste sie die Ochsentour im Ortsverband absolvieren, ihr halfen keine Verbindungen zu Honoratioren. Sie rutschte in einer einmaligen historischen Situation ins System – und war einfach in allem das Gegenteil des westdeutschen, katholischen Juristen und Familienvaters, der im Prinzip ein Abo auf Parteikarriere hatte und sich dafür zur Sicherheit noch einen Andenpakt bastelte, um sich dann am Ende gegen die Gleichen seiner Art durchzusetzen, mit Engagement, Netzwerken, Gefälligkeiten und im Zweifel Intrigen.

Veränderung als etwas Gutes

Nicht einmal eine Absicht konnte man in den ersten Jahren in allem erkennen, jedenfalls nicht ihre eigene – wenn, dann die ihres Förderers Helmut Kohl. Wie hineingeworfen wirkte die junge Frau mit den unmöglichen Klamotten. Eine Fremde, das ließ man sie oft spüren. Und dann auch noch eine Frau.

Später antwortete sie einmal, durch den Umbruch, den Menschen im Osten erlebt hätten, habe man auch gelernt, Veränderung als etwas Gutes zu empfinden. Vielleicht war es diese Mischung, die ihr später half: die biografische Erfahrung, dass das Unterste zuoberst gekehrt wird, und man selbst seinen Weg durch dieses Durcheinander finden kann. Und dazu die gewisse innere Distanz zur Partei, die ihr zwar immer wieder vorgeworfen wurde, aber einen klaren Blick ermöglichte. Es spricht viel dafür, dass sie sich in jenen ersten Jahren einfach in die Partei so hineingefuchst hat, wie man die Grammatik einer Fremdsprache lernt: als Gedankengebäude mit Regeln, die man zu benutzen übt. Nicht als Gefühl, als „Parteifamilie“.

Eiseskälte? Ja, die braucht man wohl

Solche Klarheit ermöglicht auch harte Schritte. Besonders jene, die sie immer wieder unterschätzt haben, wurden davon überrascht. Vor allem Männer warfen ihr deshalb immer wieder vor, mit Eiseskälte Macht auszuüben. Dass sie das tat, ist unbestritten. Dass daraus ein Vorwurf wurde statt einer Art sportlicher Anerkennung im politischen Geschäft, hat andere Gründe: An Frauen mit solchen Attributen ist man nicht nur in der CDU, bis heute, nicht gewöhnt.

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Das gilt auch, nachdem eine Frau 16 Jahre das wichtigste Amt der Republik innehatte. Als Merkel ins Amt kam, verwandelte sie sich zunächst weitgehend in ein Neutrum – eine Staatsperson. Das war Teil ihres entemotionalisierten, ultrasachlichen Politikstils. In allen Krisen, die sie zu bewältigen hatte, bediente sie sich jener scheinobjektiven Rhetorik, die nahelegen sollte, dass hier jemand nach nahezu wissenschaftlich genauem Wägen aller Argumente den einzigen – alternativlosen – Weg gefunden habe. Wann aber war der Zeitpunkt, an dem aus der Naturwissenschaftlerin Merkel, die mit der Wende Geschmack an Politik gefunden hatte, ein Machtmensch wurde, der nach oben will? Und der sich dann 16 Jahre im wichtigsten Amte hielt?

Wann wurde aus Merkel ein Machtmensch?

Sicher spielte sich dieser Teil der Transformation nicht allzu lange ab, nachdem sie in jenes Eckbüro spaziert war. Zehn Jahre später schrieb Merkel jenen Beitrag in der „FAZ“, in dem sie ihre Partei aufforderte, ohne Helmut Kohl das Laufen zu lernen. Auch etliche, die darüber besonders dicke Krokodilstränen weinten, profitierten von der späteren Rückkehr der Partei an die Macht.

Nun, 16 Jahre, nachdem Angela Merkel ins Kanzleramt eingezogen ist, hat die CDU diese Macht verloren. Die Kanzlerin allerdings muss dieses Gefühl nur als einfaches Parteimitglied teilen: Sie hat, als erste Person in der Geschichte dieses Amtes, die Macht ganz von selbst zurückgegeben.