Man sollte sie nicht unterschätzen: Angela Merkel hat sich mit Machtbewusstsein und eisernem Willen an die Spitze gekämpft. Jetzt wird die Kanzlerin 60. Ein Blick zurück. Foto: dpa

Bunte Blazer, Schland-Kette, wachsweiche Rhetorik - Angela Merkel ist uns vertraut geworden, in den vergangenen neun Jahren. Mancher tendierte dazu, sie zu unterschätzen. Doch "die Mutti" kann knallhart sein. Jetzt wird Angela Merkel 60 Jahre alt. Eine Annäherung.

Bunte Blazer, Schland-Kette, wachsweiche Rhetorik - Angela Merkel ist uns vertraut geworden, in den vergangenen neun Jahren. Mancher tendierte dazu, sie zu unterschätzen. Doch "die Mutti" kann knallhart sein. Jetzt wird Angela Merkel 60 Jahre alt. Eine Annäherung.

Berlin - Macht sie als Frau eine andere Politik als Männer? Wer das von Angela Merkel wissen will? Ein junger chinesischer Student. Die Gelegenheit ist einmalig. Er kann der mächtigsten Frau der Welt in seiner Pekinger Uni eine persönliche Frage stellen. Die Physikerin diskutiert gern mit Studenten. Oft gibt sie da etwas von sich preis.

Was die Kanzlerin aber auch an diesem Juli-Tag nicht macht: Frauenpolitik. Sie bricht keine Lanze für Frauen und stellt auch keine typisch weiblichen Stärken wie Geduld und Ausdauer heraus. Sie sagt: „Das ist nicht ganz einfach für mich zu sagen, weil ich ja kein Mann bin.“ Typisch Merkel. Sie antwortet, ohne zu antworten.

Konkurrenz knallhart kaltgestellt

Trotzdem ist klar: Gerade sie macht Politik nicht anders als Männer. Sie kann genauso eisern, kühl und emotionslos sein, wie Männer erlebt werden. Sie hat die Wahlen gegen Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) und die SPD-Kandidaten Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück gewonnen. Sie hat Konkurrenten aus der Union wie Friedrich Merz kalt gestellt und als Generalsekretärin ihren Zieh- und CDU-Übervater Helmut Kohl in der Parteispendenaffäre vom Thron gestoßen.

An diesem Donnerstag wird Merkel 60 Jahre alt. 1000 Gäste sind in die CDU-Zentrale in Berlin eingeladen. Reinfeiern muss sie unter Umständen noch in Brüssel mit den EU-Staats- und Regierungschefs, die sie am Mittwoch beim Sondergipfel trifft. Dann soll über die noch offenen EU-Personalien entschieden werden. Das kann dauern.

In der EU hält sie die Fäden in der Hand

Aber in Europa fühlt sich Merkel wohl. Seit der Finanzkrise hat sie sich immer mehr als Außenpolitikerin profiliert. In der Europäischen Union läuft gegen sie fast nichts mehr. Die Präsidenten der USA, Chinas oder Russlands rufen bei Merkel an, wenn sie mit Europa sprechen wollen. Die große Außenpolitik mit all ihren Krisen macht ihr mitunter mehr Spaß als das Ringen um Maut und Mindestlohn.

Ihre Karriere ist märchenhaft, wie es US-Präsident Barack Obama 2011 schilderte, als er ihr die höchste zivile Auszeichnung der USA überreichte, die Freiheitsmedaille. Eine Naturwissenschaftlerin aus der DDR, zunächst schüchtern und unscheinbar, wird die wichtigste und einflussreichste Politikerin - in Deutschland, Europa und der Welt.

Das US-Magazin Forbes hat sie in diesem Jahr zum vierten Mal zur mächtigsten Frau der Welt gekürt. In Deutschland führt sie immer wieder die Beliebtheitsskala der Politiker an.

Was schätzen Bürger an ihr? Vielleicht vor allem, dass sie sich hochgearbeitet hat, normal geblieben und frei von Skandalen ist. Dass sie in der Stunde des Sieges bei der Bundestagswahl am 22. September 2013 keine Siegespose einnimmt, sondern nur lächelt und ein bisschen winkt - und ihrem damaligen glückseligen Generalsekretär Hermann Gröhe ein Deutschlandfähnchen aus der Hand reißt.

Eiserne Kondition

Merkel verfügt über eine Angst einflößende Kondition. EU-Gipfel übersteht sie auch so gut wie ohne Schlaf und stemmt nach ihrer Rückkehr in Berlin noch ein Treffen mit Ministerpräsidenten. Oder sie fährt nach einem Wochenendtrip nach Chile direkt zum CDU-Präsidium. Drei Tage nach einer Knie-Operation eröffnet sie die Hannover-Messe. Trotz Grippe hält sie eine Neujahrsansprache.

Aus Fehlern zieht sie sofort Lehren. Als sie nach einer langen Brüsseler Gipfelnacht ins Hotel fährt und keine Pressekonferenz mehr gibt, nutzen ihre Amtskollegen aus Spanien und Italien die Lage aus und reklamieren die Deutungshoheit gegen Merkels Sparkurs. Danach schwört sie sich: Ob Sonnenaufgang oder -untergang - nie wieder wird sie Unterhändlern den Rücken zudrehen.

Seit neun Jahren regiert sie jetzt das Land, seit 14 Jahren die CDU. Deutschland ist im Vergleich zu anderen europäischen Ländern gut, sogar sehr gut durch die internationale Finanzkrise gekommen: Die Arbeitslosigkeit ist vergleichsweise niedrig, die Konjunktur läuft. Es gibt Unmut über zu niedrige Zinsen, die kalte Progression und die Kosten der Energiewende. Und es ist kaum zu glauben, dass es in einem so reichen Land wie Deutschland Kinder gibt, die in Armut leben. Aber das Land ist stabil und behauptet sich in der Welt.

Wird Merkel die ewige Kanzlerin?

Was kommt jetzt? Die einen in der Union sagen, sie wolle Kohls Rekord von 16 Kanzlerjahren brechen. Medien berichten, sie wolle auf dem Zenit ihrer Macht noch in dieser Legislaturperiode das Amt abgeben, etwa um 2018 UN-Generalsekretärin zu werden. Dem ZDF sagte Merkel dazu: „Das wird mit Sicherheit nicht passieren.“ 1998 beteuerte sie im Gespräch mit der Fotografin Herlinde Koelbl („Spuren der Macht“): „Ich möchte irgendwann den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Politik finden. Dann will ich kein halbtotes Wrack sein.“

Merkel regiert jetzt ihre dritte Koalition. Schwarz-Rot, Schwarz-Gelb und wieder Schwarz-Rot. Sie hätte auch Schwarz-Grün gemacht. Aber die Sondierungsgespräche 2013 scheiterten.

So manches eigene Ziel hat sie nicht erreicht (Verlängerung der Atomlaufzeiten), dagegen musste sie Ziele der anderen durchsetzen (zuletzt die Rente ab 63 und derzeit die Maut). Aber sie ist Chefin.

Widerwilliger Respekt

Grünen-Chef Cem Özdemir sagt, es habe ihm lange die Grundüberzeugung bei Merkel gefehlt. „Dass sie, wenn man sie nachts anruft und fragt, warum sie Kanzlerin sein will, etwas anderes antwortet, als dass sie Kanzlerin sein will.“ Sie habe eine „naturgegebene Flexibilität“, negativ ausgedrückt „Beliebigkeit“. Was aber klar für sie spreche: „Sie ist natürlich und normal im Umgang, frei von Überheblichkeit.“

Der SPD-Abgeordnete Achim Post beschreibt Merkel als „hochintelligent, sachorientiert, zielgerichtet und professionell“. Das könnte auch vom Regierungssprecher stammen. Hat sie auch Fehler? Post: „Klar: 41,5 Prozent bei der letzten Bundestagswahl.“

Merkel wurde in Hamburg geboren, wuchs in Brandenburg auf, wo ihr Vater Pfarrer war. Sie studierte in Leipzig Physik und ging erst nach dem Mauerfall in die Politik. Sie ist mit dem Chemieprofessor Joachim Sauer verheiratet. Es gibt keine Homestorys. Man weiß nicht viel über Mutter, Schwester, Bruder. Ihre Beckenverletzung bei einem Ski-Unfall hat sie anscheinend gut überstanden und rund zehn Kilo abgenommen.

Nach großer Sause mutet ihre Geburtstagsfeier am 17. Juli im Konrad-Adenauer-Haus nicht an. Als Festredner hat sich Merkel für den Historiker und Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Konstanz, Jürgen Osterhammel (62), entschieden. Sein Thema: „Vergangenheiten: Über die Zeithorizonte der Geschichte“.

Zu ihrem 50. Geburtstag hatte ihr der damalige CSU-Chef Edmund Stoiber gewünscht, dass „all das, was Sie sich vornehmen in Erfüllung geht“. Das war 2004. Da war Merkel noch in der Opposition. Was sie sich damals alles vorgenommen hat, ist nicht überliefert. Ein Jahr darauf wird sie Kanzlerin. Neun Jahre später ist sie es immer noch. Merkels Märchen. Nun wünscht sie sich zum Geburtstag, dass sie gesund bleibt und „das tun kann, was mir Spaß macht“. Nächstes Kapitel.

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