Angela Merkel hat sich nie besonders für Frauen engagiert. Eine verpasst Chance, sagen manche. Aber auch auf ihre Art hat die Kanzlerin etwas für ihre Geschlechtsgenossinnen erreicht – und es ist nicht wenig.
Stuttgart - Es war Angela Merkel sofort anzusehen, dass ihr die Frage Unbehagen bereitet: „Sehen Sie sich selbst als Feministin?“, wollte die Moderatorin wissen. Die Kanzlerin saß 2017 auf einem ausschließlich mit Frauen besetzte Podium, neben ihr die damalige Direktorin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde. Die Französin reckte angesichts der Frage triumphierend die Faust in die Höhe, wollte die zögernde Nebensitzerin sichtlich ermutigen. Doch Merkel wiegte abwägend den Kopf. Dieser Titel gebühre Frauen, die für die Gleichberechtigung wirklich etwas erkämpft hätten. Sie wolle sich nicht mit fremden Federn schmücken, kam schließlich die verlegen wirkende Antwort.
Es mag befremdlich wirken, dass die erste Bundeskanzlerin des Landes auf eine solche Frage nicht einmal vorbereitet war. Eine Frau, die zu Beginn ihrer Karriere den Sexismus im politischen Betrieb sehr deutlich zu spüren bekommen hat: Von der despektierlichen Bezeichnung als „Kohls Mädchen“ bis hin zur nur halb satirisch gestellten Frage: „Darf das Kanzler werden?“ – mit einem unvorteilhaften Bild der Kandidatin daneben. Und sie erlebte einen unterlegenen Gerhard Schröder, der sie am Wahlabend vor laufender Kamera demütigte – als rede er mit einem Schulmädchen und nicht mit der offensichtlichen Wahlsiegerin.
Alice Schwarzer nimmt es der Kanzlerin nicht übel
Zur Feministin machten diese Vorfälle Merkel nicht. Und das sollte nicht überraschen: Die Kanzlerin tut sich mit jeglicher Etikettierung schwer. Ebenso könnte man die Frage stellen: Welches besondere Engagement hat die erste ostdeutsche Kanzlerin für die Ostdeutschen gezeigt? Feministinnen dürfen es also nicht persönlich nehmen – und viele, etwa Alice Schwarzer, tun es interessanter Weise auch nicht. Diese Kanzlerin war und ist im Pragmatismus zuhause, im Gangbaren, im Kompromiss. Sie lebt davon, Gegensätze zu nivellieren.
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Freilich ist dadurch vieles ausgeblieben, was man sich von der ersten deutschen Kanzlerin hätte wünschen können. Wer, wenn nicht Merkel, besaß die Macht und Popularität, um die Diskriminierung von Frauen zum Thema zu machen? Wer, wenn nicht sie hätte sich wirksam einsetzen können für alleinerziehende Mütter und Opfer männlicher Gewalt im eigenen Land, für unterdrückte Frauen und Mädchen weltweit? Merkel, so viel ist sicher, wäre gehört worden. Sie hätte das Zeug gehabt, für Frauen weltweit zum mutigen Vorbild zu werden. Doch die Kanzlerin blieb immer Einzelkämpferin und entfaltete so wenig Strahlkraft für ihre Geschlechtsgenossinnen. „Wenn ich’s geschafft habe, könnt ihr’s eventuell auch“, so der matte Zuruf.
Macho-Typen haben in Merkels Umfeld wenig Chancen
Die Geschichte zeigt gleichwohl, dass nach vielen gesellschaftspolitischen Durchbrüchen das Pendel gerne ins Gegenteil ausschlägt. Auf den Afroamerikaner Barack Obama folgte Donald Trump. Auf viele weibliche Regierungschefinnen folgen lange wieder Männer. Und je mehr die Pionierin oder der Pionier als Heilsbringer für eine geläuterte Gesellschaft hochstilisiert wurde, umso heftiger regen sich die Kräfte der Restauration. Angela Merkel hat ihre Kanzlerschaft mit keinerlei emanzipatorischer Symbolik belegt. Vermutlich hat sie gut daran getan.
Dennoch hat sie etwas für ihre Geschlechtsgenossinnen erreicht. Merkel hat in 16 Jahren stillschweigend die Kultur des politischen Betriebs und daraus folgend unsere Gesellschaft verändert. Macho-Typen haben in diesem System wenig Platz, unaufgeregte, sachliche Pragmatiker stehen hoch im Kurs. Es ist eine Führungskultur, die Frauen nicht automatisch befördert – aber ihr Vorankommen deutlich erleichtert. Die Kanzlerin hat die Tür zur Macht nicht eingetreten – angelehnt, für Frauen, die mutig genug sind, hat sie sie allemal.