Drei Minuten bei minus 110 Grad – die Kryotherapie liegt nicht nur bei Profisportlern im Trend. Inzwischen lässt sich die angesagte Heilmethode auch in einem Esslinger Kosmetiksalon ausprobieren. Was passiert bei der Behandlung?
Wer den Gang in die neue Kältekammer des Esslinger Salons Fish Spa & Kosmetik wagen will, muss zunächst die Kleidung bis auf die Unterwäsche ablegen. Reinhard Eheim stellt währenddessen Wollpantoffeln und Handschuhe bereit. „Damit die Füße und Hände nicht auskühlen – die sind am anfälligsten“, sagt Eheim, der den Salon zusammen mit seiner Frau Petra betreibt. Anschließend justiert er auf einem Display die Dauer und die Temperatur. Der Standard für Neulinge: drei Minuten bei minus 100 oder minus 110 Grad.
Um vorzukühlen, benötigt die Maschine etwas Zeit. Dann geht es endlich in die Kabine und auf ein kleines Podest. Das hebt sich so weit an, dass der Kopf gerade noch aus der Kältekammer herausschaut. Schließlich strömt gasförmiger Stickstoff aus – und es wird kalt. Schnell bildet sich eine stark ausgeprägte Gänsehaut am ganzen Körper. „Durch die Kälte zieht sich alles zusammen“, sagt Eheim. Er weist mehrmals darauf hin, die Arme und Beine etwas zu bewegen und aneinander zu reiben. Das macht den Aufenthalt in der Kammer erträglicher.
Von Migräne bis zu Hauptproblemen
„Etwa ab der Hälfte der Zeit spürt man die Extremsituation so richtig“, erzählt Eheim, der aus Erfahrung spricht. Noch ein paar Augenblicke bibbern, dann ist es vorbei. Nun heißt es, sich 20 Minuten auf dem dunkelblau gepolsterten Sofa des Salons in der Esslinger Altstadt auszuruhen. Das soll dem Kreislauf etwas Zeit geben, sich an den abrupten Temperaturunterschied zu gewöhnen. Erst danach endet der Schnuppertermin der Kryotherapie – so lautet der Fachbegriff.
Und wofür das alles? Auf dem Flyer des „Fish Spa & Kosmetik“ steht eine lange Liste an körperlichen Beschwerden, gegen die die Behandlung mit der Kälte helfen soll. Migräne und Schlafstörungen finden sich dort ebenso wie Rückenschmerzen und Rheuma. Außerdem soll der regelmäßige Gang in die Kammer Stress abbauen und die Haut straffen. „Die Therapie stärkt das Immunsystem“, sagt Eheim. Der Körper werde gezielt in eine Extremsituation gebracht, erklärt er. Das provoziere eine Abwehrreaktion. Und die wiederum habe langfristig einen positiven Effekt.
Dünne Studienlage
Auch wenn die Begriffe Extremsituation und Abwehrreaktion bedrohlich klingen mögen, scheint die Kryotherapie für die meisten Menschen unbedenklich zu sein. Lediglich von gelegentlichen Rötungen oder kleinen Bläschen auf der Haut wird als Nebenwirkungen berichtet. Personen mit bestimmten Herzerkrankungen wird jedoch von der Behandlung abgeraten. Deswegen ist beim ersten Besuch im „Fish Spa & Kosmetik“ ein medizinischer Fragebogen auszufüllen. Im Zweifelsfall überprüft der Hausarzt, ob jemand für die Kältekammer in Frage kommt. „Auch während der Behandlung ist es möglich, die Zeit zu verringern oder die Maschine sofort ganz abzuschalten“, sagt Eheim.
Auf der anderen Seite handelt es sich bei den angeblichen positiven Wirkungen bislang hauptsächlich um Behauptungen oder individuelle Erfahrungsberichte. Medizinisch aussagekräftige Studien gibt es in diesem Bereich kaum. Eheim sagt: „Wissenschaftlich ist die Methode noch nicht so anerkannt.“ Neben Profisportlern würden jedoch auch Ärzte und Physiotherapeuten darauf bauen und den Aufenthalt in der Kammer ihren Patienten empfehlen.
Das Modell im „Fish Spa & Kosmetik“ kostet mehr als 30 000 Euro. Die Maschine steht seit Januar neben den Aquarien voller Pediküre-Fische, denen der Salon seinen Namen verdankt. Eheim zufolge wird die Kryotherapie gut angenommen. Einige Kunden kämen regelmäßig. Und er selbst? „Ich steige einmal pro Woche in die Kammer.“