Bevor die Tür endgültig zufällt: Ein neues Projekt hilft Mietern in Not, das Schlimmste abzuwenden. Foto: www.mauritius-images.com

Schulden, Krankheit, Eigenbedarf: Kündigungsgründe gibt es viele. Die Wohnungslosenhilfe hilft Betroffenen mit einen neuen Angebot – das sogar für Vermieter interessant sein kann.

Ludwigsburg - - Wer seine Miete nicht mehr bezahlen kann, muss früher oder später seine Wohnung räumen. Bisher hat die Wohnungslosenhilfe im Kreis Ludwigsburg erst helfen können, wenn alles zu spät war. Doch seit es die Fachstelle Wohnungslosensicherung gibt, ist alles anders. Heinrich Knodel und Tamara Palmer, die Verantwortlichen, erklären, was sie machen – und warum sie so wichtig sind.
Frau Palmer, seit einem Jahr gibt es nun die Fachstelle Wohnungssicherung. Was hat Sie in dieser Zeit am meisten erschreckt?
Tamara Palmer Die vielen Eigenbedarfskündigungen. Wir hatten 2016 insgesamt 111 Beratungsfälle, rund 20 Prozent davon hatten eine Eigenbedarfskündigung als Ursache. Das hatten wir so nicht erwartet.
Ist Ihnen ein Fall in besonderer Erinnerung?
Palmer Die Geschichte von Herrn Malic*, sie hatte ein gutes Ende. Herr Malic hat vier Kinder, einen festen Job und lebt in einer Doppelhaushälfte in Ludwigsburg. Alles schien gut – bis die Kündigung wegen Eigenbedarfs kam. Wir haben Herrn Malic beraten und die Kündigung von einem Anwalt prüfen lassen, denn sie war ziemlich schwammig. Der Vermieter wollte die sechsköpfige Familie rauswerfen, um mit seiner Frau und seinem Kind auf 240 Quadratmetern zu wohnen. Das ist heftig. Die Anfechtung der Kündigung war letztlich erfolgreich: Herr Malic wohnt mit seinen Kindern weiter in der Doppelhaushälfte.
Wem können Sie konkret helfen?
Heinrich Knodel Grundsätzlich jedem. Der Anteil der Klienten mit Migrationshintergrund ist mit 66 Prozent allerdings relativ hoch. Und wenn man das Haushaltseinkommen anschaut, sieht man, dass mehr als 43 Prozent der Klienten von Hartz IV leben. 37 Prozent der Personen, die wir beraten, haben zwar ein Einkommen, aber das ist so gering, dass sie zusätzlich auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Fast der Hälfte unserer Klienten droht der Verlust ihrer Wohnung denn auch wegen Mietschulden.
Wie können Sie helfen?
Palmer Jeder Fall ist anders, typisch ist allerdings, dass eine ökonomisch schwierige Situation der Betroffenen zu Mietschulden und damit zum Verlust der Wohnung führt. Herr Paul zum Beispiel hat wegen seiner Spielsucht seinen Job verloren, deshalb seine Miete nicht mehr bezahlen können und letztlich die Kündigung bekommen. Sein Vermieter brauchte die Mieteinnahmen für seine Rente. Letztlich hat Herr Paul mit unserer Hilfe einen Antrag beim Jobcenter gestellt, das ihm ein Darlehen gewährte, um die Mietschulden zu bezahlen. Die Kündigung wurde dadurch nichtig. Die laufenden Monatsmieten überweist das Jobcenter seither direkt.
Können Sie allen Klienten helfen?
Knodel Wir sind relativ gut bei der Wohnungsvermittlung, was mich angesichts der Lage auf dem Wohnungsmarkt überrascht. Aber dass wir allen Klienten helfen können – das ist unrealistisch. Wenn die Mietschulden so hoch sind, dass sie auch mit einer darlehensweisen Übernahme nicht mehr zu decken sind, oder wenn das Verhältnis zum Vermieter extrem zerrüttet ist, dann können auch wir keine Wunder bewirken.
Sie nehmen den Klienten nicht alles ab, oder?
Palmer Nein. Wir erklären den Klienten, wie die Abläufe sind, was man noch unternehmen kann. Wie bieten ein Coaching an, in dem wir erklären, wie man sich auf Inserate bewirbt, wie und was man über sich schreibt, welche Unterlagen man mitschicken sollte. Alleine die Tatsache, dass die Betroffenen bei uns eine Begleitung finden, ist oft schon eine große Hilfe. Und oft hat ein Zeitgewinn schon eine große Wirkung.
Wie kommen Sie zu Ihren Einsätzen?
Palmer Oft informiert uns das Ordnungsamt, weil sich viele Betroffene erst mal an die Stadt wenden, wenn ihnen der Verlust der Wohnung droht. Über die Schuldnerberatungsstelle, das Migrationszentrum und andere Einrichtungen finden auch viele den Weg zu uns. Viele Fälle kommen über das Jobcenter oder das Sozialamt zu uns, die vom Amtsgericht über dort eingegangene Räumungsklagen informiert werden. 2016 kamen wie so zu 24 Einsätzen.
Lassen sich alle Hilfsbedürftigen helfen?
Knodel Von den 24 Personen, die uns Jobcenter oder Sozialamt letztes Jahr vermittelt haben, haben wir die Hälfte tatsächlich erreicht – und das, obwohl wir zwei Hausbesuche machen. Es ist oft so, dass die Leute den Kopf in den Sand stecken und einfach nicht mehr reagieren. Wir haben jetzt zwar unser Anschreiben verändert, in der Hoffnung, dass wir noch kundenfreundlicher wirken. Aber manche Betroffene machen ihre Post gar nicht mehr auf und dann auch den Brief von uns nicht.
Palmer Grundsätzlich können sich auch Vermieter direkt an uns wenden, etwa wenn eine Miete fehlt. Es wäre sogar schön, wenn sie das täten, dann eskaliert eine Situation womöglich gar nicht erst.
Was passiert mit den Menschen, denen Sie nicht helfen können?
Palmer Eigentlich sollte in Deutschland niemand wohnungslos werden. Kommunen sind dafür verantwortlich, ihre Bürger ordnungsrechtlich unterzubringen. Wenn klar ist, dass eine Räumung nicht zu vermeiden ist, oder wenn nicht rechtzeitig eine neue Wohnung gefunden wurde, dann schalten wir das zuständige Ordnungsamt ein. Im vergangenen Jahr hatten wir zehn Fälle, die in der Obdachlosenunterkunft endeten. Darunter war eine alleinerziehende Mutter mit fünf Kindern, die von Hartz IV lebt. So jemand hat bei der Wohnungssuche entsetzlich schlechte Karten.
Knodel Wobei wir immer auch versuchen, eine Räumung zu vermeiden, indem wir dem Mieter raten, wenn möglich früher auszuziehen. Dadurch werden Kosten verringert und der Ablauf ist reibungsloser. So eine Räumung ist nicht schön. Wir wissen genau, was passiert, wenn Leute auf der Straße landen. Da geht mehr kaputt als sich ein Außenstehender vorstellen kann.
Können Sie das beschreiben?
Knodel Wenn wir unsere Leute fragen, was das Schlimmste am Leben auf der Straße war oder ist, sagen viele: Dass ihnen in einem unvorsichtigen Moment der Rucksack gestohlen wurde. Das ist im übertragenen Sinne so, wie wenn unsere Wohnung weg wäre. In so einem Rucksack befindet sich ja der ganze Hausstand, möglicherweise sogar mit allen Papieren. Auf der Straße hat man auch kein Recht. Wenn man am Abend seinen Schlafplatz zum Beispiel in einem Rohbau aufschlägt, muss man morgens wieder weg sein, wenn die Bauarbeiter kommen. Wenn man gar nicht mehr weiß, was einen morgen erwartet, das macht etwas mit den Menschen. Man kann nichts mehr planen. Diese Unsicherheit macht Menschen auch krank.
Ihre Arbeit spart Kommunen Geld und Mietern wie Vermietern viel Leid und Kummer. Warum gibt es die Fachstelle für Wohnungssicherung erst jetzt?
Knodel Das Thema hat mich schon lange umgetrieben. In der regulären Fachberatung der Wohnungslosenhilfe können wir ja immer erst helfen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Die Erweiterung unseres Angebotes scheiterte bislang an der fehlenden Finanzierung. Jetzt können wir Dank der Förderung der EU konkrete Erfahrungen vorweisen. Die sind dann hoffentlich so überzeugend, dass wir danach eine Regelfinanzierung hinbekommen.
Sie haben meistens mit Personen zu tun, die die einfachsten Dinge nicht mehr auf die Reihe kriegen. Verlieren Sie nie die Geduld?
Palmer Es gibt viele Leute, die nichts für ihre Situation können. Man kann durch einen Unfall arbeitsunfähig werden, ins Krankengeld fallen – und dann hat man zu wenig Geld, und es kommt zu Mietschulden. Das kann ganz schnell passieren, und das kann jeden treffen. Ich habe auch schon einen Lehrer beraten und einen Arzt.
Die Personen, denen Sie helfen, will oft niemand bei sich haben. Macht Sie das mürbe?
Palmer Ich werde höchstens sauer – auf die staatliche Wohnungsbaupolitik der vergangenen Jahrzehnte. Die Förderung des sozialen Mietwohnungsbaus wurde ab Mitte der 90er Jahre heruntergefahren, zudem lief bei vielen Wohnungen die Sozialbindung aus. Das muss sich ändern, damit Leute wie unsere Klienten die Chance auf eine sozial geförderte Wohnung haben.
Gibt es in Fachstelle auch schöne Momente?
Knodel Die spektakulären Fälle sind für mich die unspektakulären. Die, bei denen man mit relativ wenig Aufwand sehr viel erreichen kann.
Palmer Wie bei Familie Maus. Dem Ehepaar mit einem elfjährigen Kind wurde gekündigt, weil seine Wohnung eigentlich gar keine Wohnung sein durfte. Sie war im Souterrain und hatte nur ein ganz kleines Fenster, das nicht als Fluchtweg taugte. Aber eine Wohnung braucht einen Fluchtweg. Also kündigte der Vermieter Herrn Maus wegen unerfüllbarer Auflagen der Stadt. Als ich mit der Stadt gesprochen habe, hat sich herausgestellt, dass der Vermieter einfach ein größeres Fenster einbauen muss, um das Problem zu lösen. Das hat der Vermieter gemacht, und damit war die Kündigung vom Tisch.
*Die Namen aller Klienten sind geändert.

Die Fachstelle und die Fachleute


Heinrich Knodel, 58, ist der Leiter der Wohnungslosenhilfe, die als gemeinnützige Gesellschaft des Landkreises Ludwigsburg firmiert. Ihren Sitz hat sie in der Friedrichstraße in Ludwigsburg. Tamara Palmer, 25, arbeitet bei der Fachstelle. Sie ist zuständig für Ludwigsburg und Besigheim.

Die Ludwigsburger Fachstelle für Wohnungslosensicherung hat ihre Arbeit am 1. April 2016 aufgenommen. Möglich wurde dies durch Geld aus einem neu aufgelegten Hilfsfonds der EU. Aus ihm stammen 85 000 Euro, weitere 10 000 Euro gibt das Bundesarbeitsministerium, mit 5000 Euro beteiligen sich vier Kommunen an dem Projekt. Dies sind Ludwigsburg, Kornwestheim, Korntal-Münchingen und Besigheim. Von dem Geld werden unter anderem einhalb Sozialarbeiterstellen geschaffen. Die Förderung ist bis Ende 2018 bewilligt.

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