Corona-konformes Fortbewegungsmittel: Veit Walter tritt kräftig in die Pedale. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Ehrenamtliche fahren Heimbewohner mit Fahrradrikschas durch Stuttgart. Warum diese Aktion gerade in Zeiten von Corona vielen hilft, erzählt Veit Walter vom Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg.

Stuttgart - Der kühle Herbstwind bläst erfrischend ins Gesicht, während rechts und links die Blätter von den Bäumen fallen. Es ist ein sonniger Novembertag. „An solchen Tagen ist es besonders schön, eine Runde zu drehen“, sagt Veit Walter begeistert. Es holpert ein wenig, wenn die Fahrradrikscha über das Kopfsteinpflaster fährt. Wenn es leicht bergauf geht, tritt Walter stärker in die Pedale. Dank des elektrischen Antriebs des Rads stellt auch der kleine Hügel kein Problem dar. „Eigentlich komme ich nie aus der Puste“, erzählt Walter. Vor allem mache das Rikschafahren großen Spaß, sowohl dem Fahrer als auch dem Passagier.

 

Rikschafahrten als Mittel gegen Vereinsamung

Veit Walter ist Leiter der Abteilung Forschung & Entwicklung des Wohlfahrtwerks für Baden-Württemberg. Er hat das Rikscha-Projekt ins Leben gerufen. „Tatsächlich kam die Idee schon vor Corona“, erzählt er. Doch gerade in der jetzigen Zeit bewähren sich die Rikschas, da sie ein sehr wirksames Mittel gegen Vereinsamung und Isolation seien. Die Heimbewohner kommen raus an die frische Luft und können sich zudem mit dem Fahrer unterhalten. „Das eigentlich Schöne an der Idee ist ja, dass normalerweise auch zwei Passagiere vorne mitfahren können. Das ist aktuell natürlich nicht möglich“, erklärt Walter bedauernd. Trotzdem seien die Rikschas die ideale Lösung sowohl für Pflichtfahrten, wie zum Beispiel Arztbesuche, als auch für Spaßfahrten. Dies liege auch daran, dass die Fahrzeuge komplett Corona-konform seien: „Es ist eine Decke dabei, ein bequemes Sitzpolster und natürlich das Kunststoffdach, das vor Viren schützt, aber auch Unterhaltungen mit dem Fahrer problemlos möglich macht.“

Meist fehlt der Anlass für das Ehrenamt

Die Rikschafahrten wurden bereits während des ersten Stillstands im Frühjahr angeboten, allerdings sei die Aktion mit dem Stammpersonal allein kaum zu stemmen gewesen. „Deshalb wollen wir jetzt ausweiten und begeisterte Fahrradfahrer dazu bewegen, mitzumachen“, sagt Walter. Im Moment seien pro Einrichtung des Wohlfahrtswerks etwa zwei bis drei ehrenamtliche Mitarbeiter tätig, die Rikschafahrten übernehmen. Die meisten Ehrenamtlichen seien bereits über 60, während die Generation zwischen 30 und 50 in der ehrenamtlichen Szene völlig fehle. „Ich glaube, es fehlt der Anlass. Wenn es nicht die eigenen Verwandten sind, machen es leider nicht so viele“, so Walter.

Seit einigen Wochen ist das Wohlfahrtswerk Mitglied des Vereins Radeln ohne Alter. „Wir hoffen, dass dadurch mehr Leute auf das Projekt aufmerksam werden und sich der Altersspalt schließt“, so Walter. Werbung über Social Media werde bisher allerdings nicht gemacht. Die beste Werbung sei es, herumzufahren und gesehen zu werden.

Für Rollstuhlfahrer ist es wie auf dem Jahrmarkt

Für die Zukunft hofft Walter insbesondere, dass mehr Leute den Mehrwert einer ehrenamtlichen Tätigkeit erkennen. „Insgesamt gibt einem das Ehrenamt viel zurück. Das sind seltene und besondere Momente, die man mit den Heimbewohnern erlebt“, merkt er an. Man höre Geschichten, die man sonst nie hören würde. Außerdem lerne man ganz neue Ecken Stuttgarts kennen.

Eine große sportliche Herausforderung sei das Rikschafahren auch nicht: „Außer dass man Spaß an Bewegung haben sollte, ist das kinderleicht. Man kann die Gänge verstellen und so kontrollieren, ob man viel oder wenig elektrische Unterstützung haben will.“

Doch nicht nur für die Fahrer, sondern vor allem für die Passagiere seien die Rikschafahrten ein besonderes Erlebnis. „Gerade für Rollstuhlfahrer ist es ein Riesenspaß. Für die ist es wie auf dem Jahrmarkt, da sie nichts Schnelleres als die Höchstgeschwindigkeit ihres Rollstuhls gewöhnt sind“, sagt Walter lachend. Die Frage, ob schon mal jemand unzufrieden mit der Fahrt gewesen sei oder währenddessen Angst bekommen habe, verneint er direkt: „Die, die Angst haben, machen es erst gar nicht. Und Beschwerden von Passagieren gab es noch nie. Außer vielleicht, dass sie nicht mehr aussteigen wollten.“