Jörn Pachner gestaltet an der Bruckenacker-Grundschule in Bernhausen den Hector-Kurs Leseclub. Foto: Wipke Hartje

Hector-Kinderakademien bieten für begabte Kinder außerschulische Lern- und Experimentierwerkstätten an. Das Schulamt koordiniert die Angebote.

Filderstadt - Acht Kinder sitzen mit ihren Lieblingsbüchern im Kreis auf gemütlich gepolsterten blauen Sitzelementen in der Bibliothek der Brucken-acker-Grundschule in Bernhausen. An der Tafel stehen die Titel ihrer Bücher. Sie haben Freude daran, diese vorzustellen und sind mit größter Aufmerksamkeit dabei, wenn jedes Mädchen und jeder Junge spricht. Die Kinder lesen einander vor und verraten, wie man am besten heimlich lesen kann.

„Das ist ganz anders als im Unterricht“, sagt ein Mädchen. „Wir machen, was Spaß macht.“ Eine andere ist in dem Kurs schon seit dem vergangenen Jahr dabei. Das etwas andere Nachsitzen ist ganz im Sinne der Hector-Stiftung. Sie ist mittlerweile neben schon zu „Marken“ avancierten Stiftungen wie Bertelsmann und Robert-Bosch zu einer der größten im Stiftungsland Deutschland herangewachsen.

Kurse in Bernhausen

Die Kurse in Bernhausen sind als sogenanntes Enrichment-Angebot für die rund zehn Prozent begabten und hochbegabten Schülerinnen und Schüler ausgelegt. Rund 40 000 Kinder sind das in Baden-Württemberg. Beantragt wird die Förderung beim Kultusministerium. Die Träger wie etwa Kommunen oder das Oberschulamt oder auch beide, erhalten im Falle der Einrichtung jährlich 50 000 Euro. Am Ende des Jahres berichten die Träger der Landeskoordinatorin, Schulamtsdirektorin a. D. Helga Willers, und ihrem Stellvertreter Rektor Hans Peter Brugger.

Mit andauernder Wachsamkeit lauschen die Jungen und Mädchen im Grundschulalter auch den Ausführungen von Schuldirektor Jörn Pachner, der den Kurs „H_134 Leseclub-Kurs A“ der Hector-Kinderakademie moderiert: „Die Kinder nehmen das Angebot sehr gern an, beteiligen sich eifrig und fragen am Ende des Kurses oft, ob im nächsten Schuljahr wieder solche Kurse angeboten werden“, berichtet der Schulleiter. Und das sei gut, denn die Kontinuität der Kurse und ihrer Teilnehmer ist ein Ziel der Förderung.

Teilnahme ist freiwillig

In den Kursen ist das Angebot an Aktivitäten riesig. Es erstreckt sich von den „Pyramiden im Alten Ägypten“, „Bildhauerwerkstätten“ und MINT-Fächern (kurz für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) bis zum „Ballett Modern Dance/Hip Hop“. Die Kurse finden in der Regel wöchentlich statt. Manche dauern länger als fünf Wochen, andere viele Wochen. Es gibt Wochenendkurse und Tageskurse. Die Teilnahme ist freiwillig, wenn die Zusage erfolgt ist, aber verbindlich.

Die Klassenlehrer finden die jungen Hectorianer der ersten bis vierten Grundschulklassen nach ihren Begabungen und Interessen anhand eines Beobachtungsbogens zum Arbeits- und Lernverhalten. Ausgesuchte Kinder erhalten dann ein Formular zur Vorlage bei den Eltern, wobei: Kinder und Eltern reagieren unterschiedlich auf das Angebot.

Wenn sich die Teilnehmer für die Hector-Kinderakademie entscheiden, melden die Lehrer die Kinder bei der Geschäftsstelle des Oberschulamts an, vorausgesetzt die Eltern stimmen zu, an einer wissenschaftlichen Bewertung teilzunehmen und das Kind entsprechend im Kurs zu begleiten. Dann wählen die Kinder im Internet drei Kurse aus. Es besteht kein Anspruch darauf, dass es mit dem Wunschkurs klappt.

Schulamt koordiniert

Im ersten Kurshalbjahr 2013/14 öffneten die drei Hector-Kinderakademien für die Bereiche Nürtingen/Kirchheim, Esslingen und Filder für insgesamt 1294 Kinder (Mädchenanteil 47 Prozent) mit 3495 Kurswünschen die Türen zu 144 Kursen. Die zuständigen Geschäftsführerinnen des Schulamts Nürtingen, Jana Ellwanger und Annika Fischer, haben diese zusammengestellt und koordiniert.

„Im Landkreis Esslingen haben wir 40 Standorte in 16 verschiedenen Ortschaften“ sagt Ellwanger. „Die Kurse werden von 21 Lehrkräften von 13 Schulen und rund 55 externen Lehrkräften gestaltet“. Auch außerschulischen Bildungspartner wie Volkshochschulen und Museen sind wie von der Hector-Stiftung II gewünscht, mit im Boot.

Landesweit 58 Kinderakademien

58 Hector-Kinderakademien sind im Land entstanden. Insgesamt steckte das Stifterehepaar Hans-Werner und Elisabeth Hector für einen festgelegten Zeitraum von zehn Jahren 32 Millionen Euro in das Projekt. Denn, so der 2013 zusammen mit seiner Frau mit dem Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnete Hector: „Begabungen kann man nicht früh genug fördern. Ich möchte mit meiner Förderung dazu beitragen, dass Kinder ihre Talente entdecken und entwickeln können, um sie eines Tages für sich selbst zu nutzen, aber auch in die Gemeinschaft einzubringen“. Überdies findet der Förderer: „Das gemeinsame Lernen und Entdecken ist für junge Talente eine überaus wichtige Erfahrung.“

Das bestätigt die Mutter eines Viertklässlers aus einem Kurs von Jörn Pachner: „Mein Sohn ist begeistert. Er trifft Kinder, die auf seiner Wellenlänge sind“. Ein außerschulisches Angebot also, das den Nerv der Kinder trifft und soziale Begegnungsräume schafft, von einem erfolgreichen Ehepaar gestiftet, für dessen allseitige Wirkung Geschäftsführerin Jana Ellwanger lobende Worte findet: „Es ist eine große Freude, an diesem Projekt mitzuwirken und dazu beizutragen, dass die Augen der jungen Talente strahlen und ihre Köpfe freudig ,rauchen‘“.

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