Kaum jemand hat es mitbekommen: Aber am 8. Januar ist Europa knapp an einem Blackout vorbeigeschrammt. Zuletzt gab es so ein Ereignis im November 2006. Daraus hat die Strombranche gelernt.
Stuttgart - Es geschah um 14:05 Uhr am Freitag, den 8. Januar. Nach bisheriger Kenntnis fielen zu diesem Zeitpunkt mehrere „Netzbetriebsmittel“, also beispielsweise Teile von Umspannanlagen oder Leitungen im Netz, in Südosteuropa aus. Dadurch trennte sich der Teil Europas südlich von Ungarn und der kroatischen Provinz Istrien vom restlichen kontinentaleuropäischen Netz ab. Die Folge: Im nordwestlichen Europa sank die Netzfrequenz zeitweise auf 49,74 Hertz ab – deutlich unter den Sollwert von 50 Hertz. Im südöstlichen Teil stieg die Frequenz auf 50,8 Hertz – also deutlich zu hoch. Das berichtete der Verband der europäischen Netzbetreiber Entso-E am Abend des 15. Januar.
Entsprechend griffen Schutzmaßnahmen: In Frankreich und Italien wurden Großverbraucher vom Netz genommen. Dabei handelte es sich um Industrieanlagen, deren Betreiber in ihren Stromverträgen zugestimmt haben, dass ihre Anlagen bei instabilen Netzverhältnissen kurzfristig abgeschaltet werden können – gegen eine entsprechende Vergütung. Die in Italien und Frankreich so aus dem Netz genommene Leistung entsprach ungefähr der, die die beiden Blöcke des EnBW-Kernkraftwerks Philippsburg bis zu ihrer Abschaltung hatten. In Deutschland reichte der konventionelle Einsatz von Regelenergie, wie er zum Alltag gehört.
Eines der weltweit größten Verbundnetze
Im zentraleuropäischen Verbundnetz sind in insgesamt fünf sogenannten Synchrongebieten die Übertragungsnetze von insgesamt 34 Ländern zusammengeschaltet. Das größte Gebiet davon ist das kontinentaleuropäische Verbundnetz, das von Portugal im Westen bis Polen im Osten, sowie von Dänemark im Norden bis zur Türkei im Süden reicht. Der Verbund ist eines der größten Netzgebiete der Welt und dient insbesondere dem überregionalen Austausch größerer Energiemengen.
Einen ähnlichen Vorfall gab es laut dem Netzbetreiberverband Entso-E zuletzt am 4. November 2006. Damals wurden zeitweilig zwei Hochspannungsleitungen in Norddeutschland abgeschaltet, damit das Kreuzfahrtschiff Norwegian Pearl sie gefahrlos passieren konnte – das Schiff sollte von der Werft in Papenburg in die Nordsee überführt werden. Da es dabei Abweichungen vom ursprünglichen Plan gab, fiel in Teilen von Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien, Österreich und Spanien teilweise bis zu 120 Minuten der Strom aus. In der Aufarbeitung dieses Großereignisses installierten Europas Übertragungsnetzbetreiber neue Sicherheitsmechanismen und Informationssysteme. Das, so eine Sprecherin vom koordinierenden Übertragungsnetzbetreiber Amprion, habe geholfen, dass der 8. Januar sehr glimpflich verlaufen sei.
Stromausfall nur in Rumänien
Lediglich in Rumänien fiel der Strom zeitweise aus. Schon vier Minuten nach der Entkoppelung des kontinentaleuropäischen Netzes lag die Frequenz wieder in der tolerablen Schwankungsbreite . Eine Stunde und drei Minuten später waren die beiden Teilnetze wieder synchronisiert.
Was genau zu dem Vorfall am 8. Januar geführt hat, analysiert Entso-E derzeit noch. Dazu müssen riesige Datenmenge ausgewertet werden. „Die Energiewende beziehungsweise die erneuerbaren Energieträger stehen aus heutiger Sicht in keinem Zusammenhang mit den Geschehnissen“, stellt der Österreichs Netzbetreiber Austrian Power Grid in einer Stellungnahme aber klar.