Verkehrsminister Andreas Scheuer präsentiert sich auf der Gamescom als großer Unterstützer der Videospielbranche. Seine Politik zeichnet aber ein anderes Bild, kommentiert Philipp Johannßen.
Köln - Dass Deutschland in Teilen immer noch ein digitales Entwicklungsland ist, hat Andreas Scheuer auf der Gamescom, der größten Videospielmesse der Welt, wieder einmal bewiesen. Der CSU-Minister für Verkehr und digitale Infrastruktur behauptete, die Förderung der Games-Branche stehe in jeder seiner Prioritätenlisten an erster Stelle. Sie wäre damit also wichtiger gewesen als seine letztlich gescheiterte Pkw-Maut? Daran darf man zweifeln. Unzweifelhaft ist, dass in diesem Jahr 50 Millionen Euro Fördergelder vom Bund fließen – und dass für 2020 nichts im Haushalt eingeplant ist. Das sei „irritierend“ sagte Felix Falk, der Geschäftsführer des Deutschen Videospielverbands Game. Eine vornehme Untertreibung.
Dabei wächst der Umsatz der Videospielindustrie von Jahr zu Jahr und verzeichnete 2018 in Deutschland erst wieder ein Rekordjahr mit rund 4,4 Milliarden Euro. Das ist mehr als die Film und Musikindustrie hierzulande gemeinsam umsetzen. Für die Filmbranche gibt es jedoch seit Jahrzehnten diverse Fördertöpfe, auf Bundes- und auf Länderebene. Einzelne Produktionen können so Millionensummen erhalten. Allein der Deutsche Filmförderfonds zahlte laut eigenen Angaben von 2007 bis 2017 651 Millionen Euro an mehr als 1000 Produktionen aus, was Folgeinvestitionen von 3,8 Milliarden in diesem Zeitraum nach sich zog.
Videospielbranche wird weiter jährlich wachsen
Das zeigt deutlich, dass eine kulturelle Förderung auch wirtschaftlich nachhaltig sein kann. Und anders als die meisten deutschen Filme könnten deutsche Videospiele auch sehr gut über Ländergrenzen hinweg vermarktet werden. Die Gaming-Industrie hat hier allerdings ein Problem: Sie wird hier nicht als Kulturgut gesehen, was sicher gerechtfertigt wäre, sondern als Infrastrukturprojekt.
Videospiele sind ein Zukunftsmarkt: Denn neben PC- und Konsolenspielern gibt es noch die Smartphonenutzer. Hier schlummert ein gewaltiges Spieler-Potenzial, angesichts von weltweit rund drei Milliarden Smartphonenutzern und zig Millionen in Deutschland. Der Großteil von ihnen zeigt sich noch abstinent. Eine Studie von Pricewaterhouse Coopers geht von einem jährlichen Marktwachstum von fünf Prozent in Deutschland aus, wodurch der Umsatz bis 2023 auf mehr als sechs Milliarden Euro wachsen dürfte.
Schlechte Aussichten für deutsche Produktionen
Doch trotz dieser rosigen Aussichten steht es um Produktionen „Made in Germany“ nicht gut. Im Rekordjahr 2018 sank der Anteil heimischer Produktionen am Gesamtumsatz in Deutschland von fünf auf vier Prozent. Dass es hierzulande jede Menge Potenzial gibt auf Entwicklerseite, sieht beispielsweise Ubisoft. Das französische Unternehmen kündigte diese Woche an, seine Mitarbeiterzahl in den drei deutschen Studios in den kommenden fünf Jahren auf bis zu 1000 zu verdoppeln. Dabei ist es alles andere als einfach, Fachpersonal in Deutschland zu rekrutieren, weil dieses in der europäischen Nachbarschaft in Frankreich, Polen oder Großbritannien Standorte findet, die Deutschland in Sachen Videospielentwicklung schon lange abgehängt haben – weil dort verlässliche Bedingungen durch eine staatliche Förderung herrschen.
Auf der Gamescom hat es sich Andreas Scheuer trotzdem nicht nehmen lassen, sich als bester Freund der Gamer zu gerieren. Er ließ sich dabei ablichten, wie er an Maus und Tastatur vor dem Computer sitzt, doch auf dem Bildschirm passiert recht wenig. Ein gestelltes Bild für die Fotografen, so symbolhaft wie das Handeln des Ministers. Der CSU-Mann macht es sich zu einfach. Unter Videospielfans würde man von einem „Cheater“ (Betrüger) sprechen. Dabei wäre es für Scheuer höchste Zeit, die Phrase von der höchsten Priorität auch durch sein politisches Handeln endlich zu belegen.