Vor dem Bundesligaspiel in Berlin spricht Andreas Beck vom VfB Stuttgart im Interview über den neuen Trainer, seine veränderte Rolle und extreme Relegationserfahrungen.
Stuttgart - Er gilt als Musterprofi. Dennoch sieht ein Teil der Fans Andreas Beck beim VfB Stuttgart kritisch. Jetzt wurde er befördert. Genugtuung verspürt der 32-Jährige vor dem Spiel an diesem Samstag (15.30 Uhr, Liveticker) bei Hertha aber nicht.
Herr Beck, das Spiel bei Hertha BSC steht an. Haben Sie schon mit Trainer Nico Willig über Ihre nächste Überraschungsrolle auf dem Platz gesprochen – vielleicht als Linksaußen?
Ja, ich habe mit dem Trainer gesprochen, und ich kenne meine Aufgabe bereits, denn seit Mittwoch ist unser taktisches Training auf die Partie in Berlin ausgerichtet. Aber ich kann hier natürlich nicht ins Detail gehen. Die Tendenz geht jedoch dahin, dass ich wieder im Mittelfeld auflaufen werde.
Wie gefällt Ihnen diese neue Aufgabe?
Gut, aber am Ende geht es auch auf dieser Position um die Eigenschaften und Fähigkeiten, die ein Spieler einbringt.
Welche sind in diesem Fall gefordert?
Nach wie vor ist eine hohe Intensität in den Aktionen gefragt. Ohne die geht es im modernen Fußball grundsätzlich nicht mehr. Es geht aber auch um Cleverness und die Möglichkeit, den Mitspielern zu helfen.
Hatten Sie auf Ihre älteren Fußballtage noch einmal damit gerechnet, etwas anderes als Außenverteidiger zu spielen?
Nein, aber das ist ja das Spannende am Fußball. Er bietet einem immer wieder die Gelegenheit, Neues zu erleben. Dabei gibt das Vertrauen, das der neue Trainer mir ausgesprochen hat, auch mir als Routinier ein gutes Gefühl. Er sieht mich in einer zentralen Rolle und nicht auf der rechten Abwehrseite. Dann heißt es eben: rein ins Getümmel und freischwimmen.
Was unterscheidet die Anforderungen auf diesen beiden Positionen?
Der größte Unterschied ist, dass man im zentralen Mittelfeld 95 Minuten voll im Geschehen ist und in der Rückwärtsbewegung nicht nur seinen Gegner auf der Außenbahn aus dem Spiel nehmen muss. Jetzt muss ich auf links, rechts, vorne und hinten gleichzeitig achten. Das macht diese Aufgabe so reizvoll.
Wollen Sie sich daran gewöhnen?
Ach, bisher ist es ja nur ein Spiel gewesen, und es ist nicht so wichtig für mich, wo ich aufgestellt werde. Wie heißt es immer so schön? Ich stelle mich in den Dienst der Mannschaft. Deshalb bin ich die aktuelle Herausforderung mit großer Offenheit angegangen.
Spüren Sie jetzt mehr Verantwortung?
Definitiv. Es war ja die Intention von Trainer Nico Willig, mir mehr Einflussmöglichkeiten auf das Spiel zu geben. Vor allem, weil wir jetzt davor drei Spieler haben, die offensiv denken und agieren sollen. Wir dahinter müssen die Lücken schließen, die dadurch entstehen können. Zudem sollen wir ständig in Bewegung bleiben, um den Gegner zu stressen. Ich bin so etwas wie ein Brückenspieler, der die hintere und vordere Kette verbindet.
Hat sich Ihre Rolle im Team über die Beförderung auf dem Platz hinaus verändert?
Das glaube ich nicht. Ich bin ja keine 18 mehr, und durch meine Erfahrung bin ich schon länger in eine Rolle hineingewachsen, die beinhaltet, dass ich jüngeren Spielern Hilfestellungen geben kann. Das ist wie bei Christian Gentner, Mario Gomez, Gonzalo Castro, Dennis Aogo oder Ron-Robert Zieler. Wir sind verschiedene Spielertypen und bringen uns entsprechend in die Mannschaft ein.
Wie darf man sich das vorstellen?
Ich sehe mich als eine Art Kleber – als jemand, der das Team zusammenhält, aber im Spiel auch für die nötige Balance zwischen Defensive und Offensive sorgen kann. Außerhalb des Platzes spreche ich Entwicklungen kritisch an, die ich aufgrund meiner Erfahrung vielleicht früher erkenne als andere.
Intern ist Ihre Funktion für den Kader schon immer klar. Dennoch mussten Sie seit Ihrer Rückkehr im Sommer 2017 von Fanseite immer mal wieder Kritik einstecken. Verschafft es Ihnen nun Genugtuung, dass Ihre Bedeutung für die VfB-Mannschaft auch nach außen immer deutlicher wird?
Überhaupt nicht, da diese Erfahrung nicht Stuttgart-spezifisch ist. Es war schon immer so, dass ich mir die Anerkennung von außen erkämpfen musste – in Hoffenheim, in Istanbul und jetzt wieder beim VfB. Letztlich hat sich aber in jedem Fall Wertschätzung vonseiten der Fans eingestellt, weil sie gesehen haben: Der lässt sein Herz auf dem Platz.
Eine Frage der Mentalität?
Sicher. Im Fußball muss doch nicht jede Aktion schön anzusehen sein. Es geht darum, einen wichtigen Beitrag für die Mannschaft zu leisten. So verstehe ich mein Spiel, und so habe ich mit meinen Clubs Titel gewonnen. Ich sehe mich als Arbeiter und Teamplayer. Matthias Sammer hat das mal sehr treffend ausgedrückt: Pro Mannschaft gibt es zwei, drei Spieler, die auf dem Feld mehr Freiräume erhalten als andere, weil sie Spiele entscheiden können – und der Rest muss sich den Hintern aufreißen.
Ist diese Einsicht bei allen VfB-Profis vorhanden, um im Abstiegskampf zu bestehen?
Es gibt für uns keinen anderen Weg, als über harte Arbeit und große Widerstandsfähigkeit das rettende Ufer zu erreichen. Wir müssen in jedem Spiel bereit sein, bis an die Grenzen zu gehen. Doch selbst wenn wir laufen, bis die Krämpfe uns schütteln, werden sich die nächsten Spiele wahrscheinlich erst spät entscheiden.
Und der neue Trainer Nico Willig holt jetzt aus der Mannschaft mehr heraus als zuvor Markus Weinzierl?
Auf jeden Fall hat es Nico Willig innerhalb kürzester Zeit geschafft, neue Energie freizusetzen. Dabei will ich nicht beurteilen, ob es besser oder schlechter als bei seinem Vorgänger ist. Sicher ist nur, dass einiges festgefahren war und Nico Willig mit seiner Gier auf Siege und mit seiner Akribie diese Energie auch in die Mannschaft reingebracht und damit etwas verändert hat.
Was ist denn zuletzt in der Mannschaft zwischen dem 0:6 in Augsburg und dem 1:0 gegen Gladbach passiert?
Enorm viel. Die Ansprache, das Training, die Abläufe, die Aufstellung, die Herangehensweise – fast alles wurde verändert. Das hat neue Kräfte freigesetzt. Wir gehen unseren Weg jetzt mutiger. Das gibt uns zwar nicht die Garantie auf Siege, aber wir sind wieder mehr in der Lage dazu.
Führt dieser Weg in die Relegation?
Das ist unser Cup, um den wir kämpfen. Zunächst gilt es, den 16. Tabellenplatz zu verteidigen, und gleichzeitig müssen wir unser Selbstvertrauen stärken, um die dann entscheidenden zwei Spiele erfolgreich bestreiten zu können.
Wer hat den Begriff „Relegationscup“ geprägt?
Der Trainer.
Lassen sich Profis dadurch motivieren?
Sicher, der Trainer will uns damit deutlich machen, dass wir in dieser Saison noch etwas zu gewinnen haben und nicht nur zu verlieren. Dieser positive Ansatz hilft uns in dieser schwierigen Situation.
Sie durften 2013 mit 1899 Hoffenheim schon Relegationserfahrung sammeln.
Stimmt, und ehrlich gesagt, waren das die emotionalsten Momente in meiner Karriere bisher, und trotz der Titel, die ich geholt habe, hat mich die Relegation stärker geprägt. Dieses letzte Ligaspiel damals in Dortmund, das wir gewinnen mussten, um überhaupt die Relegation zu erreichen und die Begegnungen mit dem 1. FC Kaiserslautern danach – das steckt tief in mir. Das war schon etwas sehr Besonderes, am Ende dazustehen und sagen zu können: Wir haben es geschafft.
Gesetzt den Fall, dass der VfB den Relegationscup gewinnt – was bedeutet das für Ihre Zukunft, da Ihr Vertrag ausläuft?
In dieser Geschichte bin ich total entspannt. Ich weiß aus Erfahrung, dass sich Transfers innerhalb kürzester Zeit entscheiden können und sich auch an einem Nachmittag abwickeln lassen. Das war so, als ich am letzten Transfertag von Besiktas Istanbul zum VfB gewechselt bin, und auch zuvor, als ich von Hoffenheim in die Türkei bin, ging plötzlich alles schnell.
Ihrer Gelassenheit zum Trotz: Wollen Sie in Stuttgart bleiben?
Es ist doch bekannt, dass der VfB mein Club ist. Hier lebt die Familie, und ich kann mir ein weiteres Engagement in Stuttgart gut vorstellen, aber ebenso woanders. Für mich ergibt es im Augenblick jedoch keinen Sinn, mich mit der Frage zu beschäftigen, wo ich nächste Saison spielen werde. Mein Fokus ist voll darauf ausgerichtet, unser großes Ziel zu erreichen.
Und danach setzen Sie sich mit dem Sportchef Thomas Hitzlsperger an einen Tisch?
So ist es besprochen, da der Verein seine Planungen ohnehin nicht konkret vorantreiben kann, solange er zwischen der ersten und zweiten Liga hängt. Also stelle ich meine Interessen hinten an und versuche auf meine Art voranzugehen.