Die Kelchstützen sind die Hauptattraktionen im Tiefbahnhof. Foto: Lichtgut/Iannone

Das Interesse an Stuttgart 21 ist riesengroß: Von Karsamstag bis Ostermontag haben sich 90 000 Menschen den Fortschritt auf der „offenen Baustelle“ angesehen. „Ihre Begeisterung steckt an“, findet Bernhard Bauer vom Verein des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm.

Mit seinem in den Nacken gelegten Kopf blickt Erik nach oben. Auf halber Höhe der von Gerüsten gesicherten Halle, einem Teil des alten Bonatzbaus, hängt ein Schild, das Nutzern des früheren Stuttgarter Bahnhofs wohlbekannt ist. Weiß auf blau steht dort: Nordausgang. „Da ging es zu den Taxiständen raus“, erinnert sich der Mitvierziger. Nun hängt der Durchgang in der Luft.

Der Besucher steht eine Etage tiefer, dort, wo sich früher ein Kellergeschoss befand. Das zeigen die Infotafeln zur Neugestaltung des Gebäudes. Man habe während der Arbeiten immer wieder Überraschungen erlebt, erklärt Jan Freitag, Mitarbeiter der DB Station&Service AG. Die Bausubstanz sei anders gewesen als erwartet. Das Gebäude sei eben 100 Jahre alt, zudem im Krieg zerstört und dann wieder aufgebaut worden. Freitag spricht von Flickwerk, das die Arbeiten erschwert habe. Jetzt sei aber alles sicher. Mindestens ein Jahrhundert soll die neue gestaltete Halle, die zwei Ebenen mit Angeboten wie Einkaufsmöglichkeiten und Ticketschaltern umfassen wird, überdauern.

Hauptattraktion sind die Kelchstützen

Hauptattraktion sind bei der siebten Auflage der Tage der offenen Baustelle die Kelchstützen der Gleishalle. In Beton gegossen bilden sie die von großen Lichtaugen durchbrochene Überdachung der Gleishalle. Das Glas für die Oberlichtflächen fehlt noch. Von 28 Stützen stehen 27. Die letzte soll in wenigen Wochen ihren Platz finden.

Der Andrang ist so groß wie bei keinen Tagen der offenen Baustelle zuvor. „Bis Montagnachmittag sind gut 90  000 Menschen gekommen“, berichtet Bernhard Bauer, der Vorsitzende des Vereins Bahnprojekt, „das ist wirklich sensationell.“ Im Vorjahr seien es „nur“ 59 000 Besucher gewesen.

Während sich ein Vater laut fragt, ob es Kelchstützen wohl irgendwann auch für die Modelleisenbahn geben werde, suchen die Söhne das Terrain nach Ostereiern ab. Neben einer Kinder-Rallye und der Möglichkeit, Erfahrungen mit einem echten sechs Tonnen schweren Bagger zu sammeln, ist die Eiersuche eine der Attraktionen, die den Rundgang familientauglich machen. „Es ist uns wichtig, dass die Leute mit eigenen Augen sehen, was hier entsteht und wie weit wir inzwischen sind“, sagt David Bösinger, der Leiter der Pressestelle. Auf großes Interesse stößt nicht zuletzt die Möglichkeit, mit Experten ins Gespräch zu kommen. Die Themen reichen von Artenschutz und Umwelt bis zur Konzeption und Planung des Digitalen Knotens Stuttgart, der Ausbau der Bahnstrecken mit dem Zugsicherungssystem ETCS (European Train Control System). Hier steht der Geschäftsführer der DB Projekt Stuttgart–Ulm GmbH, Olaf Drescher, persönlich Rede und Antwort.

Auch das unbequeme Thema Bauarbeiten, Sperrungen und Auswirkungen auf Bahnkunden wird nicht ausgespart. Es handle sich um ein Pilotprojekt, das die Digitalisierung der Bahn insgesamt voranbringe, betont Drescher. Viele Erfahrungen würden daher in Stuttgart erstmals gemacht, nachfolgende Projekte würden davon profitieren.

Unbequeme Themen werden nicht ausgespart

Bei der Frage, was der neue Tiefbahnhof leisten kann, sieht David Bösinger Informationsbedarf. Beispiel: Die Anzahl der Gleise. Kritiker hätten immer wieder die bestehenden 16 Gleise des jetzigen Bahnhofs als Argument für dessen größere Leistungsfähigkeit ins Feld geführt. Er habe aber nur fünf Zulaufgleise für Zugwechsel. Und das sei ausschlaggebend. Der Neubau verfügt über acht. Allein über diese Infrastruktur erhöhe sich die Kapazität deutlich, sagt Bösinger. Die Digitalisierung soll eine weitere Steigerung mit sich bringen. Dann schlägt auch die große Stunde der 130 neuen Doppelstockzüge im Regionalverkehr, für die man am bwegt-Stand Probesitzen kann.

Im Dezember 2025 soll Stuttgart 21 in Betrieb gehen

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), der die Baustelle am Samstagmittag besichtigt, ist sich sicher, dass die Fahrgäste „zuhauf kommen werden“, wenn die Schienenfahrzeuge, deren Ausstattung sich auf ICE-Niveau bewege, erst einmal im Einsatz sind. Bis Dezember 2025 müssen Bahnkunden in jedem Fall noch warten, bis sie in den Genuss des neuen Fahrgefühls kommen. Dann soll auch Stuttgart 21 in Betrieb gehen. „Die Begeisterung der Besucher ist ansteckend und motivierend für alle Beteiligten“, freut sich Bernhard Bauer, der Vorsitzende des Vereins Bahnprojekt Stuttgart–Ulm.

Insgesamt nutzten bis Montagnachmittag gut 90 000 Interessierte die Gelegenheit, die Baustelle zwischen dem Bonatzbau und dem Tunnel nördlich des Bahnhofstrogs in Augenschein zu nehmen. 2022 waren es noch 59 000 Besucher gewesen. Bernhard Bauer zeigt sich überwältigt von diesem Rekordergebnis.