In Athen leitet er das Nationalballett, in Stuttgart sucht er nach der Kraft der Gemeinschaft: Andonis Foniadakis mit den Tänzern von Eric Gauthier. Foto: Regina Brocke

Dass das Leben schwer sein kann, weiß Andonis Foniadakis als Grieche. Jetzt choreografiert er zum zehnten Geburtstag von Gauthier Dance ein Jubiläumsstück, das auf die Leichtigkeit des Tanzes und die Energie der Gemeinschaft setzt.

Stuttgart - Andonis Foniadakis, Leiter des griechischen Nationalballetts in Athen, stammt aus dem kleinen Ort Ierapetra im Süden Kretas. Die vielen Flüchtlinge, die auf den Inseln seines Heimatlands in Lagern ausharren oder im Meer davor ertrinken, könnten also Thema eines Gesprächs sein, zu dem wir ihn in den Studios von Gauthier Dance am Stuttgarter Löwentor treffen. Oder die Schuldenkrise, die Griechenland nach wie vor im Griff hat.

„Ja“, sagt Foniadakis, „die Welt draußen ist voller Schwierigkeiten. Aber ich möchte eine gute Zeit mit den Tänzern hier verbringen.“ Das solle nicht oberflächlich klingen, betont der Choreograf. „Mir geht es darum, Menschen zu zeigen, die zusammenkommen und zu einer harmonischen Gemeinschaft finden. Ich will zeigen, was nur der Tanz so kann: Menschen verbinden, zuerst körperlich, dann aber auch emotional.“ Als optimistischen Menschen beschreibt sich der Grieche, der aussieht wie Leonard Cohen in seinen besten Jahren: „In meinem Leben habe ich viele Probleme kennengelernt, aber ich habe auch gemerkt: Tanz gibt einem den Raum, sich zu befreien, er macht das Leben leichter.“

Im Studio nebenan lässt Andonis Foniadakis später Bewegungen aus seinem Körper in die Tänzer von Gauthier Dance fließen, als sei es nicht zwölf Uhr Mittags in den Probenräumen am Löwentor, sondern mitten in der Nacht in einem Club unten im Kessel. Der französische Komponist Julien Tarride liefert die entsprechende Musik. In weichen Wellen leitet der Choreograf die Energie durch die Tänzer, baut Spannung auf, lässt Körper zusammensacken. „Es geht um eine bestimmte Energie, die ich haben will, um eine Idee von Raum, in dem man sich nicht introvertiert bewegt, sondern aus sich herauskommt, wo Energie spürbar fließt“, erklärt Foniadakis. Schließlich ist sein Stuttgarter Stück ja Teil einer Geburtstagsparty mit dem Titel „Big Fat Ten“, die zum zehnjährigen Bestehen von Gauthier Dance am Mittwoch nächster Woche im Stuttgarter Theaterhaus steigt. Am liebsten würde er deshalb auch mit allen 16 Tänzern der Companie arbeiten.

Eine Jugend als Club-Kid auf Kreta

Von seiner Jugend auf Kreta hat der griechische Choreograf davor erzählt und wie ihn der Tanz aus der Orientierungslosigkeit gerettet habe: „Ich war ein Club-Kid. Ich wollte nur tanzen.“ Mit 18 Jahren hat er die Schule endlich hinter sich, aber keine Pläne, nur Träume im Kopf. Dass er sich entschließt, in Athen an der staatlichen Ballettschule vorzutanzen und dass er tatsächlich genommen wird, versteht er heute als seine große Chance. „Das hat mein Leben verändert.“

Das war 1990. Ein Stipendium hat ihn zwei Jahre später nach Lausanne an die Schule von Maurice Béjart gebracht, der ihn als Tänzer übernahm. Die Kompanie des Japaners Saburo Teshigawara und das Ballett in Lyon waren weitere Stationen seiner Karriere, während der er mit vielen wichtigen Choreografen zusammengearbeitet hat. Nachhaltig Eindruck haben außer Teshigawara die Amerikaner Trisha Brown und William Forsythe bei ihm hinterlassen, weil sie, wie er es nennt, eine „skulpturale Körperlichkeit“ im Tanz pflegten.

Andonis Foniadakis setzt als Choreograf auf hohe Geschwindigkeit. „Sie ist aber kein Selbstzweck“, sagt er, „sondern resultiert aus der kurzen Zeit, die einem auf der Bühne zur Verfügung steht.“ So wird der Tanz zum Sinnbild für die Anstrengungen unseres Daseins auf der Lebensbühne. „Meine Stücke sind zwar intellektuell gedacht, aber sie wollen Emotionen an die Oberfläche bringen.“ Instinktiv solle der Körper auf Impulse reagieren. Bewegungen sollen organisch fließen, vor allem die Linie der Arme, die Extremitäten überhaupt seien ihm wichtig.

Nachfolger von Renato Zanella in Athen

Und dieser Stil ist gefragt. Von Amsterdam bis Washington, von Bern bis São Paulo, von Montreal bis Sydney werden die Stücke von Andonis Foniadakis getanzt; außerdem hat er zwei Opern inszeniert und für Darren Aronofskys Film „Noah“ die Bewegungen koordiniert. Sich dabei ständig auf neue Charaktere einzustellen, empfindet Foniadakis als Bereicherung: „Einerseits ist das schon anstrengend, andererseits ist es erfrischend für einen Künstler, immer wieder neuen Input durch andere Tänzer zu bekommen.“

In den kommenden Jahren wird seine Energie jedoch vor allem nach Athen fließen. Denn auch in seiner Heimat setzt man auf den Star, weshalb man ihn zu Beginn der Saison als Nachfolger von Renato Zanella mit der Leitung des Griechischen Nationalballetts beauftragt hat. „Es ist schön, dass ich meine erste Erfahrung als Ballettdirektor in Griechenland sammeln kann.“ Foniadakis freut sich auf die Zeit, die vor ihm liegt: „Nun kann ich die Erfahrungen teilen, die ich in den vergangenen 25 Jahren gesammelt habe.“

Das Repertoire seiner vierzigköpfigen Athener Kompanie will er mit modernen Stücken weiter öffnen; Benjamin Millepied und den ehemaligen Stuttgarter Solisten Douglas Lee hat er als Mitstreiter in seiner ersten Saison eingeladen. „Die Situation für die Kunst ist hart in Griechenland. Es gibt nicht viel Geld für neue Produktionen“, sagt Foniadakis. Immerhin: Demnächst zieht seine Truppe in das neue, von Renzo Piano geplante Opernhaus im Süden der Stadt. Doch davor darf Foniadakis mit Gauthier Dance in Stuttgart feiern.

Das Programm der Gauthier-Gala

Auf dem Programm der Gala, mit der Eric Gauthier den zehnten Geburtstag seiner Kompanie im Theaterhaus erklärtermaßen „dick und fett“ begehen will, stehen sieben Arbeiten internationaler Choreografen, darunter fünf Uraufführungen sowie ein von Eric Gauthier inszenierter Rückblick auf die erste Dekade.

Die Uraufführungen kommen neben Foniadakis von Alejandro Cerrudo, der ein Gruppenstück beisteuert, von Johan Inger, der auf drei Frauen setzt, von Itzik Galili, der zwei Herren auf Comedy treffen lässt. Gauthier selbst erweitert seinen Hit „Ballet 101“ zum Pas-de-deux-Seminar „Ballet 102“. Weitere Geschenke: Nacho Duato gibt ein Stück aus „Vielfältigkeit: Formen von Stille und Leere“, Marie Chouinard schickt noch einmal ihren „Prélude à l’après-midi d’un faun“ nach Stuttgart, der einst das Festival „Sprachen des Körpers“ schmückte.

Termine: 1. - 5. März, weitere Termine vom 10.-14. Mai im Theaterhaus

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