Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir bei einem Fernsehinterview kurz nach Schließung der Wahllokale am Sonntagabend. Foto: imago/dts Nachrichtenagentur

Wer wählte wen und warum? Die Baden-Württemberger zeigen sich bei dieser Landtagswahl politisch recht beweglich. Und: Viele Nichtwähler lassen sich zur Stimmabgabe motivieren.

Es war eine ungewöhnliche Aufholjagd: Ein halbes Jahr vor der Landtagswahl lagen die Grünen in Umfragen noch 9 bis 14 Prozentpunkte hinter der CDU, aber am Wahltag zogen sie mit einem Minivorsprung an den Christdemokraten vorbei. Eine Auswertung der aktuellen Umfrage- und Wahldaten zeigt, wer sich am 8. März in Baden-Württemberg wie entschieden hat.

 

Die Grünen siegen in der Stadt, die CDU auf dem Land

Das Muster hat sich bereits in vielen Wahlen der letzten Jahre gezeigt: die Grünen und die Linken sind besonders stark in den größeren Städten, CDU und AfD finden besonders viele Anhänger in den ländlichen Gebieten. Dieser Befund wird in Baden-Württemberg bestätigt. Während die Grünen in Ballungszentren wie Stuttgart, Freiburg oder Heidelberg punkten, schneiden CDU und AfD fernab der großen Städte besonders gut ab.

Die Unterschiede bei den Zweitstimmen sind teilweise sehr groß: Während die Grünen im Wahlkreis Stuttgart 1 mit 50 Prozent ihr landesweit bestes Ergebnis holen, müssen sie mit 20,5 Prozent in Neckar-Odenwald ihr schlechtestes Resultat einstecken. Die CDU ist top in Ehingen (4o,6) und floppt besonders in Freiburg II (17,2).

Die baden-württembergische AfD erzielte am Sonntag das beste Wahlergebnis bei einer Landtagswahl in Westdeutschland. Mit 18,8 Prozent der Zweitstimmen ist der Anteil noch höher als in Hessen (18,4) im Jahr 2023. Im südbadischen Wahlkreis Tuttlingen-Donaueschingen bekam sie ihren höchsten Zweitstimmen-Anteil von 26,7 Prozent. In vielen städtischen Wahlkreisen blieb sie einstellig – allerdings mit zwei bedeutenden Ausnahmen: In Pforzheim wurde die AfD gemessen an den Zweitstimmen mit 26,4 Prozent stärkste Kraft. Und im Wahlkreis Mannheim I gewann ihr Kandidat Bernhard Pepperl sogar das Direktmandat.

Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir fuhr nach den vorläufigen Ergebnissen den höchsten Stimmenanteil für ein Direktmandat im Land ein. Seinen Wahlkreis Stuttgart II, den sogenannten Filderwahlkreis, gewann Özdemir deutlich mit 47,9 Prozent der Erststimmen. In keinem ausgezählten Wahlkreis konnte ein Direktkandidat oder eine Direktkandidatin einen höheren Stimmenanteil auf sich vereinen. Özdemirs direkter Konkurrent im Landtagswahlkampf, CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel, erreichte bei seinem ebenfalls klaren Sieg im Heimat-Wahlkreis Ehingen stattliche 47,1 Prozent.

CDU, Grüne und vor allem die AfD aktivieren viele Nichtwähler

Der Wahlkampf war zum Ende durch die Frage bestimmt, ob die Christdemokraten mit Manuel Hagel oder die Grünen um Cem Özdemir die Nase vorn haben werden. Das trug zu einer Fokussierung auf die beiden großen Parteien und zu einer erhöhten Wählermobilisierung bei. Die Wahlbeteiligung lag bei 69,6 Prozent, fast sechs Prozentpunkt höher als bei der Wahl 2021.

Die CDU konnte mehr als 400 000 Stimmen hinzugewinnen – so eine Analyse von Infratest dimap für die ARD. 165  000 Stimmen kamen von vormaligen Grünen-Wählern, 145 000 von FDP-Wählern und 60 000 von SPD-Wählern. Sie konnte aber auch 130 000 vormalige Nichtwähler für sich mobilisieren. Der starke Sog-Effekt von den Liberalen zu den Christdemokraten dürfte entscheidend beigetragen haben, dass die FDP unter der 5-Prozent-Hürde blieb und den Wiedereinzug in den Landtag verpasste.

Die Grünen profitierten am stärksten von den Stimmen ehemaliger SPD-Wähler (+100 000) sowie früherer Nichtwähler. Die AfD luchste allen anderen Parteien Stimmen ab, besonders CDU und FDP. Vor allem aber gelang es ihr, 190 000 bisherige Nichtwähler für sich an die Urnen zu bringen. Die SPD gab insgesamt 210 000 Stimmen ab, die FDP sogar 225 000 Stimmen. Die Linke, die sich zwar etwas verbesserte, aber nun doch außerparlamentarische Opposition bleiben muss, holte sich mit 10000 genauso viele Stimmen von Nichtwählern, wie sie auf der anderen Seite an die AfD abgab.

Bei der CDU ist das Gefälle zwischen jüngeren und älteren Wählern gewaltig

Gut 7,7 Millionen Wahlberechtigte konnten ihre Stimme abgeben – so viele wie nie zuvor. Erstmals galt ein neues Wahlrecht, auch 16- und 17-Jährige durften abstimmen. Das Wahlverhalten war je nach Alter und Geschlecht teils sehr unterschiedlich.

Die Grünen holten über alle Altersgruppen hinweg um die dreißig Prozent. Mit 28 Prozent waren sie zwar die stärkste Partei bei den 16- bis 24-Jährigen, früher hatten sie aber gerade bei den jüngsten Wählergruppen die stärksten Ergebnisse. Allerdings gelang es ihnen diesmal – anders als sonst – auch bei den Ältesten zu mobilisieren. Bei den 70-Jährigen aufwärts lag der Prozentsatz bei 30. Offensichtlich zog das Versprechen, dass Spitzenkandidat Cem Özdemir ein verlässlicher Nachfolger von Winfried Kretschmann sein werde.

Bei der CDU ist das Gefälle zwischen jüngeren und älteren Wählern gewaltig. Bei den Bürgerinnen und Bürgern über 70 Jahre ist sie mit 43 Prozent die dominierende Kraft. Aber bei den Jüngeren kam sie trotz ihres ausgesprochen jungen Spitzenkandidaten Manuel Hagel gar nicht gut an: nur 16 Prozent der 16- bis 24-Jährigen wählte Schwarz.

Die AfD hat den geringsten Zuspruch bei den jüngsten und bei den ältesten Wählern. 16 Prozent waren es bei den 16- bis 24-Jährigen, nur 10 Prozent bei den über 70-Jährigen. Den stärksten Rückhalt mit 24 Prozent hat die Alternative für Deutschland in Baden-Württemberg bei den 35- bis 44-Jährigen. Die Linke kam mit 14 Prozent bei den jüngsten Wählern ausgesprochen gut an, aber wegen ihrer Schwäche bei allen Wählern jenseits der 34-Jahre-Grenze reichte das nicht weit. So hat am Ende bei den Jungwählern insgesamt fast jeder Dritte für die AfD oder die Linke gestimmt. Die beiden Parteien vom linken und vom rechten Rand des Parteienspektrums legten im Vergleich zur Landtagswahl 2021 jeweils massiv zu.

Nach einer Auswertung der Forschungsgruppe Wahlen noch am Wahlabend entschieden sich die Frauen eher für die Grünen mit Özdemir (33) als für die CDU mit Hagel (29). Andersherum war es bei den Männern: sie stimmten eher für die CDU (30) als für die Grünen (28). Bei der AfD war der Unterschied zwischen den Geschlechtern besonders deutlich: während nur 16 Prozent der Frauen für die Partei votierten, waren es 22 Prozent der Männer.

Die AfD ist die Partei der Arbeiter

„Wir sind jetzt auch in Baden-Württemberg Volkspartei“, jubelte Tino Chrupalla, Bundesvorsitzender der AfD, nach der Wahl. Auf jeden Fall gelang es der Partei, tief ins klassische SPD-Milieu einzudringen. Laut Befragungen unmittelbar nach der Wahl gaben 40 Prozent der Wählerinnen und Wähler, die ihre eigene finanzielle Lage als schlecht einschätzen, der AfD ihre Stimme. Für die SPD votierten in dieser Gruppe lediglich fünf Prozent.

Mit 36 Prozent ist die AfD im Südwesten die eindeutig beliebteste Partei bei Arbeitern. CDU (21) und Grüne (19) bleiben weit dahinter zurück. Die SPD, die sich eigentlich als Partei der Arbeiter versteht, wird von dieser Gruppe sogar nur noch mit 4 Prozent gewählt. So viel holt hier auch die Linke – und die FDP schafft sogar 5 Prozent.

Grüne punkten vor allem bei Konfessionslosen und Protestanten

Und welchen Einfluss hatten religiöse Orientierungen? Die Grünen haben ihren knappen Wahlsieg wesentlich konfessionslosen und protestantischen Wählern zu verdanken. Während ihnen 37 Prozent der Konfessionslosen und 30 Prozent der Protestanten ihre Stimme gaben, waren es unter Katholiken 27 Prozent und unter Muslimen nur 16 Prozent, wie die Forschungsgruppe Wahlen dem Evangelischen Pressedienst (epd) auf Anfrage mitteilte. Anders das Ergebnis bei der CDU: Ihr gaben 38 Prozent der Katholiken ihre Stimme, aber nur 30 Prozent der Protestanten, 20 Prozent der Konfessionslosen und 16 Prozent der Muslime.