Nico Willig (rechts) will mit dem VfB Stuttgart den Klassenverbleib schaffen. Foto: Pressefoto Baumann/Julia Rahn

Die Stuttgarter zeigen gegen Wolfsburg ihre beste Saisonleistung – und wenden den direkten Abstieg ab. Nun hofft der VfB-Interimstrainer Nico Willig auf ähnlich gute Leistungen in den Relegationsspielen.

Stuttgart - Die Metamorphose des VfB beim letztlich glanzvollen 3:0-Sieg über den VfL Wolfsburg, sie ließ sich vor mit 54 086 Besuchern voll besetztem Haus am besten an der Leistung des Sechsers Gonzalo Castro ablesen. Ziemlich von der Rolle, also quasi im Hertha-Modus wie beim 1:3 aus der Vorwoche, war der Routinier mit der Erfahrung von inzwischen 382 Bundesliga-Spielen in die Partie gestartet. Auf regennassem Untergrund hatte sich Castro in der Schuhwahl komplett vergriffen – und landete so mehrfach auf dem Hosenboden.

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Doch der wenig standhafte Castro, der sich in den ersten zwanzig Minuten obendrein mehrere Stellungs- und Passfehler leistete, er arbeitete sich mit wachsender Spielzeit kontinuierlich aus seinem Tief heraus. „Von Minute zu Minute ist mehr Energie und Selbstvertrauen in die Mannschaft geflossen“, sagte der VfB-Interimstrainer Nico Willig: „Letztlich haben wir richtig Power auf den Platz gekriegt.“

Der höchste Saisonsieg der Saison

Und so war es auch kein Wunder, dass Gonzalo Castro mit seinem zweifach abgefälschten Billardtor an den Innenpfosten des Wölfe-Kastens für die erlösende 1:0-Führung des VfB sorgte. Der Grundstein für die beste Saisonleistung der Cannstatter war damit gelegt, denn Anastasios Donis (55.) und Daniel Didavi (83.) schossen mit ihren Treffern den wichtigen Sieg in dieser so ernüchternden Spielzeit heraus. Klar ist damit, dass der VfB den direkten Abstieg verhindert hat. Bereits vor der letzten Partie am nächsten Samstag (15.30 Uhr) auf Schalke ist Platz 16 fix.

Das Team um den Kapitän Christian Gentner trifft also in den Relegationsspielen um den Klassenverbleib am Donnerstag, 23. Mai, zu Hause sowie am Montag, 27. Mai auswärts auf den Dritten der Zweiten Bundesliga. „Wir haben 27 Punkte jetzt, da darfst du normal nicht in der Liga bleiben“, sagt Christian Gentner, der zurück in der Startelf ein gutes Spiel machte: „Wir bekommen die Chance geschenkt mit der Relegation.“ Seit der Wiedereinführung der Relegation im Jahr 2009 hatte in acht von zehn Fällen der Erstligist die Nase vorne.

Mehr Mut zur Offensive

Die Stuttgarter sind nun offenbar zur rechten Zeit aufgewacht – und wollen in einer von zögerlichem Defensivfußball geprägten Saison mit massenhaft 0:1-Rückständen zumindest in den beiden Entscheidungsspielen das Heft des Handelns wie gegen die diesmal ihrerseits reichlich destruktiven Wolfsburger in die Hand nehmen. Mehr Mut zur Offensive – dies ist auch eine Herangehensweise, die der neue Cheftrainer vorgibt.

„Es war ganz wichtig, dass der Impuls gesetzt wurde“, sagt Gentner über den Trainerwechsel: „Die drei Wochen, die wir mit Nico Willig arbeiten, waren hervorragend.“ Tatsächlich hat Willig, der sich als Newcomer auf der Showbühne Bundesliga auch abseits des Spielfeldes in Interviews beachtlich schlägt, vor allem intern den richtigen Nerv getroffen. Taktisch lag Willig richtig, indem er einerseits auf Stabilität in der Viererkette um die drei Könner Ozan Kabak, Marc Oliver Kempf und Benjamin Pavard setzte; zudem stimmte die Tempo-Komponente mit Nicolas Gonzalez, der ein klasse Spiel machte, und mit Anastasios Donis, der sich nach schwachem Beginn wie der Kollege Castro steigerte. Die Effektivität vor dem Tor war ebenfalls da: Ohne Mario Gomez, der 90 Minuten auf der Bank saß, und ohne den fälligen Elfmeter, den der Schiedsrichter Felix Brych dem VfB nach einem Foul an Gonzalez zu Unrecht verweigerte, gelangen dem Team drei Tore.

Akolo wird zum Aktivposten

Zudem erreicht Willig, dessen Vater Psychologe ist, auch die Köpfe seiner Profis. Bestes Beispiel hierfür ist Chadrac Akolo. Wochenlang war der Kongolese, der zuvor seine Einsatzchancen durch einige nervöse Auftritte ungenutzt ließ, komplett abgemeldet. Gegen Wolfsburg nun zählte Akolo zu den Aktivposten – und erntete bei seiner Auswechslung (76.) anerkennenden Applaus. „Es ist Qualität in der Mannschaft“, resümierte Thomas Hitzlsperger nach einer Leistung, die viele dem Team so gar nicht mehr zugetraut hätten. Doch der VfB-Sportvorstand schob nach: „Die Frage ist nur, wann kommt diese Qualität zum Vorschein.“

Denn unter dem Strich – das haben auch die drei Spiele (zwei Siege, eine Niederlage) unter Nico Willig gezeigt – bleibt der VfB eine launische Diva. Zudem köcheln teamintern ein paar Unruheherde: „Es gibt ein paar Dinge, die passen mir nicht – die gehen mir auch ein bisschen auf den Sack“, sagt Christian Genter, der nicht konkreter werden will. Geht es also um seine persönliche Zukunft – oder um die Einstellung einiger Kollegen?

Der VfB hat mit dem Sieg über Wolfsburg also etwas fürs Selbstvertrauen getan. Mehr aber auch nicht.

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