Warum agierte Winfried Kretschmann nicht systemkritischer? Sein Freund Lukas Beckmann glaubt den Grund zu kennen: die kommunistische Vergangenheit des Grünen.
Je näher das Ende von Winfried Kretschmanns Amtszeit rückt, desto mehr wird Rückschau gehalten – mehr von anderen als von ihm selbst. Einen ganz besonderen Blick auf seine Jahre als Ministerpräsident warf kürzlich ein alter Weggefährte: Lukas Beckmann (75), einer der Mitgründer der Grünen. In einem langen Interview des „Zeit-Magazins“ zur Lage der Grünen stimmte er zwar auch die üblichen Lobeshymnen auf den ersten grünen „MP“ an. An dessen Erfolg sehe man, wie wichtig die kulturelle Verankerung in Baden-Württemberg sei. Aber Beckmann formulierte auch eine gewisse Enttäuschung: Sein Freund Winfried „hätte es sich leisten können, auch systemkritischer zu sein“; in der ökologischen Krise gehe es schließlich um sehr grundsätzliche Fragen.
Die Politik des Gehörtwerdens – radikal?
Es folgte eine interessante Erklärung für den Kurs der Mitte: Kretschmann werde von seiner kommunistischen Vergangenheit „blockiert“, die er stets als Phase der Verirrung darstellt. Er wolle „auf keinen Fall wieder mit dem alten Selbstbild konfrontiert werden, auf keinen Fall mehr extrem sein“. Wie sieht der Premier das selbst? Hat Beckmann Recht? Er kenne das Interview gar nicht, erwiderte er vor der Landespresse. Der neben ihm sitzende Finanzminister Danyal Bayaz hatte es – wie viele Grüne – sehr wohl gelesen. „Ich wollte dir das schicken“, flachste er, habe es dann aber als bekannt vorausgesetzt. Nach der Lektüre gab es von Kretschmann doch noch einen Kommentar. „Ich glaube, mein alter Freund Lukas Beckmann irrt in dieser Frage oder ist zu weit weg.“ Mit der Politik des Gehörtwerdens habe man „das Verhältnis der Bürger zum Staat radikal verändert“. „Da waren wir systemkritisch und nachweislich erfolgreich.“ Sonst gebe es aber keinen Dissens: „Klar in den Zielen, offen in den Wegen“ – er teile das „Vertrauen in die Urteilskraft der Menschen“.