Eine Chance, im Bundestag mitzureden, haben nur Eberhard Gienger (CDU, Mitte) und Marc Jongen von der AfD (rechts). Marcel Distl, der Kandidat der FDP (links), will auch ohne Mandat politisch aktiv bleiben. Foto: KS-Images.de

Im Wahlkreis Neckar-Zaber gilt der ehemalige Turnweltmeister Eberhard Gienger (CDU) als direkt gewählter Abgeordneter als gesetzt. Wohl nur Marc Jongen (AfD) hat am Sonntag noch eine Chance auf ein Mandat im Bundestag.

Bietigheim-Bissingen - Die Sozialdemokraten tun sich im Wahlkampf-Finale schwer mit positiven Schlagzeilen. Da hat es dem 28-jährigen Bankangestellten Thomas Utz als SPD-Kandidat sichtbar gut getan, dass er in einer Podiumsdiskussion von einem Rhetorikexperten als bester Redner tituliert wurde. Der junge Bewerber hat einen engagierten Wahlkampf hinter sich und sagt selbstbewusst: „Ich kämpfe bis zum Schluss für ein Direktmandat.“ Etwas anderes bleibt ihm auch nicht übrig. Denn eine Chance, über die Landesliste ein Bundestagsmandat zu bekommen, hat er nur dann, wenn die SPD ein Ergebnis wie Willy Brandt 1972 einfährt.

Utz hat einen bürgernahen Wahlkampf mit wenigen Großveranstaltungen, aber mit vielen Dialogen geführt. Er fühlt sich motiviert, berichtet von gut 100 Neueintritten in die Kreis-SPD – und wird dennoch am Wahltag keine Chance gegen den Platzhirsch haben, den ehemaligen Turnweltmeister und Olympiadritten Eberhard Gienger. So bekennt Utz: „Am Montag werde ich erst einmal ausschlafen, dann geht es zwei Wochen in den Urlaub.“

Eberhard Gienger wird wohl zum fünften Mal siegen

Der 66-jährige Gienger hingegen dürfte dann wohl zum fünften Mal in Folge seit 2002 den Wahlkreis erobert haben. „Die 53,2 Prozent vom letzten Mal werde ich nicht mehr schaffen“, sagt er aber, weil die AfD Wählerstimmen kosten werde. „Es bleibt spannend, viele entscheiden sich erst in den letzten Tagen“, sagt Gienger. Doch das Direktmandat ist ihm sicher. Viel Prominenz hat er zu seiner Unterstützung im Wahlkampf aufgeboten, von Wolfgang Bosbach über Thomas de Maizère, Wolfgang Schäuble, Julia Klöckner bis zu Peter Altmeier. Zwei Mal lotste der Ludwigsburger Kandidat Steffen Bilger indes CDU-Granden in seinen Wahlkreis.

Gienger wird’s verschmerzen können. Eher bewegt hat ihn die „Schärfe einiger Fragesteller“, die in Veranstaltungen eigentlich nur Dampf ablassen wollten. Im neuen Bundestag möchte Gienger wieder in den Sportauschuss, sich für eine tägliche Bewegungseinheit an Schulen oder die Reform des Deutschen Olympischen Sportbundes einsetzen. Aller Voraussicht nach wird er auf dem Weg nach Berlin vom AfD-Politiker Marc Jongen (49) begleitet, der auf Platz drei der Landesliste seiner Partei steht. Er gilt als Vordenker und Intellektueller und tritt eher gemäßigt auf.

„In Ludwigsburg wurden unsere Plakate massiv zerstört, im Wahlkreis Neckar-Zaber nur ganz wenig“, sagt Jongen. Eine Veranstaltung mit dem AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland nennt er als Wahlkampfhöhepunkt. Im Bundestag will er sich neben den vielen AfD-Promis, die es voraussichtlich in die Fraktion schaffen, auf Bildungspolitik und „Kritik an Ideologien“ konzentrieren. Auch hofft er, dass die Machtkämpfe zwischen den Parteiflügeln nach der Wahl nicht erneut ausbrechen.

Nur CDU und AfD haben Chancen auf ein Mandat

Alle anderen Bewerber kämpfen um die Ehre oder für ihre Partei, je nach Sichtweise. Etwa Catherine Kern, die Grünen-Bewerberin, die eigentlich im Hohenlohekreis wohnt und dort bei der Landtagswahl 2016 fast ein Mandat errungen hätte. In den Bundestag komme sie nur, „wenn es sehr, sehr gut läuft“, sagt die gebürtige Britin, die während des Studiums schon die konservative Politik von Margaret Thatcher kritisiert hat.

Am Mittwoch wurde Kern von Ministerpräsident Winfried Kretschmann durch einen Firmenbesuch bei Bär Schuhe unterstützt. Ein Höhepunkt für sie war eine Podiumsdiskussion im Berufsschulzentrum Bietigheim – die von Schülern organisiert wurde: „Das hat richtig Spaß gemacht.“ Die Stimmung bei den Grünen sei besser als die Umfragen, eine Jamaika-Koalition mit CDU und FDP nach der Wahl kann sie sich schwer vorstellen. Nach dem 24. September hat sie erst mal genug vom Wahlkampf: „Ich war seit 2015 durchgehend im Einsatz.“ Noch mal kandidieren will die 55-Jährige daher nicht. Das gilt vermutlich auch für Walter Kubach, den Bewerber der Linken, ein Urgestein der Partei, der schon die Vorläuferpartei WASG als Protest gegen Gerhard Schröders Agenda 2010 mit begründet hat. Ihn hat die „Hetze gegen Fremdländische“ im Wahlkampf am meisten erschreckt, da hat der streitbare ehemalige Betriebsrat kräftig dagegen gehalten. Immerhin war der Linken-Chef Bernd Riexinger zu seiner Unterstützung da.

Walter Kubach verzichtet auf einen Listenplatz

Kubach hat auf einen Listenplatz verzichtet – zu Gunsten des Ludwigsburger Kandidaten Peter Schimke. Für beide war kein Platz. So will sich der 62-Jährige nach der Wahl gleich in den nächsten Wahlkampf stürzen – den für die Kommunalwahl. Kubach sitzt im Kreistag und will für die Freiberger Gemeinderatswahl eine Liste zusammen trommeln – politisch bleibt er auch ohne Mandat aktiv.

Das gilt auch für den jüngsten Bewerber, den FDP-Mann Marcel Distl. Listenplatz 34 reicht trotz Lindner-Hype nicht für Berlin. Seine Stimmung und Motivation ist trotzdem riesig. Der 24-Jährige will nach der Wahl sein Studium in Würzburg fortsetzen – und erneut als Vizechef der Kreisliberalen kandidieren. „Vor vier Jahren waren wir noch verpönt, jetzt strömen die Leute zu uns“, sagt er erfreut.

Weitere Kandidaten und Fakten zum Wahlkreis Neckar-Zaber

Kleine Parteien
Außer den Bewerbern der fünf großen Parteien ist noch die Freie-Wähler-Partei mit Harald Kubitzki mit einem Direktkandidaten vertreten. Die Liste streitet sich mit den „kommunalen“ Freien Wählern um den Namen und hat nur wenig Anhänger. Auch die Marxistisch-Leninistische Partei (MLPD) ist mit Siegmar Herrlinger auf dem Wahlzettel für die Erststimme zu finden. Beide Parteien haben bislang nur wenig Prozente eingefahren.

Wahlkreis Seit 1980 existiert der Wahlkreis Neckar-Zaber, der 39 Städte und Gemeinden umfasst. Bei der vergangenen Bundestagswahl erreichte die CDU 45,3 Prozent der Zweitstimmen, die SPD 21 Prozent. Bei den Erststimmen lag der SPD-Kandidat Thorsten Majer fast 27 Prozentpunkte hinter Eberhard Gienger. Die SPD stellte nur einmal den Direktkandidaten: Das war 1998 Hans-Martin Bury, beim Sieg von Gerhard Schröder.

Zahlen Insgesamt wohnen in dem Wahlkreis rund 224 000 Wahlberechtigte, bei der vergangenen Bundestagswahl 2013 lag die Wahlbeteiligung bei 77,8 Prozent.

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