Sie bringen an diesem Samstag bei der Stuttgartnacht die Domkirche St. Eberhard zum Klingen: Benjamin Grau , Jonas Schwall, Grischa Kursawe, David Hill und Frank Simper (von links). Falls Sie noch unschlüssig sind - in der Fotostrecke finden Sie Impressionen von der vergangenen Stuttgartnacht. Foto: Leif Piechowski

Die Domkirche St. Eberhard ist ein Raum der Stille inmitten der City. Musikdesign-Studenten aus Trossingen haben diese Stille vertont und präsentieren nun erstmals ihre Raumklang-Experimente.

Stuttgart - Die fünf jungen Männer sind Studenten an der Musikhochschule in Trossingen. Und so lautet die Frage, die ihnen am häufigsten gestellt wird: „Was spielst du denn?“ „Computer“, sei dann ihre – den Fragenden meist verblüffende – Antwort, sagt Benjamin Grau.

Das Laptop als Musikinstrument – das sei im Studiengang Musikdesign an der Musikhochschule Trossingen „voll anerkannt“. Benjamin Grau (25), Jonas Schwall (22), Grischa Kursawe (27), David Hill (22) und Frank Simper (27) sind dort im dritten Semester eingeschrieben. „Was ist das eigentlich, Musikdesign?“, das ist die Frage, die ihnen am zweithäufigsten gestellt wird.

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Am besten lässt sich dies vielleicht über das erklären, was Musikdesigner alles zuwege bringen: Sie erstellen etwa Audioguides für Museen, gestalten Hörspiele, führen Tonregie und machen die Klanggestaltung für Videospiele und Computeranwendungen sowie für Werbefilme oder Radio- und Fernsehproduktionen. „Musikdesign ist keine Schublade, in die man uns stecken kann, sondern eine ganze Kommode“, sagt Grau.

Das beweisen die fünf Studenten auch bei ihrem Raumklang-Konzept „Sound – Silence – Space“ in der katholischen Domkirche St. Eberhard, das sie an der Stuttgartnacht an diesem Samstag aufführen. Darin führen sie fünf verschiedene Performances auf, die die ganze Bandbreite und Vielschichtigkeit des Studiums zeigen.

Aber zurück auf Los: Wie verschlägt es fünf Studenten aus Trossingen in die Domkirche St. Eberhard in Stuttgart? Landflucht? Keinesfalls: „Wir wurden angefragt, ob wir bei der Stuttgartnacht die Domkirche bespielen wollen“, sagt Jonas Schwall. Bereits Mitte April trafen sich die Studenten mit dem Domkapellmeister Martin Dücker in der Domkirche. Im Gespräch habe dieser gesagt, dass er die Stille als das Markenzeichen dieses Orts empfinde – besonders im Kontrast zu dem Lärm der Großstadt und der belebten Innenstadt. „Diesen Ansatz fanden wir spannend“, sagt David Hill. Denn als Tonschaffende mit dem Thema Stille konfrontiert zu werden, stellt diese vor das Problem, einen Widerspruch aufzulösen. Wobei es nur ein scheinbarer ist: Denn „jeder Raum hat einen Raumklang, der von seinen Abmessungen bedingt ist“, sagt Frank Simper. „Stille ist von daher nie absolut“, fügt Grischa Kursawe an.

Kann man aus einem Raum ein Musikinstrument machen?

Bei der Beschäftigung mit der Stille merkten die Studenten, dass diese nicht immer beschaulich ist, sondern oft auch negativ besetzt ist: Da gibt es etwa die peinliche Stille in Gesprächen, die Stille bei Todesfällen oder bei Nahtoderfahrungen. „Wir haben recherchiert und mit Betroffenen gesprochen“, sagt Jonas Schwall.

So trugen die Studenten Gedanken und Rechercheergebnisse zusammen, um sie zusammen mit ihrem Projektleiter Sebastian Bartmann, der aus dem Bereich klassische Musik kommt und sich auf Kompositionen und Performances spezialisiert hat, zu einem Konzept auszuarbeiten. Dieses sollte diese nicht ganz leicht zu verstehende Theorie in verständliche Praxis übersetzen.

Die das Publikum durchaus mit einbezieht: Um zu erproben, ob man aus einem Raum ein Musikinstrument machen kann, dürfen die Gäste in die Hände klatschen. Dieses Ausgangssignal wird aufgenommen, dann eingespielt und danach wieder aufgenommen. So entsteht nach einer Weile eine Klangfläche. „Physikalisch betrachtet würde ein Raum so klingen, wenn es keine Luftreibung geben würde“, sagt Benjamin Grau.

Mit diesem Raumklang beschäftigen sich fast alle der fünf Performances, aber mit völlig verschiedenen Mitteln: textlichen, lyrischen, musikalischen und visuellen. Es gibt ein Hörspielklangstück, einen Popsong, eine Orgelimprovisation sowie ein Sopransaxofon mit Raumklang – und eine Überraschung. Die – soviel sei verraten – nicht vom Computer kommt, sondern aus der Kehle.

Aufführungen in der Domkirche St. Eberhard, Königstraße 7, stündlich von 20.30 bis 23.30 Uhr.

Infos zur Stuttgartnacht

Am 19. Oktober ist Stuttgartnacht, gestaltet vom Stadtmagazin „Lift“. Von 19 bis 2 Uhr geht es mit Shuttle-Bussen in alle vier Himmelsrichtungen zu den Kulturhighlights der Stadt: 70 Veranstaltungsorte bieten Einblicke und Live-Programme aus Theater, Tanz, Artistik, Musik, Film und Literatur.Bei der Stuttgartnacht kann man in das riesige Kulturangebot der Stadt eintauchen.

Eine Auswahl: Auf der schwimmenden Bühne des Theaterschiffs wagen Nici Neiss und Markus Kapp einen bitterbösen Georg-Kreisler- Kabarettabend, während Thorsten Strotmann in seiner Magic Lounge verzaubert.

Bevor im Friedrichsbau der letzte Vorhang für die Varieté-Truppe fällt, zeigen die Artisten mit Magic Vampires – einer Show mit besonderem Biss –, warum sie aus der Stuttgarter Kulturlandschaft nicht mehr wegzudenken sind.

Lokstoff, das Theater im öffentlichen Raum, bespielt die Stadtbibliothek. Bei der Geisterführung ist Gänsehaut garantiert. Auf der Sternwarte lässt sich nach den Sternen greifen, im Kosmos Verlag steigt die Lange Spielenacht, das Haus des Dokumentarfilms zeigt unter dem Motto „Dok Open 1.0“ preisgekrönte Filme.

Tickets für die Stuttgartnacht gibt es im Vorverkauf und an der Abendkasse bei vielen beteiligten Häusern, allen Vorverkaufsstellen in Stuttgart und der Region, online unter www.stuttgartnacht.de oder über die Ticket-Hotline 07 11/6 01 54 44.

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