Die berühmte Zypressenallee nach Bolgheri Foto: pgt

Mal kurz Seeluft schnuppern an der etruskischen Küste? Der kleine Ort Marina di Bibbona ist dafür bestens geeignet. Und ein guter Stützpunkt für Ausflüge ins Landesinnere.

Wenn man einem Außerirdischen, der sich für ein, zwei Tage auf die Erde verirrt, den Reiz der Toskana geballt vermitteln sollte, dann könnte man ihn nach Marina di Bibbona lotsen. Das liegt ungefähr in der Mitte zwischen Livorno und Piombino. In dem Badeörtchen ist nicht viel mehr als Strand, Meer und Pinien. Die Wellen des Tyrrhenischen Meeres treffen auf die etruskische Küste.

 

Sie heißt so, weil hier vor etwa 3000 Jahren die Etrusker zu Hause waren, ein antikes Volk, über das man immerhin mehr weiß als über Außerirdische. Aber das noch viele Geheimnisse umgibt. Und das würde dem außerirdischen Gast vielleicht gefallen.

Mit dem E-Bike über die Zypressenallee

Man könnte in einer Bar am Strand von der markanten Kunst der Etrusker schwärmen, während die Sonne über dem Tyrrhenischen Meer versinkt und man einen der vielen berühmten Weine trinkt, die in der Umgebung produziert werden. Wenn das Wetter passt, kann man bis nach Elba gucken.

Am nächsten Morgen würde man sich aufs Fahrrad setzen, praktischerweise auf eines der Elektroräder, die man in Marina di Bibbona zum Beispiel im Park Hotel Marinetta ausleihen kann, und würde auf der Via Aurelia gut vier Kilometer ins Landesinnere fahren, bis man auf die Allee nach Bolgheri einbiegt. Und dann könnte man zusammen staunen: die schnurgerade Allee ist auf einer Länge von fast fünf Kilometern gesäumt von den typisch toskanischen Zypressen.

Die etruskische Küste zwischen Livorno und Piombino Foto: Lange

Literaturnobelpreis-Träger Giosuè Carducci (1835-1907), der als Kind in Bolgheri lebte, dichtete: „Hoch und aufrecht gehen die Zypressen in doppelter Reihe von San Guido nach Bolg heri, wie riesige Jungen, fast rennend, eilen sie mir entgegen, um nach mir zu sehen.“

Angeblich sind es genau 2540 Zypressen. „Manche sind auch krank“ , ruft Reiseführerin Monica Cerrai besorgt dazwischen. Das fällt aber kaum auf und trübt den Anblick nicht. Es ist die vermutlich meist fotografierte Zypressenallee Italiens, also der ganzen Welt. Kein Film aus der Toskana, kein Bildband ohne diese Zypressenallee.

Angesichts dieser Berühmtheit ist gerade nicht viel los. Man kann recht gemütlich mit dem Rad weiterfahren. Der größte Auftrieb auf der Viale dei Cipressi ist jedes Jahr im Oktober, wenn die Bauern der Gegend zur „Cena dei Mille“ einladen, dem Mahl der Tausend. Eine Art Erntedankfest für alle. Auf der Straße stehen dann unzählige gedeckte Tische, es gibt Wein und Oliven, Trüffel und Wildschweinsalami und all das, was sonst besonders schmackhaft ist aus dieser Ecke Italiens.

Heimat der berühmten Supertoskaner

Jetzt ist aber nicht Oktober, deshalb geht es weiter mit dem Fahrrad auf der Allee bis nach Bolgheri. Die Einfahrt in das wie hingemalte Örtchen erfolgt durchs Stadttor, über dem sich ein mittelalterliches Zwitterwesen aus Schloss und Burg erhebt: das Castello di Bolgheri. Es ist nicht nur markantes Eingangstor, sondern auch das älteste Weingut der Region.

Der Weinbau ist der wichtigste Wirtschaftszweig hier. Bis in die 60er-Jahre war die Gegend ein weißer Fleck auf der Weinkarte Italiens. Heute entstehen im Gemeindegebiet Weine von Weltruf wie der Sassicaia, der das Marktsegment der sogenannten Supertoskaner mitbegründete. Die meisten Winzer bieten Besichtigungen und Verkostungen an. Wer es dafür zu eilig hat, sollte in der Gelateria am Largo Nonna Lucia wenigstens ein gutes Eis essen, bevor es weitergeht.

Der englische Schriftsteller D. H. Lawrence („Lady Chatterley“), der vor knapp 100 Jahren die Gegend bereiste und der das Italien seiner Zeit unter Diktator Benito Mussolini eher distanziert schildert, war ein Fan alles Etruskischen: „Die Etrusker“, schrieb er, „scheinen instinktiv das aufrichtige Verlangen gehabt zu haben, die natürliche Stimmung des Lebens zu bewahren.“ Das war, bevor die alten Römer mit ihrem imperialistischen Anspruch die Gegend und alles Etruskische sich ei nverleibten.

Von diesem Geist der Etrusker, wie Lawrence ihn beschreibt, ist möglicherweise im Selbstverständnis der heutigen Bewohner noch etwas erhalten. Nadia Cerabona, Booking-Managerin im Hotel Marinetta, die in Bad Wildbad als Tochter eines Gastronomen aufgewachsen ist, sieht es so: „Im Vergleich zur Versilia zum Beispiel mit ihren vornehmen Badeorten wie Forte dei Marmi sind wir an der etruskischen Küste familiärer. Es ist nicht so überlaufen, unsere Gäste essen, was wir essen, treffen Einheimische am Strand, haben authentische Erlebnisse.“

Im Zentrum von Volterra Foto: pgt

Das berühmteste Zeugnis etruskischer Kunst ist die Ombra della sera (deutsch: Abendschatten), eine bronzene Votivstatuette aus dem 3. Jahrhundert vor Christus. Eine knapp 60 Zentimeter hohe Figur, ein freundlich lächelnder Jüngling, in die Länge gezogen (wie der Abendschatten), dadurch fadendünn und filigran. Die Figur steht heute im Museum Etrusco Guarnacci in Volterra – und sieht aus wie das Vorbild für die Skulpturen, mit denen der Schweizer Maler und Bildhauer Alberto Giacometti (1901-1966) über 2000 Jahre später weltberühmt wurde. Dass die Ombra della sera nicht nur modern wirkt, sondern auch etwas außerirdisch, nimmt unseren Besucher aus dem All noch mehr ein für Etrurien.

Volterra, knapp 10 000 Einwohner und 40 Kilometer landeinwärts gelegen, ist etwas zu weit für Hobby-Radler, zumal es am Ende in Serpentinen steil bergauf geht. Deshalb nehmen wir das Auto nach Volterra. Vom Meer braucht man etwa 50 Minuten. Und findet in Volterra alles, was das Leben in Italien auch sonst lebenswert macht: Romantische Gassen, imposante Palazzi, schöne mittelalterliche Plätze, inspirierende Gasthäuser.

Ein Herz aus Alabaster

Nebenbei ist Volterra die Alabasterhauptstadt. Allerorten finden sich Alabaster-Werkstätten und Shops, die Skulpturen, Vasen, Lampenschirme und alles sonst Erdenkliche aus dem seidig glänzenden Material verkaufen. Ein bisschen Kitsch, ein bisschen Kunst. Alabaster ist leicht durchscheinend, billiger als Marmor und weicher, lässt sich deshalb gut bearbeiten. Dass gerade hier große Vorkommen von Alabaster lagern, ist kein Zufall: Vor Millionen von Jahren stand die Gegend komplett unter Wasser. Alabaster ist konzentriertes Kalziumsulfat aus dem Meerwasser, eine Art Gips, das nach der Verdunstung des Wassers übrig bleibt. Die Auslagerungen, die sogenannten Alabastereier, werden rund um Volterra abgebaut.

Am Ende kauft unser außerirdischer Besucher sich für fünf Euro ein kleines Herz aus Alabaster, lächelt freundlich wie sein original etruskischer Kompagnon und versichert, bevor er in sein Raumschiff steigt, dass er das nächste Mal länger bleibt.

Etruskische Küste

Anreise
 Ab Stuttgart zum Beispiel mit Swiss Air über Zürich nach Florenz, www.swiss.com . Direktflüge ab München mit Air Dolomiti, www.airdolomiti.de . Mit dem Zug ist man ca. 18 Stunden unterwegs. Mit dem Auto braucht man von Stuttgart aus für die gut 850 Kilometer nach Marina di Bibbona rund zehn Stunden.

Unterkunft
 Das Park Hotel Marinetta ist ein 4-Sterne-Hotel in Marina di Bibbona. Die weitläufige Anlage befindet sich direkt am Meer mit Privatstrand und Pinienwald. Sehr ambitioniertes gastronomisches Angebot mit vier Restaurants und drei Bars, außerdem zwei Pools und Spa. Doppelzimmer mit Frühstück ab 165 Euro, www.hotelmarinetta.it . Das Antico Podere San Francesco ist ein Relais in Rosignano Marittimo, zum Strand sind es mit dem Auto fünf Minuten. Die Anlage, entstanden aus einem ehemaligen Landgut, verfügt über 34 Ein- bis Drei-Zimmer-Apartments mit eigener Küche und hat einen großen Pool. Frühstück gibt’s am Büffet. Apartment für zwei Personen ab 89 Euro pro Nacht, www.agriturismo-sanfrancesco.com .

Aktivitäten
Von Marina die Bibbona lassen sich viele berühmte Weingüter bequem bei Radausflügen besuchen wie Tenuta San Guido, Tenuta dell’Ornellaia oder Campo alle Comete, alle in Bolgheri. Außer Bolgheri sind auch der Hauptort Bibbona und das Dorf Casale Marittimo einen Besuch wert, die sich ihren ursprünglichen toskanischen Charme bewahrt haben.

Essen und Trinken
La Carabaccia ist ein bodenständiges toskanisches Restaurant mit täglich wechselndem Menü in Volterra, in das sich nicht nur Touristen verirren. Hauptgerichte 20 bis 30 Euro, www.instagram.com/explore/locations/287825951/la-carabaccia-volterra/.

Allgemeine Informationen
www.visittuscany.com