Eine gute Lebensqualität für die Vaihinger, das hat für Uwe Skrzypek Priorität Foto: Jürgen Bach

Uwe Skrzypek tritt am 1. September sein Amt als OB von Vaihingen an – und will vor allem das Miteinander fördern und den Gemeinsinn in der Stadt schärfen. Da gibt es Nachholbedarf.

Im zweiten Wahlgang hat Uwe Skrzypek die Oberbürgermeisterwahl am 24. Juli für sich entschieden. Der ehemalige Daimlermanager wechselt aus der Wirtschaft in die Kommunalpolitik und will vor allem das Miteinander in der Stadt stärken.

 

Herr Skrzypek, es wird ernst. Freizeit ade. Mit welchen Gefühlen gehen Sie am 1. September an den Start?

Mit großer Vorfreude auf das, was kommt.

Gibt es gar keine Nervosität?

Doch natürlich, aber die Vorfreude überwiegt. Ich habe mir so viele theoretische Gedanken gemacht und finde es jetzt schön, dass es konkret wird. Die ganze Wahlbewerbung ist ja immer im Konjunktiv. Man müsste, man sollte, man könnte.

Wie haben Sie die etwas mehr als fünf Wochen seit dem Wahlsieg verbracht? Nimmt man da eine ganz bewusste Auszeit, um den Kopf frei zu bekommen? Oder ist man schon ganz tief drin in den Vaihinger Themen?

Wir haben am Montagmorgen die Fähre von Dover nach Calais genommen. Die letzten zwei Wochen waren noch mal richtig entspannend. Ich fühle mich gut vorbereitet.

Wie voll ist denn der Terminkalender schon?

Der Kalender ist mit Regelterminen schon ordentlich gefüllt. Auch an den Wochenenden.

Was wird denn der erste große öffentliche Termin sein?

Es ist eine Summe schöner Aufgaben. Es steht zum Beispiel das 1250-Jahr-Jubiläum von Horrheim an. Natürlich gehe ich da gern hin. Ebenso wie zur Einweihung des Waldorfkindergartens. Und wir haben das Straßenfest in Vaihingen vor der Brust, wo ich einen Fassanstich machen darf.

Den ersten?

Die Fünf-Liter-Fässchen beherrsche ich, die größeren Fässer – das wird sich zeigen.

Da gibt es ja auch Kurse für Bürgermeister. Haben Sie da keinen belegt?

Ich bin Handwerker, von daher halte ich mich für geschickt. Und wenn es nicht gut ausgeht, gibt es zumindest einen riesigen Spaß.

Was glauben Sie, wird für Sie als Bürgermeister die größte Herausforderung in den nächsten acht Jahren sein?

Im Wesentlichen ist das Leben miteinander das Zentrale. Wir feiern 50. Geburtstag dieser großen Kreisstadt und dass das eine Gemeinschaft von neun Teilorten ist, ist nicht immer erlebbar. Aber das halte ich für wichtig. Wenn wir den Haushalt sauber konsolidieren wollen, können wir das nicht mit einer Geisteshaltung tun, die da heißt: Jeder will alles.

Sondern?

Wir müssen uns überlegen, wie wir als Gemeinschaft Mehrwert stiften. Wie schaffen wir Integration in der Stadt?

Das Miteinander zu stärken ist eine grundsätzliche gesellschaftliche Herausforderung. Haben Sie das Gefühl, in Vaihingen ist es eine besondere?

Ich glaube schon, denn es ist ein theoretisches Konstrukt. Diese Kreisstadt ist vor 50 Jahren formiert worden, aber emotional ist es nur bedingt gelungen.

Fehlt es in Vaihingen an Gemeinsinn?

Ja, ich nehme das so wahr.

An was liegt das?

Das sind Themen, auf die man einzahlen muss. Ich möchte mal ein Bild aus dem Sport nehmen. Da kann man die Einzelakteure stärken und sagen, „du bist mein bester Mann“. Oder man kann mit einer Mannschaft immer als Mannschaft sprechen. Und ich möchte, dass wir als Mannschaft antreten, nicht als starke Einzelakteure,

Hat ihr Vorgänger das anders gemacht?

Ich war nicht Teil der Gespräche in der Umkleidekabine und weiß deshalb auch nicht, wie die Interaktion dort stattgefunden hat. Aber ich weiß, wie ich agieren möchte und ich glaube, dass sich das auszahlt.

Bleiben wir noch kurz bei Ihrem Vorgänger. Empfinden Sie die berühmten Fußstapfen von Gerd Maisch als groß?

Ich trage grundsätzlich anderes Schuhwerk. Die Größe ist nicht entscheidend.

Welches kommunalpolitische Thema hat für Sie Priorität ?

Priorität hat für mich die Lebensqualität. Alles andere ist nur Mittel zum Zweck, um sie zu stärken. Und da spielt eine Umfahrung Enzweihingen gleichauf mit einer Gartenschau. Es geht immer darum, die Lebensqualität von Menschen zu verbessen. Es geht nicht darum, eine Ortsumfahrung oder eine Gartenschau zum Selbstzweck zu machen.

Aber das sind schon die zwei Topthemen?

Eine Umfahrung steht im Kontext einer Mobilitätswende, die ein Topthema ist. Und sicher ist ein weiteres Topthema die Energiewende. Das ist die Pflicht. Die Gartenschau hingegen ist die lustvolle Kür. Daran haben wir alle Spaß. Aber es gibt andere Themen, die zwangsläufig zu lösen sind. Auch wenn sie vielleicht nicht immer Spaß machen.

Kann sich Vaihingen denn 2029 eine Kür leisten? Es gibt ja Kommunen, die etwa für die Bundesgartenschau einen Rückzieher gemacht haben.

Es gibt in Vaihingen viele Dissensthemen, bei denen man sich nicht einig ist. Es gibt ein großes Konsensthema und das ist die Gartenschau. Und das ist eine große Chance für uns – gesellschaftlich wie städtebaulich. Aber wenn wir das alles wollen, brauchen wir auch den Konsens der Haushaltsdisziplin. Wenn wir Klientelpolitik machen und sich jeder bedient, werden wir uns die Gartenschau nicht leisten können.

In gewisser Weise kein Konsensthema ist die Ortsumfahrung Enzweihingen. Können Sie die Kritik der Naturschützer, die in eine Klage mündete, verstehen? Ist der Eingriff unverhältnismäßig?

Ich glaube, bei dem Thema gibt es einen großen Konsens. Nämlich den einer absehbaren Lösung. Ich habe selbst in Mönsheim an der Durchgangsstraße gelebt, 12 000 Fahrzeuge 1,40 Meter vor der Haustüre mit einem hohen Schwerlastanteil. Ich weiß, was Verkehrsbelastung für einen persönlich bedeutet. Die B 10-Belastung in Enzweihingen ist das Doppelte und man braucht da eine Lösung. Das ist vollkommen klar.

Wie sieht die idealerweise aus?

Ich habe mir die Planung angeschaut und mir sind viele Fragezeichen geblieben.

Nämlich?

Ich sehe nicht so die naturschutzrechtlichen Fragen. Die sind de jure da und müssen geklärt werden, aber die Planung wie sie auf Papier gebracht wurde, ist aus meiner Sicht keine gute Lösung.

Warum?

Wenn das so realisiert würde, dann wäre da kaum jemand glücklich mit. Auch nicht jene, die sich die Umfahrung sehr gewünscht haben.

Wo sind die Knackpunkte?

Man hebt damit 25 000 Fahrzeuge auf eine Art Bühne, weil es im Wesentlichen ja eine Brückenkonstruktion wird, und ich glaube, dass dieses ganze Tal dann akustisch beschallt wird. Ganz Enzweihingen wird dann die B 10 im Schlafzimmer haben.

Sie würden also die Tunnelvariante wieder gern aus der Schublade holen?

Welche Varianten es gibt und welche Detaillierung die haben, will ich mir so schnell wie möglich erklären lassen. Darüber hinaus glaube ich aber, dass es eine gute Visualisierung dieser Varianten braucht, um in eine Diskussion Qualität zu bekommen.

Wie sieht für Sie denn gute Bürgerbeteiligung denn aus?

Eine Bürgerbeteiligung ist dann gut, wenn gar nicht Bürgerbeteiligung drauf steht, sondern etwas ganz Natürliches und in den Prozessen einer Kommune verankert ist – damit die Menschen vor Ort sich mitgenommen fühlen. Grundsätzlich haben wir das, denn eine wesentliche Säule ist die kommunale Demokratie, gerade auch in Gestalt der Ortschaftsräte.

Die sich aber nicht immer mitgenommen fühlen.

Das stimmt. Sie fühlen sich ein Stückweit abgehängt.

Wie kann man dies ändern?

Ich glaube, das ist auch wieder ein Frage von Kommunikation.

Ihr Vorgänger sagte, er habe die ständigen Anfeindungen satt. Wie gut sind Sie darauf vorbereitet?

Mir ist klar, dass ich an der Stelle sehr robust sein muss und die Gratwanderung wird sein, das mit einer gewissen Gelassenheit zu ertragen. Gleichzeitig aber nicht gleichgültig zu werden. Den guten Umgangston miteinander halte ich für sehr wichtig.

Sie haben nach der Wahl gesagt, Sie seien für Vaihingen eine große Herausforderung gewesen und die Bürger hätten Sie gewählt, obwohl Sie so sind wie Sie sind. Was ist denn so herausfordernd an Ihnen?

Ich habe mich in einer sehr ländlichen Region beworben und Schwäbisch sprechen ist nicht meine Kernkompetenz. Ich bin akustisch ein Fremdkörper. Das verbinden einige sehr schnell mit Arroganz. Ich mag mich nur nicht verstellen. Gleichzeitig thematisiere ich nicht in einfachen Botschaften, sondern spreche immer sehr differenziert. Auch das ist nicht leicht bekömmlich. Aber „Bild-Zeitung“ löst halt auch keine Probleme. Obwohl ich das so gemacht habe, bin ich von den Vaihingerinnen und Vaihingern gewählt worden, und das macht mir Mut. Denn das heißt, ich darf so weitermachen. Ich hab ja niemandem etwas vorgespielt. Das ist ein großes Privileg.

Der neue OB bringt auch kommunalpolitische Erfahrung mit

Mann der Wirtschaft
 Uwe Skrzypek (parteilos) hat in Hamburg, München und Los Angeles Fahrzeugbau studiert und sowohl bei Audi, als auch bei BMW und dann auch 22 Jahre bei Daimler gearbeitet. Dort trug der 51-Jährige zuletzt als Betriebsleiter des Designbereichs die Verantwortung für 250 Mitarbeiter. Am 21. Juli wurde er in Vaihingen bei der OB-Wahl im zweiten Durchgang mit 52,35 Prozent zum Nachfolger von Gerd Maisch gewählt. Vor Matthias Beck mit 45,32 Prozent.

Fan des Fahrrads
 Der dreifache Familienvater hat kommunalpolitische Erfahrung in Mönsheim (Enzkreis) als Gemeinderat gesammelt. Dort hat er auch eine Schäfereigemeinschaft gegründet. In Karlsruhe war er eine Zeit lang ehrenamtlicher Richter. Zudem ist der neue OB begeisterter Radfahrer und hat die BMX-Union, einen Zusammenschluss von 14 Vereinen, gegründet, mit dem die Bahn in Stuttgart-Münster realisiert werden konnte.