Foto: Patricia Sigerist

Der Vorwurf der sexuellen Nötigung in der Nähe des Fellbacher Bowling-Centers ist nicht haltbar.

Waiblingen - Wie energisch muss ein „Nein“ sein, damit es als Ablehnung akzeptiert wird? War es dem Angeklagten klar, dass er die junge Frau gegen ihren Willen befummelte? Um diese und andere Fragen ging es kürzlich in der Verhandlung wegen sexueller Nötigung im Amtsgericht Waiblingen.

Das Besondere an diesem Fall war, dass der Angeklagte, der 1994 in Serbien geboren wurde, 2010 nach Deutschland zog und keinen Beruf hat, jedes weitere Klischeedenken sprengte. Miroslav Branco (alle Namen geändert) ist Stürmer in einer Fußball-Kreisliga-Mannschaft, raucht, trinkt und kifft nicht, wohnt bei seinen Eltern in Waiblingen, hat so gut Deutsch gelernt, dass er vor einer Ausbildung als Maler steht, und schilderte – zum Teil unter Tränen – die Geschehnisse vom 17. Oktober vergangenen Jahres äußerst glaubhaft.

Der Staatsanwalt hatte dem 22-Jährigen vorgeworfen, die 16-jährige Paula Müller vor einem Fellbacher Bowling-Center gegen deren Willen umarmt, getätschelt und geküsst zu haben. Das Gleiche soll er auch noch auf der Fahrt im Auto zum und neben einer Bushaltestelle im Wohnort des Opfers, Allmersbach im Tal, getan haben.

Miroslav Branco schilderte den Vorfall vor Gericht schlüssig

Miroslav Branco schilderte vor Gericht schlüssig, wie sein Kumpel und er Paula Müller und deren Freundin in dem Center angesprochen hatten und wie es zu Gesprächen und dem Austausch der Telefonnummern kam. Bei einer Rauchpause auf dem dortigen Parkdeck sei er mit der 16-Jährigen etwas zur Seite gegangen, und sie hätten „gekuschelt“, wie es der Freund als Zeuge schildert.

Paula Müller erklärte ihm dann zwar, dass sie das nicht wolle und einen Freund habe, doch die Signale waren für den Angeklagten wohl nicht eindeutig genug: „Sonst hätte ich doch mit meinem Kumpel weiter Billard gespielt.“ Allerdings sah er sein Fehlverhalten bei den weiteren beiden Attacken ein und entschuldigte sich für sein Handeln.

Jedenfalls fuhr Miroslav Branco samt Kumpel die beiden jungen Frauen in Papas Auto zu ihrem Wohnort – mit Paula Müller auf dem Beifahrersitz und den anderen beiden dahinter. Der Freund startete dort zwar eine Annäherung, verstand aber schnell, dass dies nicht erwünscht war, und hörte auf. Die beiden vorne hätten bei der Fahrt jedoch einträchtig Händchen gehalten, erklärte der 25-Jährige vor Gericht.

Paula Müller sagte dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus und konnte dem Gericht nicht wirklich erklären, warum sie die Annäherung nicht energischer unterbunden hatte. Auch bei einer Pinkelpause vor Schwaikheim und an der heimatlichen Bushaltestelle nutzte die junge Frau nicht die Chance, den Platz mit ihrer Freundin zu tauschen oder zu fliehen. Erst nachdem Miroslav Branco sie ein drittes Mal belästigt hatte, sie ausgestiegen und das Männer-Duo davongefahren war, offenbarte sie ihrer Freundin ihren Widerwillen.

Die beiden Zeugen können wenig zur Aufklärung beitragen

Die beiden Zeugen konnten wenig zur Aufklärung beitragen, Amtsrichter Luippold biss sich bei der Befragung fast die Zähne aus. Denn außer „ich weiß nicht“ und „ich kann mich nicht erinnern“ bekam er wenig erhellende Aussagen. Deshalb war der Vorwurf der sexuellen Nötigung nicht haltbar (siehe Hintergrund).

Letztendlich gingen Staatsanwältin, Nebenklägerin und Amtsrichter davon aus, dass nur der Vorfall in Allmersbach als sexuelle Beleidigung und damit als Straftat bewertet werden konnte. Der Verteidiger sprach von einem „feinen Kerl, der Mist gebaut hat und eine auf die Finger kriegen muss“. Da der Sachverhalt laut Richter Luippold „nicht zweifelsfrei ermittelt werden konnte“ wurde der Angeklagte zu 50 Tagessätzen à 20 Euro verurteilt. Und er hat sicherlich gelernt, dass auch ein zaghaftes Nein als Ablehnung zu werten ist.

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