Neuer Anbau ans Amtsgericht Böblingen: Größtes Einzelbauprojekt der Justiz im Land Baden-Württemberg Foto: Stefanie Schlecht

Das neue Amtsgericht Böblingen feiert seine Einweihung mit Prominenz aus Justiz und Politik. Die nagelneuen Gerichtssäle befinden sich nun in einem eigenen Trakt, der kernsanierte Altbau beherbergt nur noch Büros.

Der Eintritt in Justitias heilige Hallen erfolgt über ein Rückgebäude, das früher gar nicht existierte. Umso moderner präsentiert sich dieser Ort der Rechtssprechung am gewohnten Standort im Böblinger Behördenviertel in der Steinbeisstraße zwischen Landratsamt und Industrie- und Handelskammer: Das frisch renovierte und erweiterte Amtsgericht Böblingen wurde am Montag feierlich eröffnet. Zu diesem Anlass reiste eigens die baden-württembergische Justizministerin Marion Gentges (CDU) an, ebenso Finanzstaatssekretärin Gisela Splett (Grüne).

 

Aus einem Gebäudeteil wurden also zwei, verbunden durch einen Mittelbau mit Fluren und einem verglasten Treppenhaus. Das Gebäudeensemble aus der Feder der Architekten des Stuttgarter Büros Harder Stumpfl Schramm leuchtet in hellem Alabasterweiß. Ganz wie die sprichwörtliche Unschuld, die die meisten Gäste hier für sich beanspruchen werden.

Ob und vor allem wie viel Schuld sie aber tatsächlich auf sich geladen haben, entscheidet sich in den Sälen des Rückgebäudes. Die sind technisch und baulich jetzt auf dem neuesten Stand: 78-KW-Photovoltaik-Anlage und ein begrüntes Dach sind nur zwei Beispiele dafür.

Von links: Raphaela Sonnentag (Vermögen und Bau), Gerichtsdirektor Tobias Brenner, Ministerin Marion Gentges, Staatssekretärin Gisela Splett und der zuständige Projektleiter Foto: Stefanie Schlecht

Über die neue, nach hinten versetzte Pforte auf der rechten Seite gelangen Besucher nach drinnen in ein helles Foyer aus hohen Waschbetonwänden. Der Neubau erfüllt nicht nur die aktuellen Gebäudestandards an Brandschutz, Klimatechnik und Barrierefreiheit – er schafft auch eine Trennung zwischen Zeugen und Besuchern. „Über diese neue Sicherheit bin ich besonders froh“, sagt Justizministerin Gentges. „Immer öfter kommt es für Justizangestellte zu kritischen Situationen, zu Beleidigungen und Bedrohungen.“

Zuständig für den Bau war die Landesanstalt für Vermögen und Bau, die zum Finanzministerium gehört. Sie ließ sich den Neubau fast 17,8 Millionen Euro kosten – das größte Einzelbauprojekt der Justiz in Baden-Württemberg derzeit. Finanzstaatssekretärin Gisela Splett: „In dem neu sanierten Amtsgericht Böblingen und dem ergänzenden Neubau gehen Funktionalität, Sicherheit und ökologische Verantwortung künftig Hand in Hand. Das ganze Projekt steht für ein modernes und nachhaltiges Amtsgericht.“

Neue Zuführung von Angeklagten

Eine für die Justiz wichtige Neuerung betrifft die Arrestzellen: Kommen die Angeklagten zum Zeitpunkt der Verhandlung aus der Haft, betreten sie in Handschließen den Gerichtssaal. Bis sie aufgerufen werden, haben sie in den Zellen im Keller des Gerichts zu warten. Die drei fensterlosen Räume, bei denen die Türen von innen keine Klinke haben und die Edelstahltoiletten gleich mit eingebaut sind, entstanden ebenfalls neu. Auf dem Weg in den Gerichtssaal sind sie künftig von Zeugen- und Besucherbereichen getrennt, was ein wichtiger Fortschritt sei.

Größter Gerichtssaal Nummer 13 Foto: Stefanie Schlecht

„So groß wird der Andrang nie wieder sein“, scherzt Amtsgerichts-Direktor Tobias Brenner, als sich die Prominenz ein Bild von den neuen Zellen macht. Doch auch aus anderen Gründen war ein Neubau für das Gericht unausweichlich. Einerseits aus organisatorischen Gründen: Das Amtsgericht übernahm im Zuge der Notariatsreform Aufgaben des Nachlassgerichts, wodurch der Platzbedarf stieg. Vor allem aber war es der Zustand des Altbaus von 1964, der nicht mehr länger tragbar war. Wasserschäden im Gebäude waren mehr die Regel als die Ausnahme, die Säle marode, die Büros veraltet.

„Das Sanierungsprojekt dient nicht nur als gelungenes Beispiel für die wirtschaftliche und erfolgreiche Aufwertung eines Bestandsgebäudes“, sagt die Ministerin. Das Amtsgericht Böblingen als „architektonischer Blickfang“ verkörpere auch den hohen Anspruch der Justiz, den rund 100 Böblinger Bediensteten sowie Ratsuchenden optimale Bedingungen zu bieten. Die Angestellten des Gerichts arbeiten fortan im nicht öffentlichen Bereich des Altbaus, während Verhandlungen, Anhörungen und Beratungen im öffentlichen Neubau stattfinden.

Was auf dem Festakt verschwiegen wurde: zu Beginn der Planung waren 8,5 Millionen an Kosten angesetzt, am Ende war es mehr als das Doppelte.

Tobias Brenner als Direktor des Amtsgerichts zeigt sich „dankbar und erleichtert“ über die Einweihung. „Gebäude machen Institutionen“, sagt er und das Gericht sei nun ein sehr ansehnliches Aushängeschild der Justiz. „Und immerhin das größte bauliche Einzelprojekt der Justiz in Baden-Württemberg.“ Als Geschenk überbrachte ihm Landrat Bernhard – wie soll es anders sein – eine bronzefarbene Justitia. „Als Symbol kämpft sie mit scharfem Schwert blind für Recht und Gerechtigkeit“, sagt er. Wo die Statue in ihrer neuen Heimat einst prangen wird, muss indes noch definiert werden.

Zahlen und Fakten zum Neubau

Fläche
Rund 3300 Quadratmeter misst der Neubau im rückwärtigen Bereich an Grundfläche. Das meiste davon ist für die Öffentlichkeit bestimmt. Vier Säle stehen für das Strafgericht zur Verfügung.

Anfänge
Von 1964 stammt der Altbau des Gerichts, der kernsaniert wurde und nicht mehr für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Darin arbeiten die rund 100 Mitarbeiter des Gerichts, das in Strafgericht, Familien- und Zivilgericht unterteilt ist.