Pfarrer Holger Küstermann hat die Kirche nicht in der Hand – er trägt das Modell der Mauritiuskirche auf Händen. Auch dort sollen sich Menschen treffen. Foto: factum/Weise

In Schöckingen gibt es wieder einen evangelischen Pfarrer. Holger Küstermann wird jetzt ins Amt eingesetzt.

Ditzingen - Ein Jahr lang war die Stelle vakant, nun ist wieder ein Pfarrer am Ort – auch wenn er nicht mehr im Pfarrhaus wohnt, sondern sich dort nur noch das Gemeindebüro befindet. Holger Küstermann, 55, ist der Nachfolger von Matthias Hanßmann, der die evangelische Gemeinde Schöckingen im Sommer 2016 verlassen hatte. Seit dem Einzug im August habe er schon viele schöne Begegnungen gehabt, erzählt Küstermann und ist begeistert. „Die ersten Eindrücke sind klasse.“ Dazu gehört, dass wenige Minuten vor dem Treffen mit den Zeitungsleuten der Kollege und Nachbar vorbeischaut und kurz Grüß Gott sagt.

Küstermann ist weit herumgekommen als Pfarrer. Dabei war er das gar nicht von Anfang an. Das Theologiestudium in Tübingen schloss er zwar erfolgreich mit dem Examen ab – aber er hatte keinen Titel und keine Anstellung. Die Universität gab ihm eine Urkunde mit dem Grad des Diplom-Theologen. Pfarrer in landeskirchlichen Diensten zu werden, war zunächst ein Traum – die Abgangsjahrgänge waren zu groß. Aber da gab es ja noch die Firma der Familie in Ebhausen im Nordschwarzwald: ein Betrieb, der gedrucktes Papier verarbeitet zu Kalendern und vielen anderen Produkten, und der sich in den Achtzigern am Markt etablierte. Der Mittzwanziger trat als Auszubildender ein, er kannte ja bereits jeden Winkel und Produktionsschritt, und lernte Industriekaufmann.

Als er die Lehre nach gut einem Jahr abschloss, hatte er bei der Landeskirche Bonuspunkte gesammelt – und wurde nun zur praktischen Pfarrersausbildung angestellt. Dem Vikariat in Gechingen folgte die Diaspora: Im katholischen Oberösterreich betreute er im Auftrag der hiesigen Landeskirche evangelische Christen. „Das war Kirche ganz anders. Unter Umständen fuhr ich zu einem Geburtstagsbesuch 100 Kilometer.“ Küstermann lacht, wenn er das heute erzählt – im dörflichsten Stadtteil der Großen Kreisstadt Ditzingen braucht er für Besuche nicht mal ein Fahrrad.

Bonus für die Anstellung

Drei Jahre später wieder in heimatlichen Gefilden, folgten Stationen in Glems auf der Alb, in Schönberg bei Pforzheim, in Gäufelden-Öschelbronn und in Schönaich. Viele Stationen widersprachen eigentlich seinem Lebensplan. „Wir wollten möglichst lange irgendwo bleiben. Für die Familie ist die Unstetigkeit schwierig. Man verliert bei jedem Umzug Freunde, gewinnt aber neue hinzu.“ Und manche würden lange bleiben: So komme ein Paar zu seiner Investitur sogar aus Oberösterreich.

„Gott war das Menschsein wichtig“

Stets blieb seine Grundeinstellung dieselbe: „Der Mensch soll Mensch sein dürfen, das ist die Aufgabe der Kirche und die große Chance beim evangelischen Glauben. Wenn das klar gelebt wird in der Gemeinde, ist alles gewonnen.“ Theologisch sei das dadurch begründet, dass „Gott das Menschsein so wichtig war“ – siehe Weihnachten. Für ihn ziehe sich das durchs Jahr. Apropos Weihnachten. Die Kirche könne man als Dienstleister betrachten – sie liefere die Zeremonie zum Fest. Aber es würde doch etwas fehlen, „wenn nicht jeder kommen würde, der kommt“. Auch wenn’s nur einmal im Jahr sei. Bei solchen Gelegenheiten aber müsse die Kirche ihre Chance nutzen – „es darf doch jeder reinkommen“.

Den Glauben zu leben sei ihm wichtig, sagt Küstermann, zum Beispiel mit dem wahrnehmbaren Tischgebet in der Gaststätte oder Kantine. „Aber es muss echt sein, keine Ausstellung.“ Er mache das. Vielleicht deshalb sei einmal in der Reha ein Mitpatient auf ihn zugekommen – ob er mit ihm reden dürfe. „Der Mann wusste gar nicht, dass ich Pfarrer bin.“

Und er wusste auch nicht, dass Küstermann sich als „Mann des Worts“ einschätzt und auf Martin Luther verweist. „Wenn man ernsthaft predigt, passiert etwas. Aber was, weiß ich nicht.“

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